Der Filmblog
Willkommen bei den Schlucks: Bienvenue chez les Ch’tis
Sie könnten auch die Schlucks oder die Schwaben heißen. Aber sie heißen die Schti’s . Sie wohnen am Ende der Welt, im Norden Frankreichs, noch oberhalb von Paris. Unvorstellbar eigentlich. Sie haben ihre eigene Sprache, das ist Schti. Und überhaupt ist alles bei den Schti’s schti. Davor kann man nur warnen. Oder man wird selbst verrückt. Denn wenn Philippe Abrams (Kad Merat), ein biederer Normalfranzose der normalempfindlichen Art, von einer Versetzung träumt, denkt er natürlich an die Côte Azur. Die Liebe zu seiner Frau ist auch aus dem Lot gerutscht, und da wäre so eine Versetzung in den sonnigen Süden eigentlich genau das Richtige. Denkt er sich.
Doch alles kommt anders, kommt schti. Philippe macht einen Fehler. Für seine Versetzung will er vor der Behörde einen Schwerkranken mimen. Nur dann kommt er, so hofft er, in die ersehnte Provinz. Als der Behördenbeamte, der ihn prüft, gekommen ist, hat Philippe noch nicht einmal seinen Rollstuhl ausprobiert. In dem Moment, als der Beamte zur Bürotür hereinschneit, ist schon alles zu spät. Philippe mimt den Schwerkranken im erst Sekunden zuvor ausprobierten Rollstuhl. Und ihm passiert das Unverzeihliche. Als der Beamte, der ihm die Story trotzdem fast glauben will, gehen will, schnellt er plötzlich wie gewohnt reflexartig aus seinem Behindertenstuhl höchstgesund und handschüttelnd hervor – da ist die Lüge offenbar.
Also ab in den bösen Norden, zu den Urfranzosen, den Schlucks, den Südschwaben oder den Nordfriesen Frankreichs. Zur Strafe. Sogar die Polizisten auf der Straße, die ihn anhalten wegen zu-langsam-Fahrens, verzeihen ihm, als sie hören, dass er dorthin fährt, in den kalten Norden, wohin keiner freiwillig fährt.
Die Schti’s reden anders. Sie sind schwerfällig. Sie sind aber auch gutmütig. Aber sie begreifen nichts. Sie trinken. Sie sind lustig, aber ihre Scherze versteht keiner. Philippe, der kluge Normalfranzose, der die Postdirektion in Bragues übernommen hat, zählt zuerst die Minuten am Uhrzeiger. Er will eigentlich nur auf und davon. Doch dann lacht er plötzlich auch mit ihnen. Findet es urkomisch, mit ihnen verrückte Sachen zu essen, normale Dinge in ihrer verrückten Sprache auszudrücken. Genießt den Abschied vom normalen Leben. Problem: wie das der Frau beibringen, die glaubt, dass er Abgründe abschreitet, Todesseelenweh erleidet. Philippe macht das Leben schlicht Spaß, unter diesen halben Analphabeten.
Das kann er seiner bedachten Ehefrau Julie (Zoe Felix) nicht mehr klarmachen Und jetzt zeigen die tumben Schtis sogar Charakterformat. Sie verstärken alles in die unförmige Groteske, die dem Film ein nettes selbstreflexives Augenzwinkern schenkt. Als die Frau ihren Mann besuchen kommt, wird sie in ein Bergmannssilo geschickt, da tobt den ganzen Tag der Teufel. Da wird geschrien, gerülpst und gespuckt. Und nachts, wenn man schlafen will, schreien sich Mann und Frau an, bis der Mann zur Flinte greifen muss und endlich Ruhe herrscht. Julie ist entsetzt und soll es ja auch sein. Sie will zurück. Er will hier oben bei den verrückten Schti’s bleiben. Er ist auf irgendeiner Entdeckungstour. Vielleicht weil er sich selbst irgendwie dabei entdeckt.
Doch das ist bekanntlich gar nicht so einfach. Zum Beispiel muss er den Postausträger tagsüber auf seiner Tour begleiten. Um ihm klarzumachen, dass man Post austragen kann, ohne sich mit jedem zweiten Kunden schon am Vormittag mengenmäßig zu betrinken. Doch als Chef und Angestellter fertig sind mit der Tour, ist Philippe so stockbetrunken wie sein junger Angestellter es nie zuvor war. Nun gehört er auch zu ihnen. Wo es kalt ist, da schmeckt eben der Schnaps.
Der Film verzaubert mit der süßen Leichtigkeit des Seins, ein filmisches Stück Zucker, eine Praline für nebenbei. Die nebenbei gesagt in Frankreich bereits so viele Zuschauer angelockt hat wie kein Film je zuvor. Willkommen bei den Schlucks.
Frankreich 2008
Regie: Dany Boon
Drehbuch: Alexandre Charlot
Dany Boon
Produktion: Eric Hubert
Claude Berri
Jerome Seydoux
Musik: Philippe Rombi
Darsteller: Dany Boon
Kad Merad
Anne Manvin
Zoe Felix
Line Renau Renaud u. a.
Verleih: Prokino
106 Min.
Joe Schmidt / 30.11.08
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