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Der Filmblog

Warum weiterlaufen: The Road

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Sie ziehen eine endlose Straße entlang. Vater und Sohn, am Ende der Zeit, nach dem Ende von allem. Im postmortalem Stadium ist die Welt aschgrau, so grau wie kein expressionistisches Gedicht nur den toten Himmel beschwören konnte. Keine Blumen mehr auf dieser Erde, keine Farben, kein Licht. Nur unablässig Regen, der in diese todesgrauen Landschaften fällt, zwischen denen sich noch ein paar letzte Menschlein hier und da in Winkeln versteckt halten. Voller Angst gegeneinander. Da das Unglück keinen Namen findet in Film und zugrundeliegendem Buch, weiß man nicht, ob es eine gewaltige Krankheit, ein Atomkrieg oder irgendeine andere unvorstellbar-vorstellbare Katastrophe gewesen ist, die diesen Planeten so entvölkert und seines inneren wie äußeren Lebens beraubt hat.

Mit einem Einkaufswagen, voll mit Konserven und dem restlichen Hab und Gut, das sie noch besitzen, ziehen Vater (Viggo Mortenson) und Sohn (Kodi Smit-McPhee) die Un-Straße entlang, die zu keinem Ziel mehr führen kann. Grau grau grau. Tod, Tod, Tod allenthalben. Die Mutter (Charlize Theron) haben sie in ihrem Zuhause zurückgelassen, sie hatte, da sie die generelle Aussichtslosigkeit der Lage nicht mehr ertragen konnte, Selbstmord begangen. Sie war, nach einer der zermürbenden Diskussionen am Familientisch, einfach mit der Jacke vor das Haus getreten, geflüchtet und nie mehr wiedergekehrt. Irgendwo in der Finsternis, zwischen Kälte und vielleicht Kannibalismus verendet.

Denn der Kannibalismus herrscht zur Stunde, er ist das Gesetz der Stunde, kein Spinnerei einiger Wahnsinniger, sondern Ausdruck einer fürchterlichen Hungersnot, da schlechthin nichts mehr jetzt essbar auf der Erde ist. Sie begegnen einer Horde bewaffneter Kannibalen, denen sie nur um Sekunden entgehen. Vater und Sohn verstecken sich am Hang hinter der Straße, ein Kannibale tritt zur Urinierpause ganz in ihre Nähe. Der Vater verschießt eine der zwei letzten Patronen, die er im Revolver besitzt, um vor allem seinen Sohn zu retten. Der Kannibale wird schließlich von seinen eigenen Kannibalenfreunden vertilgt.

Vater und Sohn kämpfen weiter darum, wenigstens noch Tage oder vielleicht Monate überleben zu können. Doch der Dämon wird auch sie fressen. Sie laufen durch ausgestorbene, gefrierpunktkalte Landschaften, die nur noch von ferne an das frühere Leben auf diesem Planeten erinnern, ausgestorbene Städte, Brücken, auf denen noch ein einziges Auto wie nach einer gewaltigen Karambolage oder kosmischen Katastrophe steht, Häuser, in denen sie auf Skelettteile im Schlafzimmerbett stoßen. Todeslandschaften. in denen ein Überleben eigentlich auch sinnlos ist. Aber es ist wie bei den Beckett-Dramen, irgendwie geht es doch weiter. Der Vater hält seine eigene eiserne Cowboy-Moral aufrecht: Du gehörst zu den Guten, kämpfe für das Feuer in deinem Innern, beschwört er den Jungen. Der Junge glaubts ihm. Und sie tappen in der Finsternis weiter. An diesen Stellen wirkt der Film trotz aller bedrohlich heraufbeschworenen Apokalyptik mitunter kitschig, die griffige Schwarz-Weiß-Moral-Malerei überzeugt nicht recht, wirkt schablonenhaft.

Sie stoßen auf ein bewohntes Haus, das im Augenblick verlassen scheint. Sie klettern durchs Fenster, durchsuchen die Zimmer nach Nahrung. Sie suchen auch den Keller ab, doch aus dem Dunkel gellen ihnen plötzlich Schreie von Hungernden entgegen, von der Herrschaft hier als letzte Reserve gehalten, grauenvolle Gestalten, irres Gejammer wie von hungernden Tieren gellt ihnen entgegen.. Wieder überdenken sie, die letzte Kugel zu verschießen, um nicht irgendeinen völlig würdelosen Tod bei Wahnsinnigen sterben zu müssen. Im letzten Moment schreien die gefangenen Fleischreserven jedoch so laut rebellierend aus ihrem Kellerloch heraus und rütteln an den Türen, dass die Herrschaft, die eben zurückgekehrt ist, für einen Moment abgelenkt ist. So können Vater und Sohn durch ein Seitenfenster aus dem Schreckenshaus flüchten. Den Haltern des Feuers gelingt noch einmal die Flucht. Die dantesken Szenerien prägen sich dem Zuschauer unauslöschlich ein. Der Tod packt die beiden Überlebenden an den Schultern, sie streifen ihn immer wieder ab. Und bald stoßen sie sogar einmal wirklich auf ein gefülltes Nahrungsvorratslager.

Sie treffen bald auf einen Greis (Robert Duvall), der kaum mehr mit den Augen gucken kann und ebenso gegens Verhungern ankämpft. Der Sohn hat Mitleid mit dem alten Mann. Der Vater aber warnt, dass der Greis, der eh bald sterben wird, ihnen nur die letzten Lebenskonserven wegfressen wird. Der Sohn entrüstet sich, dass der Vater so hartherzig reagiert, und setzt sich schließlich durch. Doch das Inhumane rückt täglich näher, ist schon da, frisst sich in jedermans Herz.

In einer Schießerei zieht sich der Vater schließlich eine Wunde zu, die ihn schwächt. Kälte und Regen haben ihm offenbar auch eine Bronchitis verursacht. Er, der Hüter des Feuers, ist nicht unanfechtbar. Bald muss er sogar den Wagen mit den Lebensmitteln auf dem Weg zurücklassen und den Sohn den Weg allein weitergehen lassen.

Der Film lebt, ähnlich wie ‚No Counrtry for Old Men, für das ebenfalls Cormac Mc Carthy die Drehbuchvorlage geliefert hat, von den recht holzschnittartigen Denkmustern und der etwas westernartigen Moral abgesehen, von einer ungewöhnlichen Intensität, die nahe an das literarische Original heranreicht. Der überragenden Kraft der Hauptdarsteller ist es zu danken, dass wir uns in die filmische Umsetzung gut hineinfühlen können, auch wenn die aschgraue Maskerade hier und ins Theaterkulissenhafte abfällt.

USA 2009
Regie: John Hillcoat
Produktion: Nick Wechsler
Paula Mae Schwartz
Steve Schwartz
Drehbuch: Cormac Mc Carthy
Joe Penhall
Musik: Warren Ellis
Nick Cave
Kamera: Javier Aguirresarobe
Darsteller: Viggo Mortensen
Charlize Theron
Kodi Smit-McPhee
Robert Duvall
Garrett Dillahunt
Verleih: Senator.-Film
111 Min.

Joe Schmidt / 03.12.10

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