Der Filmblog
Von Vätern, Söhnen und Sauriern: The Tree Of Life
Einer der Ideen des Film scheint es zu sein, dass wir als Menschen mit den Eltern auf mystisch-mysteriöse Weise bis zu den Uranfängen des Universums hin verbunden sind. Und gesetzt, wir verstehen unsere Wurzeln dann, begreifen wir vielleicht auch das Universum. Anders gesagt: wenn wir uns selbst zu erkunden versuchen, werden wir, bei entsprechendem Tiefenblick bis in die Tiefen des Universums hinabgeschleudert, dort wo sich die ersten Wasserstoffverbindungen, Quarks und lächelnden Lichtanteile zu echtem Leben verbinden, der erste Dinosaurier auftaucht und bald auch der schreckliche, sinnsuchende, sinnverstörte Mensch. Malicks höchst ambitionierter Film ist nur etwas für Menschen, die eine Empfänglichkeit für philosophische und religiöse Fragen dieser Art haben.
Denn die eigentliche Erzählperspektive des Films ist eher schlicht. Ein Kind, erwachsen geworden, erinnert sich an seine Kindheit, seine Jugendjahre, und stellt fest, dass es - heute Unternehmer geworden in einem großen Konzern -, von seiner Kindheit noch immer auf unbegreifliche Weise gefangen und aufgewühlt ist. Jack (Hunter McCracken) besaß vorderhand eine biedere Kindheit. Bis auf den Vater vielleicht, den Ursaurier, der ein Übervater und Übersaurier geblieben ist. Gespielt wird dieser Ursaurier von Brad Pitt, der seine Rolle meisterhaft spielt. Er reißt den ganzen Film heraus. Der jetzt erwachsen werdende Sohn (Sean Penn) taucht ein in diesen gewaltigen Erinnerungsstrom, bei dem die Urzustände des Universums permanent Pate stehen.
Selten hat man Brad Pitt in einem so gebrochenen Charakter gesehen, eine Figur, die Kraft hat, eine saubere und Konservativität begründende Lebensatmosphäre in den 50er Jahren der USA wiedererstehen zu lassen, die aber dann umstürzt wie ein Turm. Die Mischung von teils übertriebener Strenge und warmherziger Liebe zur Familie gelingt Pitt erstaunlich gut zu gestalten. Obwohl die Figur des durch seine Erinnerungslast gespaltenen Jack kritisch und interessant angelegt ist, ist er der heimliche Star des ansonsten von philosophischer Tiefschürfung und theologischen Kosmosschutt zweifellos überfrachteten Films, der mit sakraler Hintergrundsmusik, sei es klassisch, sei es esoterisch,und zudem computergesteuerten filmischen Simulationen so dermaßen aufdringlich auffährt, dass er den Zuschauer regelmäßig in dem Ozean der philosophischen Urgewässer ertrinken lässt.
Pitt erschaffteinen autoritären, aber ernstzunehmenden Charakter, der von enormem beruflichen wie familiärten Ehrgeiz angestachelt ist und daher seine Familie in eine Art Delirium des Erfolghabenmüssens verwandeln will. Er leitet nicht nur einen Konzern, sondern spielt auch sonntags die Orgel in der Kirche. Er will überall hoch punkten. Sei nur nicht zu nett zu dir und zur Welt, mahnt er. Wer nett ist, wird ausgenützt. Der amerikanische Erfolgsmensch wird kritisch gemustert. Eingeflochten wird nicht umsonst die biblische Hiobs-Geschichte.
Jack fühlt sich zugleich zur Mutter hingezogen, die das fast klischeehafte Urbild der duldsamen lieben Mutter und Hausfrau abgibt. Der Film breitet Szenen aus, in denen Jacks Kindheit plausibel wird, eine zwischen überstrengem Papa und schwacher Mama irgendwie seelenblockende Welt. Szenen im Garten, im Haushalt, am Familientisch. Unter diesem Schutt wurde der Logos Gottes nie sichtbar. Wird er es jetzt? Den älteren Jack sehen wir nicht nur in einem sinnentleerten Universum versonnen aus dem soundsovielten Stockwerk seines Bürohochauses blicken, sondern auch durch durch sonderbar felsige Wüstenlandschaften laufen, in denen die Orientrierung ständig verloren geht. Hier läuft Jack durch sein Tohuwabohu. Obwohl der Film an solchen Stellen mit enormen Klischees umgeht, hinterlässt er dennoch produktive Unruhe. Am Anfang des Universums stand nicht der Logos Gottes, sondern standen die Verquickungen und Verzahnungen und Vermenschlichungen, der Schmerz, die Erinnerung.
Gott klopft an die Tür in diesem Film. Nicht nur in den kosmischen Visionen, die die Gedankenströme Jacks visualisieren wollen, sondern auch mit der Hiobsparabel, die die Geschichte vom braven Mann erzählt, dem ohne Grund das Lebensglück geraubt wird. Plötzlich zeigt hier Gott seine dunkle Seite. Gehören der Schmerz, gehören die Trauer mit zum Baum des Lebens? Als O’Briens Sohn im Krieg stirbt und seine Firma bankrott geht, steht die Familie vor dem Aus. Kann das alles Gott gewollt haben? Zwischen all den schluckenden Meeren und Lavaströmen, dem gewaltigen mehr oder minder filmisch simulierten Lichteinfall bleiben viele Fragen offen. In der Schlussszene sehen wir einmal das Kind, dann den erwachsenen Jack zwischen den Eltern in einem Wattenmeer laufen. Man weiß nicht, wohin die Wanderung geht, wo sie begonnen hat. Und auch fröhlich stimmt sie nicht. Aber man folgt den Bildern bis zum Schluss.
USA 2011
Regie: Terrence Malick
Drehbuch: Terrence Malick
Produktion: Donald Rosenfeld
Bill Pohlad
Sarah Green
Dede Gardner
Grant Hill
Musik: Alexandre Desplat
Kamera: Emmanuel Lubezki
Darsteller: Brad Pitt
Sean Penn
Jessica Chaslain
Hunter McCracken
Larasmie Eppler
Tye Sheridan u. a.
Verleih: Concorde Filmverleih GmbH
138 Min.
Joe Schmidt / 11.09.11
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