Der Filmblog
Von privaten und öffentlichen Aufständen: Filmfest Hamburg Tag 6
Ein Thema, zu dem Festivalleiter Albert Widerspiel immer wieder gerne Filme zeigt, ist die Lage im Iran. Heute feierte der Film „The Green Wave“ des aus dem Iran geflohenen Filmemachers Ali Samadi Ahadi seine Weltpremiere im größten Kinosaal Hamburgs. Zitate aus Blogs und Tweets über die „Grüne Welle“, eine Reihe von Massendemonstrationen mit vermutlich mehreren Millionen Teilnehmer im Iran, die blutig und mit aller Gewalt niedergeschlagen wurden, werden durch Animationen zum Leben geweckt. Nebenbei gibt es aber auch Interviews mit Exil-Iranern und Handy-Videos von Augenzeugen.
Abseits von einigen Nachrichtenbildern weiß man leider viel zu wenig, was dort passiert. Da kommt ein Dokumentarfilm, der an vielen exemplarischen Beispielen und Augenzeugenberichten verdichtet aufzeigt, wie sehr in dem Land vom Regime dort die Menschenrechte mit Füßen getreten werden, gerade recht. Vom fast ausverkauften Saal gab es für diese mitreißende und erschütternde Dokumentation Standing Ovations.
Im Anschluß lief im selben Saal noch zur Aufhellung der Stimmung „Cyrus“, eine neue Komödie der Gebrüder Duplass, die von der amerikanischen Filmkritik auch der Mumblecore-Bewegung zugeschrieben werden. Diese Bewegung zeichnet sich u.a. durch sehr geringen technischen Aufwand (meist wird mit billigen Videokameras aus der Hand und ohne ausgefeilte Beleuchtung gedreht), viel Improvisation und den Einsatz von Laiendarstellern aus. Der Film „Baghead“ von den Duplass-Brüdern, der letztes Jahr auf dem Filmfest lief, war dafür allerdings sehr viel exemplarischer. Ihr neuestes Projekt wurde immerhin von Scott Free Productions, der Produktionsfirma von Ridley und Tony Scott gestemmt, was die beiden Regisseure nicht davon abgehalten hat, jede Menge von dem formalen „independent spirit“ in ihren neuen Film herüberzuretten. Das höhere Budget hat hier vor allem den Vorteil mit sich gebracht, dass relativ viele bekannte Schauspieler wie John C. Reilly, Marisa Tomei und Catherine Keener gecastet werden konnten, die dann auch wieder „mumblecore“-mäßig improvisieren durften. Daraus entstand eine vorzüglich unterhaltsame Komödie, deren Geschichte zwar etwas vorhersehbar abläuft, die aber von ihren sympathischen Charakteren und viel Situationskomik getragen wird.
In dem Film geht es um den lange Jahre als Single lebenden Loser John (John C. Reilly), der auf einer Party Molly kennen und lieben lernt. Leider lebt bei Molly noch ihr 21-jähriger Sohn Cyrus (Jonah Hill), der Mammi nicht mit ihm teilen möchte und manipulativ tätig wird um die Beziehung zu zerstören. Der empfehlenswerte Film wird übrigens auch eine reguläre Kinoauswertung in diesem Herbst erfahren.
Ein weiterer sehenswerter, aber sehr elliptischer Film stammte von Filmfest Hamburg-Stammgast Denis Coté, einem kanadischen Regisseur aus der Provinz Quebec. Er erzählt die Geschichte von Julyvonne, einem 12jährigen Mädchen, dass bei ihrem etwas merkwürdigen Vater lebt und von diesem beispielsweise nicht zur Schule geschickt wird. Eines Tages findet das Mädchen im Wald unter einer dünnen Schneedecke ein paar Leichen, die auf Sie eine Faszination ausüben. Statt die Polizei zu verständigen, treibt sie sich dort täglich rum. Wie diese Toten dort hingekommen sind, klärt der Film nie auf – und auch vieles bleibt vage und angedeutet. Was der Film dadurch aber schafft, ist die Einsamkeit seiner beiden Hauptfiguren greifbar zu machen – kein uninteressanter Film, auch wenn er einen mit vielen Fragezeichen auf der Stirn zurücklässt.
18. Filmfest Hamburg vom 30.09. bis 09.10.2010
Jan Boltze / 07.10.10
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