[ Sie sind zur Zeit nicht eingeloggt. ] [ Registrieren oder Einloggen im Kontrollzentrum ]

Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Der Filmblog

Von Nilpferden, Ärzten und Abenteurern: Schlafkrankheit

Bild zu Von Nilpferden, Ärzten und Abenteurern: Schlafkrankheit

Nutzer-Kommentare

Zu diesem Beitrag existieren noch keine Kommentare.

Doktor Ebbo Veltens unbezähmbare Leidenschaft ist der Sanaga, der große, von dichtem Regenwald umstandene Fluss in Kamerun. Er würde ihn zu sehr vermissen, wenn er zurück nach Deutschland müsste. Seine Frau Vera (Jenny Schily) will jedoch zurück, weil Helen (Maria Elise Miller), die Tochter, nun so gar keine Lust auf Wildnis und Abenteuer hat. So verabschieden sie sich gemeinsam von ihren Freunden, Ebbo bringt seiner Frau noch bis zur Flughafensperre, um ihr eine Tasche hinterherzutragen. Die beiden wissen in dem Moment wohl nicht, dass sie sich zum letzten Mal sehen.

Ebbo Velten (Pierre Bokma) hat sich festgebissen am dunklen Herzen Afrikas. Er will hier, er muss hier bleiben. Das ist seine tragische Geschichte. Es ist die Geschichte des Films von Ulrich Köhler, der gewissernhaft einem deutschen Arzt in Kamerun auf Entwicklungshilfe ein Tragödienkostüm überstülpt.

Man spürt diese Idee des Filmautors trotz des bilderreichen Trips in den afrikanischen Lebensweltdschungel (Urwald) mit allen seinen sozialen und politischen Problemen deutlich. Köhler, der zu den Begründern der sogenannten ‚Berliner Schule‘ gehört, die Sachlichkeit und Realitätsnähe in der Filmlandschaft einklagen will, begibt sich auf (Dschungel-)Urwaldterrain und sucht den Absprung zum großen, symbolmächtigen Thema. Velten ist in einem Projekt zur Bekämpfung der Schlafkrankheit eingesetzt. Gelder aus Europa, Deutschland und Frankreich fließen. Doch schon bald ist die Seuche besiegt. In einer der ersten Szenen des Films sieht man Velten in einer Kommission in Kamerun mutig Gelder kürzen, weil der Herd des Problems, die Krankheit, besiegt ist und die Gelder keiner Bezwingung von Not mehr zufließen, sondern lediglich noch Wohlstandsglück vermehren.

Im zweiten Teil des Films sieht man einen allein gelassenen Arzt Ebbo Velten, der in Kamerun geblieben ist und die Distanz zu seiner Wahlheimat und seinen Gebräuchen längst verloren hat. Der Film baut jetzt eine Gegengeschichte auf. Der rationale Aufklärer im Kleid eines Pariser Arztes, Alex (Jean-Christophe Folly), der freilich selbst ein Schwarzer, ein Kongolese ist, aber in Frankreich geboren, soll ausgerechnet in dem Programm Veltens eine Evaluation im Namen der EU durchführen. Als er hinkommt,. gleicht das Krankenhaus jedoch eher einer Art glücklichen Hühnerfarm, es gibt keine Schlafkranken mehr. Der junge Evaluent ist verzweifelt. Einen verdienten Arzt, Velten, soll er vor der Behörde bloßstellen? Doch er hat nur Hilfsgelder beantragt, weil er sie offenbar Freunden und seiner neuen Familie zukommen lassen will. Einer der Höhepunkte des Films ist, wie der junge Arzt aus Paris, ein wenig Typus des linkischen Intellektuellen, unerwartet eine Geburt eines Kindes durchführen muss, ausgerechnet des Kindes von Velten selbst, der im Moment nicht auf dem Gelände ist. Während Alex das Kind zu entbinden versucht, ringt er schon beim ersten Anblick von Blut mit Übelkeit und erbricht sich. Glücklicherweise kommt Velten selbst gerade zurück und kann im letzten Moment die Szene retten. Velten versteht ja die Praxis seines Berufs und gewinnt so spontan den Respekt von Alex. Dennoch ist er am Ende, da, wie er sagt, da wo er nie hinkommen wollte.

Wo eine Krankheit geheilt werrden sollte, ist Ebbo einer anderen Art von Krankheit selbst verfallen. Diese Idee umspielt der Titel des Films. Der Schlaf bleibt der Sieger. Velten hat ein Kind gezeugt mit einer Einheimischen, obwohl er weiterhin mit seiner deutschen Frau verheiratet ist. Dieser Tage wird ihn seine deutsche Tochter besuchen. Aus Angst, überhaupt als Versager zu gelten, geht er bald nicht mal mehr ans Handy. Die Familie seiner afrikanischen Freundin setzt ihn zunehmend unter Druck, Geschenke zu machen, die offenbar nur noch über die EU-Gelder zu beschaffen sind. Ebbo ist in das Herz der Finsternis vorgedrungen, den Punkt, wo es kaum mehr ein Zurück gibt. Schuld scheint dabei fast nur seine alles niederwalzende Begeisterung für den großen Fluss und das Leben an ihm. Damals hatte er vor seiner Tochter beteuert, dass er absolut keimfrei sei.

In einer letzten Szene sieht man Velten, im Bewusstsein seiner Schuld, in den Dschungel, den Urwald gehen. Zur Nachtjagd, die er Alex zeigen will. In der absoluten Finsternis sieht der Zuschauer hier und da nur noch Kopflampen aufleuchten. Nichts Leichtes übrigens für die Kameraarbeit. Kurz darauf hört man einen Schuss, einen einzigen, lauten, kurzen. Obwohl Schüsse dieser Art ja zum erprobten Zauberwerk der Szenenkünste gehören, spürt der Zuschauer doch, dass jetzt etwas Bedeutendes zugrunde gegangen ist. Aber was ist es? Der Zuschauer erfährt nicht einmal, ob Velten bei einem Jagdunfall umgekommen ist oder sich selbst umgebracht hat. Er sieht nur einen afrikanischen Begleiter hastig den Wald verlassen.

Einmal zwischendurch, auf dem geliebten großen Fluss in einem Boot schwimmend, erzählt Ebbo scheinbar beiläufig von einem, der den Tod durch ein Nilpferd fand, der mit der Frau eines Stammesgenossen schlief. Die Einwohner glaubten, das Nilpferd wäre die Rache des verratenen Ehemanns gewesen. Als Velten die Geschichte auf dem Fluss erzählt wird, lächelt er, aber befragt nach dem Glauben an Metamorphosen, bejaht er, ja es gebe sie. Er sei ja Entwicklungshelfer, er müsse an Metamorphosen glauben. Gemeint ist hier freilich eher seine eigene Lebenstragödie.

Deutschland/ Frankreich 2011
Regie: Ulrich Köhler
Drehbuch: Ulrich Köhler
Produktion:Maren Ade
Janine Jackowski
Darsteller: Pierre Bokma
Jean-Christophe Folly
Jenny Schily
Hippolyte Girardot
Maria Elise Miller
Sava Lolov
Francis Noukiatchom
Ali Mvondo Roland
IsacarYinkou
Verleih: Farbfilm
91 Min.

Joe Schmidt / 11.09.11

Nutzer-Kommentar hinzufügen

Um Nutzer-Kommentare zu erstellen, müssen Sie eingeloggt sein. Klicken sie auf Kontrollzentrum, um sich einzuloggen oder einen Account zu erstellen.