Der Filmblog
Von Jules und Jim in bisexuell bis Möchtegern-Kunst-Torture Porn: Filmfest Hamburg Tag 2
Das Hamburger Filmfest ist dieses Jahr volljährig geworden – mittlerweile findet es zum 18. mal statt. Festivalleiter Albert Widerspiel hat dieses Jahr wieder eine gewohnt eklektische Mischung in das Programm aufgenommen – von amerikanischen Indepentkomödien wie „Extra Man“ mit Kevin Kline, John C. Reilly und Paul Dano, sind auch Obskuritäten wie der argentinische „Winter-House“ oder Skandalfilme wie „A Serbian Film“ im Programm gelandet.
Die Zusammenfassung des ersten Festivaltags, bei dem ich mitschauen durfte, kann man als sehr wechselhaft beschreiben. Überzeugend waren vor allem der eher mainstream-artige Film „Simple Simon“ über einen am Asperger-Syndrom leidenden jungen Mann. Simon ist Autist und hat damit die Freundin seines Bruders Sam weggeekelt. Damit die alltägliche Routine, die für ihn so wichtig ist, nicht aus den Fugen gerät, macht er sich nach strikt sachlich-formalen Kriterien auf die Suche nach einer neuen Freudin für seinen Bruder. Der Film bietet viel zu lachen, ohne dass man sich über Simon in einer verletztenden Weise lustig machen würde und funktioniert so als wirklich charmanter Unterhaltungsfilm.
Auch in der Pressevorführung bereits zu sehen war der Abschlussfilm des Festivals von Regie-Wunderkind Xavier Dolan. Dolan ist erst 21 Jahre alt, hat aber mit „Heartbeats“ schon seinen zweiten Langfilm abgeliefert, bei dem er nicht nur Regie führte und eine der Hauptrollen spielte, sondern auch Autor und Kostümdesigner und einiges mehr war. Sein Film ist ein sehr französischer. Voller Leichtigkeit und Humor wird von einer Liebes-Dreiecksgeschichte zwischen Marie, Francis (Dolan höchstselbst) und Nicolas erzählt. Francis und Marie sind Freunde, sexuell scheint Francis aber eher Männern hingezogen zu sein. Marie hat einen festen Freund, der in dem Film allerdings kaum eine Rolle spielt. Seelenverwandt ist ihr eher Francis. Als sie die Bekanntschaft mit Nicolas machen, der mit beiden von ihnen zu flirten scheint, geraten die Beziehungen einigermaßen aus den Fugen. Dafür, dass es sich erst um den zweiten Film des Regisseurs handelt, ist er schon ungemein stilsicher inszeniert, irgendwo zwischen Truffaut’schem Liebesdrama und Wong-Kar Wais „In The Mood for Love“.
Der ärgerlichste Film des Tages war „A Serbian Film“, ein Skandalfilm, der aber schon das ganze Jahr über Festivals tourt. Er handelt von dem alternden Pornofilmstar Milos, der aus Geldnot wieder mit dem Drehen anfängt, dabei aber an Produzenten von illegalen Gewaltfilmen gerät. Der Film bietet Nettigkeiten wie die Enthauptung einer gefesselten Frau, die dabei anal vergewaltigt wird, eine Geburtsszene, bei der das Baby (zwar deutlich erkennbar eine animatronische Puppe – aber trotzdem...) zum Oralsex benutzt wird, oder Frauen mit erigierten Penissen erstickt werden. Mit dem Titel wird dreist ein Anspruch behauptet, der über ein paar oberflächliche Anspielungen nicht hinauskommt. Problematisch ist an dem Film gar nicht so sehr, dass er es schafft, mal wieder Tabus zu brechen (was heutzutage gar nicht mehr so leicht ist), sondern eher die konventionelle Hollywood-Dramaturgie, die das ganze noch kalkulierter wirken lässt. Zu einem inhaltlichen Diskurs wird man damit kaum einladen – eher wird sich das Feuilleton darüber die Mäuler zerreißen, ob man so etwas zeigen darf oder nicht. Aus der Vorstellung sind jedenfalls massenweise Leute während der Vorstellung gegangen – eine Viertel Stunde vor dem Ende auch ich – weil eh nur noch eine Eskalation der Gewalt zu erwarten war – und vielleicht der Selbstmord des Hauptdarstellers. Laut Wikipedia endet der Film dann auch genau so.
Schade nur, dass aufgrund der medialen Aufmerksamkeit der Film so auf den Festivals rumgereicht wird. Ein Artikel in der Bild dürfte Albert Widerspiel dank „A Serbian Film“ sicher sein. Von der inhaltlichen Qualität her verdient es der Film aber eigentlich eher, ignoriert zu werden, als große Debatten über ihn zu führen. „A Serbian Film“ ist eher ein Torture Porn à la „Saw“ (allerdings ist dabei das „Porn“ diesmal wortwörtlich zu verstehen) als ein zweiter „Salò“.
18. Filmfest Hamburg: vom 30.09. bis 09.10.2010
Jan Boltze / 03.10.10
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