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Vom Wegräumen des Gewissens: Carnage

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Ein furchtbarer Gedanke für Eltern: der eigene Knirps hat etwas ausgefressen, und sie müssen dafür gerade stehen. So geht es den Cowans. Ihr Sohn hat einem Klassenkameraden bei einer Rauferei einen Zahn ausgeschlagen, ja sogar zwei. Die Eltern des Geschädigten erstatten Anzeige. Es kommt zu einem Aussöhnungsversuch auf elterlicher Seite mit einem persönlichen Treffen beim Kaffee.

Das ist die an sich simple Idee des erfolgreichen Theaterstücks von Yasmina Reza, das der umstrittene Altmeister Polanski mit Stars aus Hollywood jetzt verfilmt hat. Nancy (Kate Winslet) und Alan (Christoph Waltz) stellen sich wie Büßer bei Penelope (Jodie Foster) und Michael (John C. Reilly) Longstreet ein, den Eltern des Jungen. Es wird Kuchen gegessen und verkrampft geplaudert. Tulpen stehen auf dem Tisch, die zeigen sollen, dass die Eltern des geschädigten Kindes gesprächsbereit sind. Doch schon bald wird die Harmonie gestört. Alan ist Rechtsanwalt und wird permanent vom Handy aus mit Telefonaten von lukrativer Firmenmandantschaft attackiert. Ein Pharmakonzern leidet ausgerechnet kurz vor der Aktionärshauptversammlung an dem Publikwerden von schlechten Nachrichten über ein Präparat, das im Handel ist. Das ist eine bittere Pille. Unzählige Telefonate sind notwendig. Alan aber sitzt im Moment als Büßer in einer privaten Kaffeerunde.

Die Gesprächsrunde erhitzt sich. Ob es die Unaufmerksamkeit des Vaters des kleinen Bösewichts ist oder die gewollte Gesprächssituation: man redet zwar freundlich miteinander, aber zunehmend züngeln Bosheiten über den Tisch. Die Gesprächsrunde verwandelt sich in eine Art privater Apokalypse bei Kaffee und Kuchen. Nancy regt sich auf, als sie hört, dass Michael den Hamster seines Sohnes sinnlos vor die Tür gesetzt hat, nur weil er Kriechtiere dieser Art nicht ertragen kann. Ist es möglich, dass Michael und Penelope Moralpredigten halten, wie sich aggressive Kinder und deren Eltern in Grenzsituationen zu verhalten haben, wenn Michael selbst das Lieblingstier des eigenen Kindes gewaltsam aussetzt?

Vergleichbar dem Spielarrangement in Sartres ‚Huis Clos‘, bei dem Menschen auf engstem Raum und in erzwungener Gemeinschaft zunehmend die gesellschaftlichen Hüllen fallen lassen, treten Qual und Entlarvung an die Stelle von Versöhnung und moralischer Korrektheit. Immer wieder wollen die Cowans gehen und stehen schon am Fahrstuhl, aber treten doch wieder zum Höllenritt im Esszimmer der Longstreets an. Schon bald erbricht Nancy den Kuchen auf den Tisch der Gastgeber und beschmutzt die Kunstkataloge der entsetzten Penelope. Entgeistert beginnen Penelope und Michael dieselben sofort zu waschen und zu föhnen. Nancy hat auch ihren eigenen Ehemann getroffen, der sofort minutenlang auf dem Bad verschwindet.

Die Angelegenheit, dass zwei Elfjährige sich geprügelt haben, tritt zunehmend in den Hintergrund. Spätestens wenn Michael einen guten Schnaps aus dem Regal zieht, fallen die letzten Hemmungen. Michael und Alan entdecken, dass sie selbst beide einmal gangleader in ihrer Jugend waren, den einen oder anderen dabei verdroschen. Alan bringt es schließlich deutlich auf den Punkt: in Afrika tragen schon Dreizehnjährige ein Maschinengewehr bei sich. Die Sandkastenspiele amerikanischer Elfjähriger können da kein Anlass zur Sorge sein. Penelope als Vertreterin der political correctness wird grimmig abgefertigt. Die Ehe der Longstreets scheint zunehmend ins Wanken zu geraten, da selbst Michael vor seiner Ehefrau, der hochsensiblen Autorin eines Afrika-Buchs, jetzt kein Blatt mehr vor den Mund nimmt. Für alle scheint es bald der schlimmste Tag ihres Lebens.

Christoph Waltz hat eine Schlüsselfigur in dem bösen Gesellschaftsreigen. Er ist das Genie der Entlarvung. Geplagt von dem Pillendebakel seiner Mandantschaft, fühlt er sich in der Kaffeerunde notorisch unterfordert und schmeißt Zynismen lässig in die Runde. Bis zu dem Punkt, wo seine bereits angetrunkene Ehefrau sein Handy, sein Gesellschaftsmarkenzeichen, in der Tulpenblumenvase versenkt. Jetzt sitzt auch Alan wie der arme Augustin in der Ecke.

Polanskis kongeniale Verfilmung von Yasmina Retz‘ Theaterstück lädt das Kammerspiel mit demselben sarkastischen spirit auf, wie das Original es besitzt. Christoph Waltz hat nach dem fiesen Nazi-Offiziersauftritt in ‚Inglorious Bastards‘ einmal mehr einen Glanzauftritt mit seinem pflichttrunkenen Anwalt als sympathischen Vertreter des Bösen. Das Gewissen über gesellschaftliche Konventionen und moralische Anstandsgespräche verjagt er erfolgreich und rangiert dererlei in die Kategorie von philosophischem Kuchengeplauder. Bleibt einzig noch ein Rest Nachdenken über den Regisseur und dessen Jugendjahre…

Frankreich/USA 2011
Regie: Roman Polanski
Drehbuch: Yasmina Reza
Roman Polanski
Musik: Alexandre Desplat
Produktion: James Roures
Martin Moskowicz
Oliver Berben
Said Ben Said
Piotr Reisch
Kamera: Pawel Edelman
Darsteller: Jodie Foster
Kate Winslet
Christoph Waltz
John C. Reilly u. a.
Verleih: Constantin Film
80 Min.

Joe Schmidt / 23.12.11

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