Der Filmblog
Vom Bewusstsein der Lüge: Nader und Simin
Plötzlich entschließt sich die Frau, das Land zu verlassen, weil der Iran aus ihrer Sicht nicht mehr der richtige Ort für Schule und das Vorankommen ihrer Tochter ist. Der Mann aber will nicht mit. Denn sie pflegen zuhause gemeinsam auch dessen demenzerkrankten Vater, der ohne familiäre Hilfe allein nicht mehr klar kommt. Also landen sie vor dem Scheidungsrichter. Die erste, sehr eindrucksvolle Szene zeigt das Paar in einer Frontale vor dem Familienrichter wie dem endgültigen Schicksalsrichter.
Dann wird eine Geschichte entfaltet, die mitten ins Herz des gespaltenen Iran trifft, das halb liberal, halb traditionalistisch ist. Als Simin (Leila Hatami), die den erkrankten Großvater (Ali Asghar Shabazi) sonst pflegte, die Familie verlässt, bricht das Chaos auf leisen dramatischen Schritten herein. Nader (Peyman Moaadi) muss eine Frau aus sehr einfachen Verhältnissen als Pflegektraft für den Großvater akzeptieren, die noch dazu schwanger ist. Simin, haucht der Großvater flehentlich nur noch, der sonst fast nicht mehr reden kann. Er ruft Simin, als sie schon weg ist. Razieh (Sareh Bayat), die Pflegekraft, hat die Arbeit nur angenommen, weil ihr Mann arbeitslos und über seinen Schulden höchst verzweifelt ist. Doch schon als sie dem dementen Großvater im Badezimmer die Unterhosen wechseln muss, melden sich die ersten religiösen Bedenken bei ihr. Darf das eine Frau nach dem Koran überhaupt? Vielleicht wenigstens ausnahmsweise?
Razieh bringt sich und ihr Kind in jedem Fall in Gefahr. Und sie ist der Aufgabe kaum gewachsen. Ja, ihre Schwangerschaft bedroht ihre Einsatzfähigkeit sogar. Schon am zweiten Tag fesselt sie den Großvater heimlich ans Bett, um in der Mittagspause heimlich zum Arzt gehen zu können. Ausgerechnet an dem Tag jedoch kommt Nader früher nach Hause und sieht, dass der Großvater aus dem Bett gefallen ist und gerfesselt und wie halbtot auf dem Boden in seinem Zimmer liegt. Die Haushaltskasse scheint auch gestohlen. Er ist aufgebracht, wütend, unbeherrscht. Als die Haushälterin vom Arztbesuch nach Hause kommt, entwickelt sich eine Tobsuchtsszene, in deren Verlauf er die Frau regelrecht aus der Tür wirft. Nicht der Zorn, dass sie die Schuld an der Misshandlung Opas abstreitret, ist es, was Nader aufbringt, sondern dass sie, nachdem sie bereits rausgeworfen ist, sogar noch einmal zurückkommt, um ihren Tageslohn einzufordern. Jetzt packt er die Schwangere wirklich grob, dass sie im Nu draußen ist.
Wieder eine, ja mehrere Szenen vor Gericht. Nunmehr stehen sich zwei Familien gegenüber, die von Nader und der Haushälterin. Denn die musste nach dem Sturz auf der Treppe sofort ins Krankenhaus gebracht werden, weil sie eine Fehlgeburt hat. Ist Nader schuld? Alles dreht sich jetzt um die Frage, ob er wusste, dass sie schwanger war, als er sie aus der Wohnung schubste. Wusste er es - eine Schwangere stößt man ja nicht - , verdient er Haft. Wusste er es nicht, kommt er frei. Er setzt sich durch mit der Behauptung, dass er es nicht wusste, obwohl er es ja doch wusste. Denn sonst müsste er wirklich für Jahre hinter Gitter und könnte nicht mehr für seine Tochter und Opa sorgen. Aber Fakt ist, dass seine Tochter Termeh (Sarina Farhadi) jetzt lügen muss, das ist die große dramatische Wendung im Film. Sie, die ihn im Gespräch sogar bereits entlarvt hat, soll und will ihn gleichzeitig sofort vor dem gestrengen Richter (Babak Karimi) decken. Eine unvergleichliche Szene - wer wollte denn einem Kind die Glaubwürdigkeit versagen? Sie weiß, dass er es wusste und lässt es sich auch noch von ihm selbst bestätigen. Dennoch lügt sie vor dem Richter, der sie fragt, ob sie einem Gespräch in der Wohnung beigewohnt habe, wo die Haushlterin erzählt hätte, dass sie schwanger sei. Sie lügt für ihren Vater, der gelogen hat, um weiter für sie dasein zu können. Jetzt lügt sie mit, damit er weiter für sie da ist oder sonst aus irgend einem Grunde. Vielleicht einfach, weil sie ihren Papa liebt.
Mit Leidenschaft kämpft indessen der Ehemann der Haushälterin, der hochverschuldete Schuster Hodjat (Shahab Hosseini), gegen Nader, weil er spürt, dass Nader lügt, wenn auch Nader ja nicht wirklich lügt. Zwar wusste er von der Schwangerschaft und hatte sie im Moment des Zorns nur gleichsam wieder verdrängt. Aber die Haushälterin war am Tag vor dem Unfall im Treppenhaus auf der Straße auch in ein Auto gelaufen, als sie den Opa unbeaufsichigt eine Zeitung hatte kaufen gehen lassen. Die Fehlgeburt könnte also genauso gut bereits hier verursacht worden sein. Das ist die alte Schuldfrage. Bei Tragödien nie so leicht zu beantworten. Der Schuster bedroht schließlich Nader, Nader fürchtet um seine Tochter.
Alles kulminiert in einer Szene, in der Nader dem Schuster Hodjat Geld zahlen will, damit er nicht länger Angst um seine Tochter haben muss, um Blutfehde. Nader, im Bewusstsein der Unschuld, bittet, die Haushälterin möchte auf den Koran schwören, dass er schuldig sei. Das wiederum möchte sie nicht. Sie eilt in die Küche, fängt an zu weinen. Der Schuster ist verzweifelt, weil er durch den Akt der Schuldenbefreiung, der jetzt so greifbar nahe ist, endlich wieder ein normales bürgerliches Leben führen könnte. Doch die Haushälterin fühlt, dass sie durch diese Art der Sühneleistung, die mit einer dreisten Lüge verbunden wäre,schuld auf sich laden würde und vielleicht sogar jetzt ihre eigene Tochter in Gefahr vor Gott bringen würde. Verzweiflung.
In der letzten Szene sieht man wieder in wie in der Eingangsszene Nader und Simin, jetzt mit Kind, vor dem Familienrichter. Das Kind wird befragt, zu wem es gehen möchte. Das Kind will seine Entscheidung nicht in Gegenwart der Eltern aussprechen.Der Richter bittet die Eltern nach draußen. Dort sieht man die Eltern minutenlang warten, während schon der Abspann läuft. Schließlich schwenkt die Kamera langsam und vorsichtig zum heimlichen Günstling des Films.
Iran 2011
Regie: Asghar Farhadi
Drehbuch: Asghar Farhadi
Kamera: Mahmoud Kalari
Produktion: Asghar Farhadi
NegarEskandarfar
Darsteller: Peyman Hosseini
Sareh Bayat
SarinaFarhadi
Leila Hatami
Kimia Hosseini
Shahab Hossein
Babak Karimi
Ali-Asghar Shahbazi
Shirin Yazdanbakhsh u. a.
Verleih: Alamode Film
123 Min.
Joe Schmidt / 11.09.11
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