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Und der Tod klopft sozialistisch an die Türe: Boxhagener Platz

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Wer die untergehenden Jahre der DDR kannte, kannte die qualvolle Morbidität, die aus jedem Straßenwinkel und jeder Gasse kroch. Der Film, der ohne Nostalgie den Zeitpunkt 1968, eine Umbruchszeit auch im anderen Teil Deutschlands, einfangen will, schleicht durchs Arbeiterviertel von Berlin-Friedrichshain rund um den bekannten Platz und zieht Figuren hervor, die glaubwürdig die Atmosphäre wiederspiegeln, in der die DDR damals von Tag zu Tag mehr zur unerträglichen Diktatur mit stalinistischem Vorbild, Bespitzelungen, einer Atmosphäre der Angst und ständigen gegenseitigem Misstrauens wurde. Ein unverfängliches Oma-Enkel-Verhältnis wird zum Aufhänger für das leise Melodram, das mit vielen volkstümlich-humoristischen Elementen gespickt ist.

Oma Otti (Gudrun Ritter) kocht für Holger (Samuel Schneider), wenn er sie fast täglich besucht, und erzählt ihm aus ihrem Leben und lädt dabei allerlei krautige Lebensweisheit bei ihm ab. Noch nicht ganz das tuttelige alte Dämchen, als das wir sie als Zuschauer im ersten Moment wahrnehmen, hat sie noch allerhand Lebensenergie in sich und zieht sogar die Blicke der Männerwelt auf sich. In einer der Eingangsszenen offeriert sie dem erstaunten Enkel, den sie unter anderem darüber aufklärt, wie man mit einem bloßen Glas warmen Wassers den Stuhlgang befördern kann, das Panorama ihrer gehabten Männer. Fünf an der Zahl waren es, sie scheint ihnen selbst sogar allen noch zum verfrühten Tod verholfen zu haben. Und während sie es erzählt, liegt Nummer Sechs bereits im Nebenraum und röchelt leise vor sich hin. Ihm wandert noch ein Granatsplitter aus dem Krieg durchs Hirn, während er seine letzten Tage im Bett vor sich hindämmert.

Oma Otti hingegen werden schon, während sie tags auf den Friedhof ihre abgelegten Männer auf dem Friedhof gießen geht, Angebote von neuen Männern gemacht. Da ist der Karpfen-Kopf, der Fischhhändler Winkler (Horst Krause), der als unverbesserlicher Alt-Nazi gilt und ihr Makrelen auf den Heimweg vom Friedhof mitgeben will, die sie gar nicht mag. Er singt noch heimlich Kampflieder der Nazis, während er der fesch gebliebenen Otti hinterhergeilt. Als sie nicht reagiert und trocken sogar behauptet, gar keinen Fisch zu mögen, passt er kurzerhand den Enkel auf dem Heimweg von der Schule ab und gibt ihm für die Oma einen dicken Karpfen auf den Nachhauseweg mit, den dieselbe auch voller Genuss zu Hause zubereiten wird. Nur solle der Holger dem Fischwinkler am nächsten Tag ja sagen, dass sie den Karpfen sofort weggeworfen hätten.

Bald jedoch geschieht das Unerhörte im Kiez, ein Mord. Ausgerechnet der Fischwinkler wird erschlagen in seinem Geschäft aufgefunden. Unruhe kommt ins Viertel. Wer war’s? Die Polizei ist auf den Beinen und spricht Verdächtigungen aus. Ein Säufer, der seinen Sohn schlägt, wird verhaftet, aber scheint es doch nicht gewesen zu sein. Immer mehr kommt auch Unruhe anderer Art ins Viertel. Plötzlich werden Flugblätter verteilt, Russen raus aus Prag. Wer war das nun? Studenten aus West-Berlin? Haben die auch den Fisch-Winkler?

Enkel Holger macht Spaziergänge mit Karl Wegner (Michael Gwisdek), der ebenfalls um Ottis Hand anhält und sogar erfolgreich. Er ist Alt-Spartakist und sieht sich als wahrer Kommunist. Er hasst die Nazis, aber auch das nazihafte Gebaren der Sozialisten heute, die die Idee verraten haben. Er stachelt den jungen Enkel an, die ein oder andere böse Bemerkung im konformistischen Schulunterricht loszulassen, was ihm schließlich übel bekommen soll…

Geschonneks Film erlaubt sich einen bösbittren Spaß auf das Ende des Sozialismus, dessen Untergang er anrührend und mit dem Hang zum Alltäglich-Versöhnlichen zelebriert. Der Tod wandert durch die Gassen und stellt den Bürgern nach. Die Stasi zwingt den Kneipier des ‘Feuermelders’, bei seinen Gästen Informationen über den Mordfall einzuholen. Das bedeutet das Ende der Kneipe. Die Frau vom verhafteten Säufer kommt verzweifelt zum Vater Holgers, um sich auszuweinen, aber alles, was sie erreicht, ist, dass der Konformist Klaus-Dieter (Jürgen Vogel) sie Handabdrücke an einer Bierflasche nehmen lässt. Die Mutter von Holger will in den Westen und außerdem mal wieder richtig Liebe machen, aus irgendeinem diffusen Freiheitsdrang heraus. Spaß hat sie mit ihrem Mann im Bett erst wieder, als der sich selbst mit seiner Obrigkeit anlegt. Kaum dass Otti Nummer Sechs nachts im Bett die neue Liebe beichtet und Erwin, als er dabei laut zu schnarchen beginnt, heftig in die Rippen stößt, ist er plötzlich weg. Der Tod steht überall hinter der brüchigen Tür und braucht nur noch leise angetippt zu werden, um hereinzubrechen. Der Film ist ein einziger Friedhosspaziergang, wobei sich Oma Ottis Spaziergänge über den Friedhof mit der politischen Lage der Zeit atmosphärisch verschmelzen. Wenn der Wind schroffer durch die Blätter der Bäume bläst, sind ein paar Tote zuviel gestorben, sagt sie einmal.

Deutschland 2010
Regie: Matti Geschonnek
Drehbuch: Torsten Schulz
Kamera: Martin Langer
Produktion: Nicole Swidler
Thomas Wöbke
Jakob Claussen
Darsteller: Gudrun Ritter
Samuel Schneider
Horst Krause
Jürgen Vogel
Meret Becker u. a.
Verleih: Pandora
103 Min.

Joe Schmidt / 08.04.10

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