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Der Filmblog

Tutti Revoluzzi: Der Baader Meinhof Komplex

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Schon seit vielen Wochen steht der Film in den Charts. Er scheint, trotz allem, einen Nerv getroffen zu haben. Die Frage bei dem Film bleibt: warum einen Unterhaltungsschocker, einen Politthriller für einen Stoff, der so viel behutsameren Umgang verlangte, der doch den losgaloppierenden Emotionen gar nicht so freien Lauf geben darf? Oder können wir das Geschichtskapitel des Terrorismus mit diesem Film zum ersten Mal jenseits politischer Optionen abschließen? Weil wir den richtigen Abstand gewonnen haben? Das ist die Frage.
Der politische Fanatismus und Fundamentalismus, der nach Handgranaten und Bomben greift, um seine Ziele mit Gewalt durchzusetzen, ist bekanntlich alles andere als passé. Heute kommt er freilich eher von rechts, kleidet sich religiös und will - übrigens wieder anti-amerikanisch - an Wahrheiten erinnern, die vom Sogstrom der Zivilisation und bürgerlicher Nachlässigkeiten niedergerissen worden scheinen. Doch während die religiösen Fundamentalisten Sprengstoffattentate verüben, um an den verlorenen Gottesglauben zu erinnern, hatten die Extremisten in den 60er Jahren teil an der linkspolitischen Welle, die in der konservativen Adenauer-Ära und den Jahren danach loskeimte und sich dann vor allem in der Studentenrevolte Luft verschaffte.
In den Eingangsszenen des Films sieht man eine engagierte junge Studentin anlässlich des Schah-Besuchs im damaligen Westberlin eifernd gegen den Unterdrückerstaat des Staatsgasts eine Rede schwingen, die so unbeholfen wie ernst gemeint wirkt. Aufrüttelnd wirken die authentischen Bilder von der höchst irrationalen Lust der bewaffneten Polizisten, die protestierenden Studenten niederzuknüppeln. Es scheint diese besondere Atmosphäre der späten 60 er Jahre, die auch die Keimzelle der Gewaltbereitschaft der Extremisten darstellte.
Denn schon wenige Bilder später, nachdem wir die Journalistin Ulrike Meinhoff (Martina Gedeck) als Intellektuelle bei einem Fernsehinterview argumentieren gesehen hatten, sehen wir sie beteiligt an der bewaffneten Befreiung Andreas Baaders, der gerade eher zufällig einer Polizei-Razzia zum Opfer gefallen war. Ein wissenschaftliches Institut für Sozialforschung wird zum Schauplatz der Befreiung eines Staatsfeinds, bei der Schüsse fallen und es erste Schwerverletzte gibt. Erst will Ulrike Meinhoff noch die Maske wahren, dann springt sie plötzlich doch den Befreiern durchs Fenster hinterher. Damit hat sie sich für den politischen Untergrund entschieden. Fortan steigert sich bei den Verschwörern, zu denen nunmehr auch sie zählt, immer mehr die bekannte Spirale der Gewalt.
Der Film will beides: das Psychogramm der Verschwörer zeichnen, die die Polizisten Schweine schimpfen, wie die Ereignisse in der Kette nachzuzeichnen. Halb Milieustudie also, halb fortlaufender Fernsehbericht, in dem die wohlvertrauten Gesichter alter Fernsehansager und Politiker eine Art vordergründige Kontinuität abgeben.
Die Politverschwörer, die mehr und mehr zu Politgängstern werden, kämpfen gegen Unterdrückung, amerikanischen Imperialismus und nebenbei vor allem für die freie Liebe. Sie sind halb Kleingannoven, die der nächsten besten Oma auf der Straße in die Tasche greifen wollen, halb Idealisten, die mit umwölkter Stirn Ziele anvisieren, die der tumbe Kleinbürger eben nicht versteht. Der Film schafft es tatsächlich, sie in dieser Ohnmacht zu zeigen, einerseits unbestimmten Idealen hinterherzukämpfen und andererseits doch bei alledem mitunter so beklemmend banal zu wirken. In einer bezeichnenden Szene sieht man den hitzigen Andreas Baader (Moritz Bleibtreu) den Rechtsanwalt Horst Mahler (Simon Licht) dazu anstacheln, einer alten Frau auf offener Straße in Rom die Geldbörse aus der Tasche zu ziehen. Da verrät sich, dass zwischen den politischen Diskussionen die Antriebe zur revolutionären Politik mitunter nur der Lust an der Überschreitung der Grenzen der Politik geschuldet waren, der Lust an der Kriminalität.
Halb Fernsehdoku also, halb Politthriller, den die Musik von Peter Hinterthür und Florian Tesslof noch unverschämt anfeuert, zeigt der Film fortan Banküberfälle, die als Enteignungen am kapitalistischen Eigentum getarnt werden, zerbrannte Leichenteile von Soldaten bei einem Sprengstoffanschlag auf einen amerikanischen Militärstützpunkt in Heidelberg, zeigt im Springerpressehaus Bomben detonieren, die unzähligen Mitarbeitern sinnlos die Leiber zerfetzen, während die kämpferischen Idealisten in Hochform auf der anderen Straßenseite im Auto flüchten. Da zerplatzen Autos von Ehegattinnen von Repräsentanten der Gesellschaft. Es geht immer auch um die Lust an der action. In anderen Szene sieht man i revoluzzi bei den palästinensischen Guerillas Waffenübungen durchführen. Da robben sie wie Frontsoldaten durch simulierte schmutzige Schützengräben. In einer anderen Szene liegen sie, Männer und Frauen, nackt auf einem Mauervorsprung und genießen die Sonne. Als die Gastgeber, die Palästinenser, die in diesen Dingen denn doch sehr orthodox und konservativ denken, protestieren, dass Frauen sich nicht so nackt in der Öffentlichkeit präsentieren dürften, grinsen die RAFisten ihnen einfach ihren eingängigen Slogan entgegen: fucking and shooting are same. Tutta la revoluzione tutti frutti. Die Terroristen sind Hedonisten. Trotzdem kooperieren die RAFisten noch lange mit den PLOs.
Der Film zeigt die Tragödie der Lust an der Gewalt. Andreas Baader ist der Macher, der den Gewaltknopf immer wieder aufdreht, seine Geliebte Gudrun Ensslin (Johanna Wokalek) gibt den gelungenen Gegenpart, beides Starschauspieler aus Film und Theater, die dem Zuschauer natürlich Herzdrücken verursachen. Identifzieren sich nun unsere besten Schauspieler mit den gewaltverliebten Idealisten? Oder will uns der Film sagen, dass der Terrorismus das letzte Signal eines noch halbwegs ernstzunehmenden politischen Protests war, der jetzt endgültig im mainstream erstickt ist? Da ruckt man unruhig auf seinem Kinsosessel hin und her und legt die Popcorntüte auf jeden Fall erst mal zur Seite.
Der Film erreicht seine Höhepunkte, als die Verschwörerbande in Stammheim einsitzt wie ein Rudel von Bestien, die den Staat bedrohen. Jetzt kommt alles darauf an, das Rudel zu befreien, um letzte Kräfte zur Zerstörung des Polizistenstaats aufzubringen. Die RAFisten der zweiten und dritten Generation sind aufgewacht und entführen schon mal eben eine Lufthansa-Maschine oder entführen einen Bankenchef. Wir blicken auf Bilder von Altkanzler Helmut Schmidt, der mit betroffener Miene im Fernsehen verkündet, dass der Terrorismus nicht die Lösung der Probleme darstelle. Und nachdem auch Flugzeugentführung und Bankenchefkidnapping nichts mehr gebracht haben, um die ‘politischen Gefangenen’ zwangszubefreien, zeigen die Verschwörer ihre größte Autonomie im kollektiven Selbstmord im Gefängnis.
Aus der Traum? Doch der Mythos war längst geboren. Der Chef des Bundeskriminalamts Horst Herold (Bruno Ganz) hat die schwere Aufgabe, die eigentlich geistige Gegenposition aufzubauen. Notwendig misslingt das, ihm sind die starren Züge eines Polizeistaatschefs eingeschrieben, der die Staatsbedrohung ausmerzen will von Grund auf. Zumal es über die kleine Verschwörerbande hinaus unzählige Sympathisanten, ganze Teile der Bevölkerung zu geben scheint, die er damit notwendig mit im Visier hat. Und es scheint, dass sie ja mit der Filmgemeinde inzwischen sogar wieder angeschwollen sind. 

Deutschland 2008
Regie: Uli Edel
Drehbuch: Bernd Eichinger, Stefan Aust, Uli Edel
Musik: Peter Hinterthür
Florian Tessloff
Darsteller:
Moritz Bleibtreu
Martina Gedeck
Johanna Wokalek
Bruno Ganz
Jan Josef Liefers
Nadja Uhl
Niels Bruno Schmidt
Stipe Evaq
Vinzenz Kiefer
Simon Licht
Tom Schilling
Verleih: Constantin Filmverleih
150 Minuten

Joe Schmidt / 18.11.08

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