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Sturm: Ein Interview mit Hans-Christian Schmid

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Original Score: Herr Schmid, haben Sie Ihren Film “Sturm” selbst noch einmal gesehen, als er jetzt in die Kinos kam?

Hans-Christian Schmid (rechts im Bild gemeinsam mit den Darstellern Rolf Lassgard, Anamaria Marinca und Kerry Fox): Ich habe ihn mir im Februar angesehen, als er im Berlinale-Wettbewerb gezeigt wurde und dann noch mal im August in einer Open-Air-Vorstellung während des Filmfestivals in Sarajevo. Aber ich bin nicht extra noch mal zum Kinostart ins Kino gegangen, um den Film zu sehen.

Den meisten Zuschauern hier in Deutschland fällt es schwer, sich in ein persönliches Verhältnis zum Bosnien-Krieg zu bringen. Wir nehmen an, dass Sie auch kein besonderes persönliches Verhältnis zu dem Stoffkomplex haben. Was machte für Sie die Arbeit am Stoff so reizvoll?

Mir geht es wie den meisten hier, glaube ich. Der Krieg damals war schwer zu verstehen und er scheint weit zurückzuliegen. Aber in “Sturm” geht es um die Gegenwart, um die Arbeit des Tribunals in Den Haag. Mich hat fasziniert, dass da versucht wird, zumindest einen Teil der Wahrheit ans Licht zu bringen. Es gab seit den Nürnberger Prozessen kein internationales Kriegsverbrechertribunal mehr, das ist also schon eine Besonderheit, dass man diesen Versuch jetzt in Den Haag unternimmt.

Der Krieg ist im Film eigentlich ein sehr männliches Thema. In Ihrem Film “Sturm” spielen zwei Frauen die Hauptrollen. Inwieweit hat dies die Sichtweise auf Täter und Opfer beeinflusst?

Ich sehe “Sturm” weniger als Film über den Krieg, sondern eher als einen Film über eine Anklägerin, die sich fragen muss, ob sie ihre Integrität bewahren kann oder nicht. Ausgehend von dieser Figur schien es uns richtig, als zweite Geschichte, die einer Zeugin, eines Opfers, zu erzählen. Die Dynamik zwischen diesen beiden Frauen steht im Kern der Erzählung.

Der Film läuft mitunter Gefahr, als Geschichtsdokumentation missverstanden zu werden. Tatsächlich denkt der Unkundige zuerst, es habe General Duric gegeben. Warum gestalten Sie Ihren Film so absichtlich dokumentarisch? Haben Sie das Gefühl, dass der Film dadurch an Glaubwürdigkeit gewinnt?

Ich erzähle nah an der Realität, weil ich es nicht mag, wenn ich im Kino sitze und mir als Zuschauer darüber bewusst bin, dass ich Schauspielern dabei zusehe, wie sie in einer von einem Drehbuchautor ausgedachten Geschichte spielen. Für manche Genres mag das kein Problem sein, für die Geschichte, die wir erzählen, schon.

Sie vermeiden konkrete Rückblenden auf den Krieg. Fanden Sie es eindrücklicher, nur von ihm erzählen zu lassen als ihn zu zeigen?

Ja. Ich glaube, man braucht keine Rückblenden, um klar zu machen, was jemandem wir Mira damals passiert sein könnte. Ich glaube, es ist strärker, wenn sie darüber spricht und sich der Rest in den Köpfen der Zuschauer abspielt.

Die Aufarbeitung der Geschehnisse entpuppt sich als aufreibende Detailarbeit, wie die Rekonstruktion des Wendekreises eines Linienbusses zeigt. An solchen Details scheitern die Figuren in ihrem Film mehrfach, obwohl ihr Ziel klar und eindeutig vor ihnen liegt. Ist das auch als Entzauberung eines Idealismus zu verstehen, welcher viele angehende Jurastudenten umtreibt?

Ich wollte niemandem den Idealismus nehmen, aber die Aufarbeitung von Geschehnissen, die in einem Krieg vor fünfzehn Jahren stattfanden, ist nun mal nicht einfach. Es geht oft um Details, um Kleinigkeiten. Das, was das Tribunal zu erreichen versucht, gibt es nicht ohne diese Anstrengungen.

Die Hauptfigur unterscheidet sich von anderen Juristen dadurch, dass sie zugleich politisch, persönlich-emotional und diplomatisch in die Aufarbeitung eingebunden wird. Sehen Sie dies als eine Sonderrolle an oder müssen Ankläger in Den Haag all dies selbstverständlich sein?

Ich glaube, alle Ankläger versuchen erst mal, sich nicht emotional oder politisch zu involvieren, sondern sachlich und konzentriert ihre Arbeit zu machen. Aber manchmal lassen die Umstände das eben nicht zu. Es gibt eine Reihe von Anklägern, die uns bei Interviews erzählt haben, dass ihnen der Zeitdruck, den die UN dem Tribunal auferlegt haben, sehr zu schaffen macht. Das Gericht steht zum Teil in politischen Abhängigkeiten und da sind auch emotionale Reaktionen der Beteiligten, deren Arbeit das beeinträchtigt, nachvollziehbar.

Der Selbstmord Alens bleibt für den Zuschauer ein Rätsel. Hannah Maynard sagt einmal selbst, wegen so einer Falschaussage bringt sich doch niemand um. Würde nicht Alen gerade auch den perfekten Einzelkämpfer abgegeben haben? Opfert das Drehbuch die Figur Alens also, um den Krieg und die Geschehnisse des Tribunals aus der Geschichte zweier Frauen erzählen zu können?

Ich finde seinen Selbstmord nicht rätselhaft. Er fühlt sich dafür verantwortlich, dass seine Schwester an jenem Nachmittag losgezogen ist, um nach ihm zu suchen. Sie wollte ihn schützen und kam so selbst in Gefahr. Das lastet schwer auf ihm. Als er seinen Auftritt vor Gericht verpatzt, ist er jeder Hoffnung beraubt.

Die Ausflüge in das ehemalige Kriegsgebiet wirken so trostlos, wie man es sich nur vorstellen kann. Haben Sie die Länder des ehemaligen Jugoslawiens besucht und sie deshalb so farblos gefilmt?

Wir waren zur Recherche in beiden Teilrepubliken Bosniens. In der Republika Srpska und im kroatisch-muslimischen Teil. An manchen Orten sind die Spuren des Krieges noch sichtbar, an anderen nicht. Wir haben da weder etwas beschönigt, noch den Versuch unternommen, die Orte schlimmer aussehen zu lassen, als sie uns schienen.

Mira wirkt in ihrer ehemaligen Heimat wie ein Fremdkörper. Ist diese Entfremdung von den eigenen Wurzeln angesichts der Greueltaten ihrer Meinung nach weit verbreitet?

Mira ist insofern ein Sonderfall, als sie die Hälfte ihres Lebens in Berlin verbracht hat. Sie sagt im Film, dass sie mit etwa fünfzehn Jahren Bosnien verlassen hat und seitdem kaum zurückgekommen ist. Ich glaube, man entfremdet sich mit diesem geographischen Abstand. Für die, die dort geblieben sind oder nach dem Krieg zurückgekehrt sind, ist das sicher schwieriger.

Die Provinz ist auch Jahre nach Beendigung des Krieges gespalten. Die Ermittler, auf der Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit, müssen auch gegen Widerstände im Opferland ankämpfen. Raubt das den Figuren nicht noch mehr die Illusionen?

Es gibt diese Widerstände, vor allem in der Republika Srpska. Aber ich glaube nicht, dass die Ermittler des Tribunals sich bezüglich ihrer Arbeit, die sie zum Teil ja schon lange Zeit machen, besondere Illusionen machen. Desillusionierend wäre es, wenn es gar keine Entwicklung hin zu einer Befriedung der Nachkriegsgesellschaft geben würde, aber die gibt es meiner Meinung nach. Das dauert nur seine Zeit.

Am Ende des Films steht, trotz Engagement und Entbehrung der Hauptfiguren, ein fauler Kompromiss, ein politischer Deal. Ist die Realität ihrer Meinung nach ebenso zynisch? Sind es filmische Schreckschüsse oder ist Ihre Perspektive auf das vereinigte Europa tatsächlich so düster? Liegen noch zuviele Leichen in den Kellern?

Deals an Gerichten gibt es nicht nur am Tribunal sondern auch an deutschen Gerichten. Sie sind Teil der Realität und meist haben sie mit Kostengründen zu tun. Wir haben nichts hinzuerfunden, was nicht durch Recherche abgesichert wäre. In jüngster Zeit gab es Fälle am Tribunal, da wurden Zeuginnen nicht mehr zugelassen, weil das Zeitkontingent nicht ausreichend war. Trotzdem habe ich Hoffnung, dass es eine Perspektive für das vereinte Europa gibt. Auch wenn die Arbeit des Tribunals nicht fehlerfrei sein mag, empfinde ich das, was dort erreicht wurde, doch als großen Fortschritt. Das Völkerrecht hat nicht viele Beführworter, man muss es schützen und stärken.

Ich danke Ihnen für dieses Interview.


» Eine Rezension zum Film "Sturm" können Sie im Filmblog von Original Score nachlesen. Folgen Sie dazu diesem Link.

» Weitere Informationen, darunter das komplette Originaldrehbuch, Einblicken in die Entstehungsgeschichte sowie einem ausführlichen Gespräch mit Hans-Christian Schmid, beitet das offizielle Filmbuch. Das knapp 300 Seiten starke Buch ist beispielsweise bei amazon.de bestellbar und kostet 18,00 Euro.

Joe Schmidt / 29.09.09

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