[ Sie sind zur Zeit nicht eingeloggt. ] [ Registrieren oder Einloggen im Kontrollzentrum ]

Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Der Filmblog

Spiel die Liebe: Whatever Works

Bild zu Spiel die Liebe: Whatever Works

Nutzer-Kommentare

Zu diesem Beitrag existieren noch keine Kommentare.

Sagen wir so: es ist vielleicht nicht Woody Allens bester Film, aber mit Sicherheit einer seiner vergnüglichsten. Neunzig Minuten sitzen die Pointen wie freche Hiebe bei einem Worteduell, das muss man erst mal hinbekommen. Und Allen hat ein Thema, das im Hintergrund mitschwingt, mit dem er der Adaption des Pygmalion-Stoffes eine neue Grundierung gibt: die religiösen Leute. In Amerika gibt es sie bekanntlich seit ein paar Jahrzehnten wieder wie Sardinen auf dem Markt sizilischer Fischer. Allen lässt einen von Weltschmerz erfüllten alternden Physiker, der es fast zum Nobelpreisträger gebracht hat – aber eben nur fast -, einem jungen, naiven Mädchen begegnen, das aus der Provinz kommend in New York praktisch direkt in seine armselige Hinterhofwohnung hineinstolpert – und dort auch noch für eine ganze Weile bleibt. Quelle horreur.

Mit einem Rest von Leben nach einem blamabel gescheiterten Selbstmordversuch in der Tasche muss der lebenspessimistische, humpelnde, unter gelegentlichen Panikattacken leidende Weltschmerzphysiker Boris Yelnikoff (Larry David) jetzt ertragen, dass sich ihm die junge blonde Melody (Ann Rachel Wood) völlig naiv anvertraut und sich dabei sogar in ihn verliebt. Im Quadrat seiner von Selbstbezüglichkeiten erfüllten Existenz gefangen genommen ist er jetzt gezwungen umzudenken. Die junge Blonde geht mit ihm spazieren, will New York entdecken, das Leben, genau das alles also, was sie in ihrer Heimat nur im Kleinformat kennengelernt hat und was umgekehrt Boris lange verabscheut. Er bevorzugt den Gedanken an das leere Universum, in dem Zufallsfaktoren scheinbare sinnlose und menschenfremde Konstellationen verursachen. Dass sich das Universum für ihn doch noch einmal zögernd und zaudernd mit Sinn erfüllen kann, hätte er nicht gedacht. Und doch hat die Komödie genau das mit ihm vor – und glücklicherweise nur für ein paar Szenen in dieser harmonisierenden Weise.

Denn Mutter und Vater von Melody, die zu den aufgebrachten religiösen Leuten gehören, fahnden nach ihrer Tochter. Sie wollen sie zurückholen in ihre heile Welt. Während Melody bei Boris gerade Techno auflegen will und Boris ihr das verbietet und sagt, du hörst jetzt Beethovens Schicksalssymphonie, pocht es wirklich an der Tür der verwrackten Philosophenwohnung, die besorgte Mutter Marietta (Patricia Clarkson) steht im Türrahmen. Als sie sieht, dass ihre junge Tochter, die in den Südstaaten schon Schönheitswettbewerbe gewonnen hatte, mit diesem humpelnden, böswillig daherquatschenden Untier verheiratet ist, fällt sie prompt in Ohnmacht. Soweit sogut, das sind klassische Komödienelemente, die Allen natürlich virtuos beherrscht. Doch er malt, wie gesagt, noch an einer anderen Themenstaffelei. Befreit auch nur kurzzeitig von ihrer unglücklichen Ehe entdeckt die Mutter in New York plötzlich, dass sie eine gute Fotokünstlerin ist. Einer der Freunde von Boris findet nicht nur ihren Po öbstlich ansprechend, sondern auch die Fotos, die sie bei den Schönheitswettbewerben der Tochter gemacht hat. Voila, die Mama ist mit einem Mal und völlig unerwartet in der Künstlerboheme von New York angekommen. Ihre Fotos werden rumgezeigt, ausgestellt und gelobt. Sie entdeckt die Liebe mit mehreren Liebhabern, sie entdeckt ihr ganzes glückliches Leben, das die Christenehe zuvor unterdrückt hatte. Wie eine frisch bekehrte Teufelin will sie nun auch ihre Tochter bekehren, das Leben nicht länger mit dieser alternden Küchenschabe zu verbringen.

Whatever works ist die Maxime des Films und einer der Sätze des raunzigen Boris, der auch in der Liebe nur an die Kurzzeitigkit der Bindung der Atome glaubt. Und gemeint ist damit das selige, heidnische, der Kunst zugewandte Leben, das von keiner Gottesdisziplin niedergedrückt wird. Und in gewisser Weise das postmoderne Ursätzchen Anything goes, das die religiösen Leute, die Fundamentalisten, so verabscheuen. Als Melody Boris verlässt, hat ihn die Melodie des Lebens dennoch nicht verlassen. Bei einem zweiten Selbstmordversuch springt er wieder durchs Fenster, aber ausgerechnet auf eine unten vor dem Haus laufende Zukunftsseherin. Nicht die Zukunft hat ihn jedoch eingeholt, sondern das Glück, das in diesem gewaltigen, leeren Universum eben auch vorgesehen ist. Der christlich bigotte Vater, der schließlich auch noch im Türrahmen des Weltschmerzphysikers steht, entdeckt in dieser turbulenten Komödie schließlich auch auf unerwartete Weise ein Leben ohne vorgegebene Vorschriften und Glücksparagraphen. Es lebe die Kunst, der Sex und New York. Happy Christmas wünscht ... Joe Schmidt.

USA 2009
Regie: Woody Allen
Drehbuch: Woody Allen
Kamera: Harry Savides
Produktion: Letty Aronson
Stephen Tenenbaum
Darsteller: Larry David
Ann Rachel Wood
Patricia Clarkson
Conleth Hill
Ed Begley Jr.
Michael McKeen u. a.
Verleih: Central-film
92 Min.

Joe Schmidt / 25.12.09

Nutzer-Kommentar hinzufügen

Um Nutzer-Kommentare zu erstellen, müssen Sie eingeloggt sein. Klicken sie auf Kontrollzentrum, um sich einzuloggen oder einen Account zu erstellen.