Der Filmblog
Spaß mit dem Bösen: Inglourious Basterds
Tarantino lacht sich tot in dem neuen Film über Leute wie Hitler, Göring, Goebbels und seine abertausend Schärgen, die Deutschland in eine Todeshölle verwandelten. Dies Totlachen ist ein aufrichtiges kathartisches Gelächter, Tarantino lacht gewissermaßen mit so sardonischer Lust über die Nazi-Bösewichte, wie sie ihrerseits mit Zynismus als reale Monstren Europa aus dem Lot kippten. Kippen wollten, müsste man besser sagen, wenn man den Film gesehen hat… Denn Tarantino lacht von Szene zu Szene immer lauter, bis sich die Todeshölle der Nazis in der Phantasie seines Films in eine Todeshölle für die Nazis verwandelt hat, also eine Hölle, in der sie untergehen müssen.
Eine Unterscheidung zwischen E und U, zwischen Ernst und Unterhaltung ist bei diesem Kultregisseur grundsätzlich nicht möglich. Tarantino erzählt eine aberwitzig verrückte Geschichte scheinbar höchst ernst. Er schreibt jedoch in Wahrheit als irrwitziger Clown die Geschichte des Bösen in Deutschland um - und verschaukelt sicherheitshalber auch gleich den Zuschauer der Gegenwart dabei, der nach dem Kinobesuch zuhause im Konversationslexikon vielleicht blättert, ob es diese Skalpjäger, diese Basterds wirklich gegeben hat. Nein, es gab sie nie. Aber es gibt sie jetzt. Tarantino belehrt die Historiker.
Tarantino lässt seinen irrwitzig parabelbeschwerten Naziwestern mit Bildern von epischer Schwere beginnen. Ein französischer Milchbauer schlägt Holz, seine Töchter hängen Wäsche auf. Ein uralt ewiges Bild irgendwo aus dem Frankreich des 19. Jahrhunderts auf dem Land, wie es scheint. Da kommt ein Wagen, der Schicksal heranfährt, die Sandstraße hinaufgefahren zum Gehöft. Der Milchbauer schrickt zusammen, eine seiner Tochter informiert ihn. Es ist das Jahr 1941, die Fahnen wehen Naziwind heran im deutschbesetzten Frankreich. SS-Oberst Landa (Christoph Waltz) steigt aus, ein vergnüglich gestimmter SS-Schärge der besten Sorte, intelligent und schlau wie seine eigenen besten Feinde. Er verwickelt den Milchbauern in ein unverfängliches Gespräch über Milch, die Schönheit seiner Töchter und den Tabak aus den Alpen, bis er schließlich zu den Ratten in den Löchern übergeht, die so einen Bauernhof bedrohen können. Er kommt zur Sache. Der Milchbauer halte doch Juden, Staatsfeinde, bei sich versteckt. Der Milchbauer, der noch eben glaubhaft machen wollte, dass die gemeinte Familie wohl erfolgreich aus der Gegend geflüchtet sei, muss in Sekundenschnelle seinen Deckungsversuch bekennen, um wenigstens noch seine eigene Familie zu retten. Landa beendet die Konversation mit dem Charme eines gebildeten Borgeois, der zu Besuch war und sich für den angebotenen Becher Milch höflich bedankt. Er bittet seine Begleiter, die draußen im Auto gewartet hatten, in den Raum der Bauernstube zu treten, in dem er zuvor allein mit dem Bauern sprach, und seine Begleiter richten unverwandt ihre Maschinengewehre auf den Fußbodenbereich, den der Bauer dem Oberst in seiner Not in letzter Minute gezeigt hatte. Mit dem Geknatter der Schüsse, dem die Juden - bis auf eine - alle erliegen, ist Landas Mission in dem Gehöft beendet.
Mit so spannenungsreichen erzählerischen Pointen arbeitet Tarantino zweieinhalb Stunden in dem Film und lässt uns die Zeit völlig vergessen.
In einer nächsten Szene befehligt Aldo Rayne (Brad Pitt), ein Naziskalpjäger, seine Truppe, eine wilde Phantasie des Regisseurs, als hätten in den Wäldern Deutschlands die Amis die Nazis wirklich wie Indianer gejagt. Er wolle Naziskalps, schreit er, wie ein wütender und verrückt gewordener Schlächter. There is one thing only: killing Nazis. Und jeder Soldat, der für ihn arbeite, solle ihm hundert Naziskalps bringen. I want my scalps. Brad Pitt at its best. Er ist so wandelbar wie unschlagbar. Schon wenige Minuten später sieht man Aldo Rayne einige Nazis in einem Waldgrund gefangen nehmen, der Bärenjude (Eli Roth), wie er heißt, ist angesetzt, auf einen propperen Nazi feste einzuprügeln, wenn der nicht ein besonderes Versteck der Nazis verrät. Was der proppere Nazti natürlich nicht tut und daher sterben muss. In einer bösen Szene wird das Herauskommen des Bärenjuden Donny Donnowitz aus einem dunklen Loch um einige bleischwere Sekunden, die wie Stunden nicht vergehen wollen, hinausgezögert, bis der Nazi-Typ tatsächlich totgeprügelt wird.
Überhaupt werden in diesem Film Nazis wie Anti-Nazis in permanenter Prügel- und Schussbereitschaft gezeigt. Dass man das erträgt, liegt vor allem an den ausgefeilten guten Dialogen, die man genießt, und der herausragend vom Regisseur genutzten Qualität der Schauspieler. Hier wird nichts verschenkt, kein Satz eines Dialogs, keine Pointe, keine Geste. Nazi-Parodien sind an sich längst ein unerträgliches Dutzend-Gesöff auf dem deutschen Kultur-Getränkemarkt geworden. Aber diese quierlige, mitunter etwas verquasst wirkende Mischung von Spaß und Ernst zum Thema Naziwahnsinn, bei der keine der beiden Seiten zu kurz kommt, ist etwas so Charmantböses, dass man dem spontan erliegt.
Schließlich gibt es sogar noch eine echte Liebesgeschichte. Sie ist ebenso schön verteufelt und hoffnungslos verzweifelt. Ein guter Nazi-Junge (Daniel Brühl), ein Soldat, der tüchtig viele Briten, Amis etc. von irgend einem Turm, einem sogenannten ‘Vogelnest’, wie er erzählt, abgeschossen hat, verguckt sich ausgerechnet in eine jüdische Intellektuelle, die im deutschbesetzten Frankreich ein Kino betreibt. Welch ein Einfall. Er, der junge Vorzeigesoldat Frank Zoller (Daniel Brühl), den sogar Goebbels hofiert, also als ein verkappter Sensibel, der eine Leidenschaft für Filme von Leni Riefenstahl und Charlie Chaplin hat. Und nun will es die Phantasie des Regisseurs auch noch, dass es gerade die Jüdin ist, die Landa bei seiner Fußbodenschießerei in dem Gehöft des Milchbauern nicht getroffen hatte. In seiner Tumbheit meint Zoller der angehimmelten Kinobetreiberin Shosanna (Melanie Laurent) sogar helfen zu können, wenn er die geplante Premiere der Dokumentation seiner Soldatensiege genau in ihr kleines Kino verlegen lässt. Die junge Jüdin ist entsetzt, aber darf sich so schnell auch nichts anmerken lassen. Die gesamte Hauptnazimasse strömt schließlich am Tag der Premiere zur Tür des kleines Kinos hinein…
Die wahren Ratten sind nicht die Juden in dem Keller eines französischen Milchbauern, sondern die Nazimasse, will der Film sagen. Und er fährt von Szene zu Szene spitzer und genauer auf die absolute Apokalypse zu. Nicht nur wollen die Basterds Bomben legen in dem kleinen Kino, wenn die Rattenmasse einen Film über die Rattenerfolge eines der ihren anglotzt. Es gibt auch noch die Schauspielerin Bridget von Hammersmark (Diane Krüger), die inzwischen mit den Briten kooperiert, um den Naziratten zum absoluten Finale aus dieser Welt zu verhelfen. Doch die Nazis haben ein Netz gespannt, bei dem der Feind nicht so schnell unerkannt seine Mannöver versucht. Der höchstschlaue Landa, den Waltz mit wirklich umwerfender Komik und Überzeugungskraft spielt, spürt jeder heranschleichenden Gefahr wie ein kluges, geschultes Raubtier nach. Ausgerechnet die junge Jüdin schlüpft ihm jedoch wieder durch die Netze, weil sie bei der von Tarantino entworfenen Weltgeschichte tabu bleiben muss als Begünstigte des Vorzeigesoldaten. In einem himmlisch-knackigen Dialog am drei Meter von Goebbels entfernten Tisch befragt er sie nach den Qualitäten des Lichtspielhauses, das sie besitzt. Und als wüsste er schon, wie das Ganze ausgeht, speist er mit ihr zuerst lustvoll österreichischen Strudel mit Sahnehäubchen, um im nächsten Augenblick verärgert seinen Zigerettenstummel in ihrem Kuchenstück auszudrücken…
Am Ende dieses Films siegt allein das bitterbös strudelige Lächeln des Großregisseurs, der in Bestform ist. Sieht man von Figuren wie Hitler, Göring, Bormann etc. ab, bei denen sich der Wiedererkennungseffekt trotz Starbesetzung wie immer beim Zuschauer in solchen Fällen zu schnell einstellt, sind die entscheidenden – phantasierten - Charaktere bis in die unaufälligsten Nebenrollen hinein so genial besetzt und so glaubwürdig gestaltet, dass der Film überalll trumpfen kann. Der Regisseur Tarantino ist ein Gott, der seine Geschöpfe liebt. Das Flammen-Inferno, in dem er die Nazi-Welt versenkt, bedeutet im letzten den Sieg der Filmkunst über den Alptraum der Geschichte. Bravo-Rufe.
USA 2009
Regie: Quentin Tarantino
Drehbuch: Quentin Tarantino
Produktion: Bob Weinstein
Lloyd Philips
Erica Steinberg
Lawrence Bender
Musik:
Darsteller: Brad Pitt
Christoph Waltz
Melanie Laurent
Diane Krüger
Eli Roth
Daniel Brühl
Denis Menochet
Til Schweiger
Martin Wuttke u. a.
Verleih: Universal Pictures International
154 Min.
Joe Schmidt / 08.09.09
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