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Der Filmblog

Sequenzen des Todes: Palermo Shooting

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Der Tod schlägt Wunden. Insbesondere wenn man ihn überlebt. Dann kann er besonders weh tun und Bilder, Visionen mitten im Alltag hervorrufen, die wir nicht einmal denen wünschen können, die wir hassen.
Finn geht durch die Straßen Palermos, schießt Fotos, blickt verfallene Gebäude an, alte Kirchen, geht durch dunkle Gassen, über Märkte, trinkt das Sonnenlicht. Er ist Berufsfotograf, der gerade ein Modeshooting hinter sich gebracht hat. Doch er ist nicht Tourist, sondern in gewissem Sinne ein gerade Gestorbener. Seine Leben ist seit ein paar Augenblicken eine Hadesschau. An irgendeiner unaufmerksamen Stelle auf der Straße wäre er mit seinem Wagen beinahe einem Gegenmann in die Frontale gefahren und hätte dabei sein Leben verloren. Hundert Meter später war er aus dem Auto ausgestiegen und hatte aufzuatmen begonnen. Das ist also der Tod, das war er, denkt er sich, eine Gefahr an der nächsten Straßenbiegung bei einer kleinen Unaufmerksamkeit. Bewältigt, aber dafür überdimensional ins Bewusstsein eingedrungen. Nunmehr fest zwischen den Schläfen sitzend.
Ein Film voll Musik. Unzählige Songs, fast zuviele. Melancholisch, schön, todessehnsüchtig. Und der Punkrocker Campino von den ‘Toten Hosen’ spielt den Protagonisten Finn, einen Starfotografen, den die Termine hetzen, der unterrichtet, filmt, telefoniert und überhaupt irgendwie gesteuert durch sein Leben rast.
Bis eben. Jetzt nutzt er die Zufälle, die sich häufen. Er beginnt, alles anders zu sehen. Er beginnt, Anderes wahrzunehmen. Weil da dieses Neue jetzt zwischen den Schläfen sitzt. Das Leben hat eine neue Seite aufgeschlagen. Nach dem Unfall schläft er, irr von dem Unglück, das ihn um ein Haar das Leben gekostet hätte, auf einem Baum. Ein Hirte, ein Pseudoaussteiger, der eigentlich ein Banker ist und tüchtig zu philosophieren versteht, weckt ihn am Morgen. Sie laufen über eine Schafswiese zu einem Kanal. Und der Hirtenaussteigebanker (Udo Samel) philosophiert über das Nichtvergehen der Zeit. Die Langsamkeit. Und sie blicken beide auf ein Frachtschiff ‘Palermo’. Palermo, erklärt ihm der hochgebildete Hirtenbanker, heißt auf griechisch panhormos, Allhafen. Palermo wird bei dem Fotografen irgendwie zur Idee. Seine nächsten Werbeshootings macht er dann jedenfalls in Palermo.
Das ist die Vorgeschichte. Da erst beginnt er, der bisher nur an die Sichtbarkeit der fotografierbaren Dinge glaubte, plötzlich, das Unsichtbare zu entdecken – was immer es sei. Mit der Kamera also läuft er zunehmend ziellos durch eine Welt, die er nicht kennt. Fotografiert unerkennbar schöne Dinge. Und wird dabei von etwas wie dem Tod weiterverfolgt. In den Träumen. In der Wirklichkeit. Es kommt ihm vor: ein Mann, der Pfeile nach ihm schießt. Ein Mann, der in einem Kirchturm sitzt und Pfeile auf die Straße und in seine Richtung schießt. Ist es nicht eine Sinnestäuschung? Doch es ist keine. Wenn er die Kamera anschaut, dann zeigt sie das Einschussloch des Pfeiles. Oder ist auch das eine Täuschung?
Der Tod sucht sich Masken. Und er sucht sich Ziele. Eines seiner liebsten Ziele ist das Leben. Wer den Tod als den unsichtbarsten Bruder des Lebens leugnet, wird von ihm eingeholt. Doch es gibt auch das Glück. Finn begegnet der jungen Flavia (Giovanna Mezzogiorno), einer Restaurateurin, die tagsüber Kirchenkuppeln von innen bemalt. Auch für sie ist der Tod ein Thema, wie er in dem Film in gewisser Weise überpräsent ist. Die Freskenmalerin sieht jedoch den Tod eher in christlicher Verklärung, wie das Innere der Kirchenkuppeln, unter denen sie tagsüber auf der Leiter steht, es ihr auch stetig suggerieren. Sie ist geschützt. Jetzt beginnt sie Finn zu schützen. Finn ist schutzlos der Wildnis des Todes ausgesetzt, ihn treffen die Pfeile unablässig.
Wim Wenders ist der letzte Existenzialist. Der Film schwelgt in Traumsequenzen, bei denen nie ganz klar ist, ob sie nun zum realen Leben gehören oder zum Geträumten, Phantasierten. Die bewussten Traumsequenzen werden aufgehoben in der Idee des Films im ganzen, dass der Mensch erst dann zu sich selbst gekommen ist, wenn er zu träumen gelernt hat. Einmal fällt der Satz:“Wie merkt man, wenn man tot ist? Wenn man nicht mehr träumt? Oder wenn man nur noch träumt?“ Die letzten Existenzialisten sind in gewisser Weise auch die letzten Romantiker. Wim Wenders betreibt jedoch nicht Romantik-Schluss-Verkauf, sondern erobert mit Träumen die Realität.
Die begleitenden Songs des Films schenken Hautfieber. Der Sänger der ‘Toten Hosen’ gibt dem Film unerhörte Präsenz und natürlich auch Authentizität. Ansonsten steuert der Film im Schlussteil leider allzu zielgerade auf das Gespräch mit dem Gevatter zu, das aus einer der Traumsequenzen in einem düsteren kafkaesken Aktenarchiv mit tausenden Treppen und Nebenwegen an sich glaubwürdg hervorwächst. Natürlich bedeutet das Gespräch Finns mit dem Tod (Dennis Hopper) zuletzt ein Selbstgespräch, ein fehlendes zumal. Der, der die Pfeile auf Finn wirft, ist Finn selbst, der sich eben in einem Teil seiner selbst noch nicht erkannt hatte. Doch dem bleischwer allegorischen Zwiegespräch des Protagonisten mit dem Herrn des Todes folgt man trotz der schauspielerischen Qualitäten Hoppers nur mühevoll.
Nach Goethes Erzählungen von des Dr. Faustus Zwiesprache mit dem Teufel, Thomas Manns’ dunklen Nachahmungen in seinem gleichnamigen Roman und unzähligen Adaptionen, Weiterführungen, Persiflagen etc. auch in der Filmwelt ist Vergleichbares in der Richtung kaum mehr möglich, ob es nun der Tod oder der Teufel ist, mit dem der Mensch zu disputieren beginnt. Es sei denn ein Filmemacher wollte sich absichtlich leicht kommerzialisierbarem Kitsch ausliefern. Auch steht Wim Wenders die Moralistenpose nicht so gut an, er hat sie gar nicht nötig.
Der Film ist dennoch großartiges, an ausgereiften Vorbildern geschultes Kraftkino, die Charakterstudie eines Künstlers und Menschen, der die Dimension des Todes in sein Leben noch nicht aufzunehmen fähig war. Der plötzlich von einem neuen Wind umgestoßen wird. Eingetönt wird eine in angenehm unaufdringlichen Farben geschilderte Liebesgeschichte – bekanntlich werden ja auch hier Pfeile geschossen, Eros und Thanatos sind Brüder. Die zarte Künstlerin Flavia, die schon immer mehr an die unsichtbaren Dinge glaubte, bekehrt diesen zerstörten Menschen kraft ihrer Liebe zu den unsichtbaren Dingen. Und der Film bekehrt uns mit seiner Musik. Stöpseln wir uns doch auch einfach das Ipod in die Ohren und schlendern ein wenig weiter durch die todestrunkenen Gassen Palermos. Da hat der Film seine großen Stärken, alles ist offen und unendlich, wenn wir uns keine Grenzen mehr setzen. Palermo ist der Allhafen. 

Deutschland/ Italien 2008
Regie: Wim Wenders
Drehbuch: Wim Wenders
Norman Ohler
Bernd Lange
Produktion: Gian Piero Ringel
Musik: Irmin Schmidt
Darsteller: Campino
Giovanna Mezzogiorno
Dennis Hopper
Udo Samel
Mila Jovovich
Inga Busch
Verleih: Senator
108 Min.

Joe Schmidt / 30.11.08

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