Der Filmblog
Schein oder Sein: Surrogates
Kaum ist man als Kinozuschauer in seinen Sessel gefallen, präsentiert der Film „Surrogates“ seinen ersten Schock. Anders als viele Horrorfilme zweifelhafter Qualität erschrickt der Science-Fiction-Thriller jedoch nicht mit plötzlich auftauchenden Kreaturen und passenden Toneffekten, sondern mit der Übersteigerung eines mittlerweile alltäglichen Ideals. Nach wenigen Filmminuten tritt Hauptdarsteller Bruce Willis vor die Kamera, so jugendlich glatt und perfekt frisiert, wie er in realita wohl selbst vor 30 Jahren nicht aussah. Das wallende, dunkelblonde Haar liegt in einer perfekten Welle über der makellosen Stirn, der leicht gebräunte Teint signalisiert absolute Entspannung und die Haut ist so glatt wie bei einem Baby. Die gesamte Erscheinung Willis’ ist so perfektioniert, dass der Zuschauer zugleich erstaunt, belustigt und befremdet ist. Schönheitswahn im 21. Jahrhundert?
Damit ist die Erscheinung der Hauptfigur und so gut wie aller anderen Personen in „Surrogates“ jedoch nur zur Hälfte erklärt. Sie stellt vielmehr den vorläufigen Höhepunkt einer technischen Entwicklung dar, in der der Mensch sich immer mehr auf Maschinen und Roboter verließ, ihre ureigensten Tätigkeiten zu übernehmen. Fließbandroboter, Haushaltshilfen oder Fahrassistenten kennen wir bereits aus unserer Gegenwart, in der Welt von „Surrogates“ haben Wissenschaftler jedoch bereits Menschenklone entwickelt. Diese sehen ihren Schöpfern täuschend ähnlich, sind aber völlig unselbstständig. Reale Personen loggen sich mittels einer Schnittstelle in den künstlichen Körper ein und können diesen Kraft ihrer Gedanken steuern. Was als Soldatenersatz begann, wurde schnell zum Renner im sozialen Netzwerk des größten Teils der Menschheit. Nahezu jeder ließ sich ein Surrogat auf den Leib schneidern, der Schönheits-Operation folgte also ein alterungsfreier Totalersatz. Nicht immer sieht das Surrogat seinem Besitzer auch wirklich ähnlich, Willis’ Figur gehört in dieser Hinsicht zu den Nostalgikern.
Aus dieser Grundkonstellation könnten wahrlich interessante Gedankenspiele entspringen. Dass sich Menschen vom eigenen alternden Äußeren entfremden, sich das soziale Leben vom direkten Kontakt auf virtuelle Schnittstellen verlagert oder das es einen schwelenden Konflikt zwischen Adoptern und fast ideologischen Gegnern solcher Technologie gibt, ist schließlich keine vollständig neue Erkenntnis. Die Gefühlswelten der Menschen, die sich jahrelang an ein zweites Äußeres gewohnt haben und ihr wahres Ich als lästig und hässlich ansehen, wird in der Figur von Willis’ Frau (Rosamunde Pike) lediglich angedeutet. Statt Konflikte unserer Zeit zuzuspitzen und zu hinterleuchten, verlegt sich „Surrogates“ aber auf banales Actionkino. Willis spielt Tom Greer, einen Polizisten, der einen neuen gefährlichen Kriminellen jagt – dieser hat eine Waffe entwickelt, die er auf das Surrogat abfeuert und dabei den realen Menschen tötet. Bis dato galt man innerhalb seines virtuellen Avatars als unsterblich, lediglich kaputt gehen konnte der schöne neue Körper.
Auf seinen Nachforschungen lüftet Greer dann auch bedeutende Geheimnisse über die allmächtige Produktionsfirma der Surrogate, über den charismatischen Führer der Gegner dieser Art Doppellebens (Ving Rhames) und den greisen Erfinder der glatten Alter Egos (James Cromwell). So entwickelt sich „Surrogates“ unter der konventionellen Regie von Jonathan Mostow zum leidlich spannenden Streifzug zu alten Bekannten des Genres. Die ungelenken Basismodelle der Roboter erinnern an Steven Spielbergs „A.I.“, die Hatz der Polizei an „i, Robot“ und „Minority Report“. Die Anschlussterminals, in denen die aufgedunsenen und von Lichtentzug gezeichneten Körper Platz nehmen, sehen den Kapseln aus James Camerons „Avatar“ sehr ähnlich und nicht zuletzt ist die Enklave der „normalen Menschen“ dem Auffanglager-Setting aus Alfonso Cuarons „Children Of Men“ nachempfunden. Eigene Ideen, pfiffige Wendungen in der Geschichte oder packende Einzelszenen gehen „Surrogates“ völlig ab. Da dem Drehbuch ebenso eine vernünftige Dramaturgie fehlt, sind die 90 Minuten im Kino oder vor dem Fernseher letztlich verschenkte Zeit. Am interessantesten bleibt der erste Blick auf Bruce Willis gleich zu Beginn.
Nicht mehr als eine Randnotiz wert: Der generische Score von Mostows Stammkomponist von Richard Marvin.
USA 2009
Regie: Jonathan Mostow
Drehbuch: Michael Ferris, John D. Brancato
nach einem Comic von Robert Vendetti, Brett Weldele
Kamera: Oliver Wood
Musik: Richard Marvin
Bruce Willis
Radha Mitchel
Rosamund Pike
James Cromwel
Ving Rhames
Verleih: Touchstone
89 min
Jan Titel / 19.01.10
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