Der Filmblog
Nostalgie auf Socken: Midnight in Paris
Woody Allen macht seit einer Weile virtuose Kulturstädtetrips. Nach London („You will meet a Tall Dark Stranger”) und Barcelona („Vicky Christina Barcelona“) ist jetzt Paris an der Reihe. Ein filmschöner Kulturführer im Gewande einer unterhaltsamen Love-Story ist daraus geworden, die auch für Intellektuelle recht kurzweilig ist.
Gil Pender (Owen Wilson), ein erfolgreicher, aber im Metier unzufriedener Drehbuchautor aus Hollywood, reist mit seiner Verlobten und deren konservativen Eltern nach Paris. Während die Familie seiner Verlobten mehr touristisch die Vorzüge der ewigen Kulturmetropole genießen will, versinkt er selbst traumverloren selbst im Dickicht der kulturgeschichtlichen Erinnerungen des Orts. Erst ist es mehr geheimer Widerstand bei den Gesprächenauf den Tea-Partys, dann bricht die Rebellion offen auch gegenüber Inez (Rachel Mc Adams) aus als Bekenntnis zu Traumwelten. Als die Familie abends noch zu einer weiteren Party unterwegs ist, beschließt er genervt allein nach Hause zu gehen, aber findet den Weg zum Hotel Bristol nicht mehr.
Frustriert schläft er auf der Treppe einer Kirche ein. Als sie Mitternacht schlägt, nimmt sein Träumen unerhört neue, konkrete Dimensionen an…
Eine alte schicke Limousine fährt heran. Einige französischsprechende Fremde laden ihn zur Party ein. Erst zögert er, dann sagt er ja. Die Party geben an diesem Abend ein paar Freunde von Jean Cocteau. Das berichtet ihm auf Nachfrage der Autor Fitzgerald (Tom Hiddleston) auf der Party. Und hat nicht sogar Cole Porter (Yves Heck) am Klavier gesessen und seine eigenen Songs gesongen? Gil staunt, aber lässt es nach einigem Zögern geschehen.
Die schicke Limousine fährt ihn weiter in Gesellschaft, die Partynacht ist lang. In einem Cafe sitzt Hemingway (Covey Stoll) und erinnert Gil an die Männlichkeit und Unerschrockenheit des schriftstellerischen Auftrags. Er selbst hat das Schreiben im Kampf gelernt. Überhaupt ist gut gemachte Liebe die beste Überwindung von Todesfurcht, die der Schriftsteller zu lehren habe. So ähnlich schwadroniert Hemingway.
Gil träumt sich nächtens durchs Paris der zwanziger Jahre. Das Problem ist, dass es Nacht für Nachtrealer als die eigene Gegenwart wird. Wenn er morgens neben seiner Verlobten im Hotelzimmer aufwacht, fällt die Verständigung zunehmend schwerer. Eigentlich schreibt er ja gerade an einem Roman über einen Nostalgieladenbesitzer und sucht Inspiration. Mit den Fitzgeralds zu plaudern, mit Djuna Barnes zu tanzen und mit Salvador Dali Rotwein zu trinken, kommt ihm da gerade recht.Von Gertrude Stein den eigenen Roman kritisiert zu bekommen, sogar ein großes Glück. Aber seine Verlobte tippt schlicht auf geisteskrank. Dali? Ist doch schon gestorben.
Allens wundersam komische Phantasie kreist um einen Schriftsteller, der einen Roman schreibt, der offensichtlich gerade ins Stocken geraten ist. Deswegen muss er sich die Autorisierung bei den Toten in der Vergangenheit holen.
Als Gil seine Ehefrau mitnehnmen will auf einer seiner sonderbaren Zeitreisen in der Nacht, gelingt es nicht. Kurz vor Mitternacht, als die Limousine wieder anfährt, ist die Gattin schon ins Hotelzimmer zurückgeflüchtet, als ahnte sie, dass sie derart mit der Dimension des Irrationalen nicht konfrontiert werden kann.
Höhepunkt von Gils Irr- und Nachtfahrten ist Gils Begegnung mit Picassos Geliebten Adriana (Marion Cottilard), in die er sich sofort verguckt, insbesondere nachdem sie ihm gesteht, dass sie bestrickt von seinem Roman ist. Sonderbarer Surrealismus, dass sie seinen Roman, der ein volles Jahrhundert später geschrieben ist, packend findet. Auch die Surrealisten Dali und Bunuel, denen er begegnet, finden es überzeugend, dass er in ihrer Gegenwart lebt. Nur zerstört er trotzdem auf Dauer völlig seine Verbindung zur Gegenwart. In einem Bargespräch mit Adriana gesteht er, dass sein Verhältnis zu seiner Verlobten sich eigentlich nur noch darauf stützt, dass sie beide die indische Küche lieben, im besonderendas pita-bread. In einer ironisch flunkernden Szene liest ihm die touristische Reiseführerin (Carla Bruni) der Eltern seiner Verlobten aus einem alten Tagebuch vor, in dem Gil Adrianas Liebe gewinnt, indem er ihr nach einer langen Fest Schmuck schenkt. Tags wühlt Gil aufgeregt im Schmuck seiner Verlobten, um etwas Passendes zu finden. Der Vater von Gils Verlobten (Kurt Fuller), ein Urkonservativer, lässt ihn beschatten und muss feststellen, dass sein angeheuerter Detektiv bei den Nachforschungen verloren geht. Quel horreur!
Er jedoch schwelgt in der Liebe zu Adriana, die sich ihm zuwendet. Gemeinsam genießen sie die sonderbar geglückte Melange der Epochen und wandern sogar in ihrer Liebesverzückung zur Belle Epoque hinüber. Das sind so schöne, traumverlorene Szenen, wie die beiden nächtens an der Szene entlangspazieren, dass der Film allein deswegen lohnt. Zu tief darf man ihn nicht nehmen, wie generell Allen nicht. In seinen genialen Augenblicken ist er filmischer Balletttänzer und tanzt mit Esprit, Leichtigkeit und Humor durch alle Szenen seines Films hindurch. Auch wenn er selbst inzwischen als Schauspieler nicht mehr mitauftritt. Vive Paris. Vive Woody Allen.
USA 2011
Regie: Woody Allen
Drehbuch: Woody Allen
Produktion: Stephen Tenenbaum
Jaume Roures
Letty Aronson
Javier Mendez
Kamera: Darius Khondji
Darsteller: Owen Wilson
Rachel Mc Adams
Kurt Fuller
Michael Sheen
Marion Cotillard
Carla Bruni
Tom Hiddleston
Covey Stoll u. a.
Verleih: Concorde Filmverleih Gmbh
95 Min.
Joe Schmidt / 12.09.11
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