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Lust auf Juwelen: Before The Devil Knows You’re Dead

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Wenn der Schuldenberg drückt, können selbst Männer wieder zu Kindern werden. Andy, der ältere Bruder, flüstert dem zaghaften ängstlichen Bruder Hank die Idee in einem vertraulichen Augenblick zu: wir können das Juweliergeschäft der Eltern überfallen. Es läuft gut, am Samstag steht da nur so eine Halbblinde hinterm Ladentisch. Und versichert sind die Eltern doch auch. Schaden nimmt keiner. Eine todsichere Sache. Denkt er. Und denkt auch der Bruder, nach einigem Zögern. Den Einfall könnten Pubertierende haben, wenn das Taschengeld nicht reicht. Doch es tun Männer, die diese Idee in ihrer größten Lebenskrise haben und binnen Stunden umsetzen wollen. Andy Hanson (mit wunderbar kalter Bravour: Philipp Seymour Hoffmann), ein dekadenter Durchschnittsamerikaner ohne viel Seele und Skrupel, leistet sich ein luxuriöses Hobby. Um die Nerven zu beruhigen, geht er regelmäßig zu einem Drogendealer. Und weil da selbst sein Topgehalt, das er als Immobilienmanager verdient, nicht reicht, muss das Glück jetzt schnell herbei. Denn in der Firma hat bereits die Steuerprüfung begonnen und wird seine Zahlen schon Anfang der Woche überprüfen…
Hank (Ethan Hawke) soll den Coup durchführen, der ebenfalls nicht mal Geld hat, seiner Tochter einen Schulausflug zu finanzieren. Doch er ist ein schwächlicher und ängstlicher Charakter. Er engagiert einen Kleinganoven (Brian F. O’Byrne), der aber unerwartet und ohne es zu wissen auf die Mutter der Rabensöhne stößt, die an diesem Tag ausnahmsweise hinterm Ladentisch des Juwelierladens steht. Es kommt zu einer ungeplanten Schießerei. Der engagierte Kumpel fällt tot durchs splitternde Glas der Ladentür, Hank, der draußen im Wagen wartet, kann nur noch entsetzt ins Gas des Mietwagens treten und seine Knochen zu retten versuchen. Es folgt der wachsende Alptraum der beiden Brüder, die Spuren des Geschehenen zu verwischen: im gemieteten Auto war noch eine CD, der Bruder der Schwester des ermordeten Kleinganoven taucht plötzlich mit Geldforderungen auf. Und die Mutter Nanette (Rosemary Harris), die die Schießerei nur halb überlebt hat, muss schließlich zu Grabe getragen werden. Die beiden übermütigen Brüder, denen von Szene zu Szene die Luft dünner wird, müssen an der Trauerfeier teilnehmen. Gibt es noch Zukunft für sie?
Der Film erzählt in Episoden und immer neuen nervösen Rückblenden den Unglückscoup, der in kürzester Zeit das Leben dieser kleinbürgerlichen Familie zerstört. Es ist, als ob die Kamera das Unglaubliche einfangen und erklären will, indem es den richtigen Take für diese wenigen Stunden finden will, die alles verändert haben. Das Schicksal bricht mit wütender Kraft los und zieht alle Figuren in einen Schlund, der offenbar aber schon lange gelauert hatte. Selbst der integre Vater Charles (Albert Finney), der praktisch von einem Tag zum nächsten sein Frau verliert, beginnt plötzlich Rachepläne zu schmieden, da die polizeilichen Ermittlungen lahmen. Er ahnt nicht, dass er wie ein moderner Ödipus das Unheil am Leib der eigenen Familie entdecken wird. Er jagt seine Söhne. Eine filmische Spirale der Gewalt und des Unrechts, die das Glück weniger Menschen wie in der griechischen Tragödie innerhalb von Stunden zertritt. Doch im Hintergrund steht kein tröstlicher Apollon, der eine Weisheit parat hat, sondern nur die vollendete Dunkelheit. Eine gallebittere schwarze Parabel auf die Ungreifbarkeit menschlichen Glücks und, mehr noch und vor allem, der heilen amerikanischen Familie, eines der letzten Gewissheiten der Amerikaner. Pikanterweise lässt der Filmtitel den tröstlichen Teil des irischen bekannten Trinkspruchs ("May you be in heaven half an hour, before the devil knows, you ‘re dead") gerade weg, und es bleibt die wenig tröstliche Gewissheit, dass der Tod uns bereits erreicht, bevor der Kampf um Gut und Böse überhaupt begonnen hat. Ein Thriller für besondere Stunden.

Regie: Sidney Lumet
Drehbuch: Kelly Masterson
Produktion: Linsefilm, Michael Cerenzie Produktions Unity
Kamera: Ron Fortunato
Musik: Carter Burwell
Darsteller: Philipp Seymour Hoffmann, Ethan Hawke, Albert Finney, Brian F. O'Byrne, Marisa Tomei, Rosemarie Harris
Verleih: Koch Media
117 Min.

Joe Schmidt / 25.06.08

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