Der Filmblog
Luftdruck: No Country For Old Men
Ich gestehe, als der Film zu Ende war, war ich froh, einmal zur Toilette eilen zu müssen. Etwas Normales. Ich wollte nichts mehr mit dem Bösen zu tun haben, wovon der Film auf doch so bedrückende Weise redet. Wie Familiensonntage vom spazieren gehen im Park, handeln Krimis und Thriller von der Realität des Bösen. Vielleicht auch von der Pseudorealität des Bösen. Von der Realität des Bösen erzählen Märchen und die meisten Krimis. Am Ende wird der Täter überführt, steht der arme Teufel mit hängenden Ohren da. Von der Pseudorealität des Bösen erzählen Gangsterfilme und Western. Das Böse ist hier kitschig, amüsant und unterhaltsam, aber noch immer löst sich die Fiktion des Bösen am Ende im Guten auf, das siegt oder wenigstens für den Zuschauer fühlbar wird. Dieser Film der Coen-Brüder jedoch, der schon mit diversen Preisen ausgezeichnet wurde, erzählt von der Pseudorealität des Bösen in schalkhaft-bedrohlich neuer Weise. Er erzählt von der Allgewalt des Bösen in der Welt, das nicht mehr verschwindet. Von dem Bösen, das längst Alltag geworden ist, vom unauffälligen Typ von nebenan im Reihenhaus, der mit dem Bolzenschussgewehr für Rindsvieh jeden und alles niedermäht, was ihn stört. Und den niemand fassen kann. Und der damit zum bedrohlich-komisch-kosmischen Symbol wird. Das Ganze also als eine Art Klamottengangsterfilm, der es schafft, unsere Realität abzubilden, weil die Realität selbst offenbar so klamottengangsterhaft geworden ist.
Zuerst träumt der Film einen bekannten kleinen amerikanischen Traum. Ein Mann stößt nach erfolgloser Jagd in der texanischen Wildnis auf ein paar leer stehende Autos, in denen neben lauter Leichen, Säcken voll Heroin auch ein Koffer mit viel Geld steht, den er einfach mitnehmen kann. Er nimmt den Koffer, und als er nach Hause kommt, und ihn die Frau fragt, was er da bei sich habe, sagt er einfach, einen Koffer voll Geld, und die Frau antwortet, schön wärs. Die Lawine der Geschichte setzt der Mann erst in Bewegung, als er mit der Wimper zu zucken beginnt und sich in der Nacht des Mannes erinnert, der ihn in einem der Autos nach einem Schluck Wasser gefragt hatte. Als Lewellyn Moss (Josh Brolin) zurück läuft zum Tatort, stößt er plötzlich mit den Killern zusammen, die nun fortan nicht mehr von ihm lassen wollen. Anders würde er jetzt wahrscheinlich seinen Traum zu Ende träumen dürfen.
Ein grausames Spiel hat begonnen, eine wilde Jagd durch Hotelzimmer, Gänge, dunkle Nebenstraßen, bei dem Lewellyn als der coole kleine Mann mit Intelligenz, der Vietnam-Kriegsveteran, der sich sein Glück nicht entreißen lassen will, den trotzigen kämpferischen Typ abgibt, der es mit der Macht des Bösen aufnehmen will. Javier Bardems Darbietung als der psychopathische, aber zielsicher agierende Anton Chigurh, dessen schauspielerische Leistung im Frühjahr mit einem Oscar für die beste Nebenrolle ausgezeichnet wurde, überzeugt so unerhört, weil er traumsicher wie ein Geist zu agieren weiß. Er ist ein moderner Mephistopheles in Alltagsmaske, und dabei nie ohne Reiz. Es ist eine Lust zu verfolgen, wie er immer gerade am Kernpunkt des Geschehens ist, wo man ihn befürchten muss, über alles Wesentliche informiert ist und den Finger stets am Abzug seines diabolischen Schussgeräts hat. Tommy Lee Jones spielt den alternden Sheriff Ed Bell, der mit unerschrockener, aber zunehmend resignierender Coolness das Auge des Gesetzes vertritt, das überall an den Leichenhaufen zu spät kommt. Wenn er zu philosophieren beginnt, kommentiert er eigentlich nur immer wieder den düsteren Titel des Films. Das Land hat keinen Platz mehr für Menschen, die die alte Moral und die Gesetze im Herzen tragen. In einer letzten unheimlichen Szene sitzt er als Pensionär mit seiner Frau am Frühstückstisch und plant einen einsamen Ausritt. Er erzählt von Träumen der Nacht, einem gemeinsamen Ausritt mit dem längst toten Vater. Ed Bell ist der letzte, den Chigurh noch nicht gegriffen hat. Der Film kommt fast ohne Musik aus. Es ist die Gelassenheit des Mordens, die dem Film sein Basso continuo gibt. Auf diesen Grundton hat er sich bereits eingespielt, als der Zuschauer begreift, dass der Film heiter und erschreckend die Grenzen von Spiel, Wahnsinn und Realität hinter sich gelassen hat.
Regie/ Drehbuch: Joel und Ethan Coen
Nach dem Roman von Cormac McCarthy
Produktion: Scott Rudin, Joel und Ethan Coen
Kamera: Roger Deakins
Musik: Carter Burwell
Darsteller: Tommy Lee Jones, Javier Bardem, Josh Brolin, Woody Harrelson
Verleih: Universal
Länge: 122Min.
Joe Schmidt / 25.06.08
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