Der Filmblog
Justitias blinde Zonen: In Ihren Augen
Was macht ein pensionierter Justizsekretär? Geht er in die Cafehäuser und denkt über sein Leben nach? Geht er Golf spielen? Oder Begonien züchten? Richtig, die Idee des Regisseurs Campanella ist eine andere. Der Justizsekretär schreibt einen Roman. Über einen Fall, der ihn ein Leben lang nicht in Ruhe gelassen hat. Bei dem er selbst fast zum Meisterdetektiv wurde, aber das nicht einmal erfolgreich.
Benjamin Esposito (Ricardo Darin) war vor nunmehr 25 Jahren in einen Fall hineinverwickelt, der von der Justiz zu schnell in den Aktenschrank gestellt wurde. Eine junge Frau wurde in ihrer eigenen Wohnung vergewaltigt vorgefunden und erlag den Folgen der Verletzung. Erst werden zwei Bauarbeiter verdächtigt, die die hübsche Frau durchs Fenster beobachten und an dem Anblick sich schadlos halten konnten. Doch bald stellt sich heraus, dass nur ein korrupter Richter die beiden Tatverdächtigen zum Eingeständnis der Tat blutig hat prügeln lassen, um die zweifelhafte Effizienz seiner Tätigkeit unter Beweis stellen zu können. Esposito will ihn sofort zur Rechenschaft ziehen, doch die argentinische Militärjunta ist stärker und hat das Walten von Göttin Justitia im Lande längst niedergerungen stark eingeschränkt.
Esposito macht sich selbst auf die Suche nach dem eigentlichen Mörder, den er unter den nächsten Verwandten der Ermordeten vermutet. Doch zusammen mit seinem Freund Pablo Sandoval (Guillermo Francella) wird er etwas tolpatschig als Privatdetektiv aktiv, er und Pablo dringen heimlich in die Wohnung der Mutter des mutmaßlichen Mörders ein und versuchen sich, anhand von Briefen, die sie im Wäscheschrank finden, Klarheit über das Charakterbild des Mörders zu verschaffen. Natürlich werden sie dabei entdeckt, und der detektivische Besuch endet mit Peinlichkeiten. An diesen Stellen sorgt der Film ausreichend für komödiantische Unterhaltung. Nur die zwei ohnmächtigen Detektive sind überzeugt, dass Gomez (Javier Godino) wirklich der Mörder ist, und da die Briefe kaum etwas zu verraten scheinen, bleibt die Suche nach der Wahrheit lange Zeit ausgesprochen anstrengend.
Unterstützt werden die beiden kriminalistischen Eigenbrötler praktisch nur vom trauernden Ehemann, der verstorbenen jungen Frau, Ricardo Morales (Pablo Rago), der fassungslos über den Schlag bleibt, den ihm das Schicksal zugefügt hat. Tagtäglich sitzt er auf dem Bahnhof von Buenos Aires in der vagen Hoffnung, eines Tages werde der Mörder Gomez schon über diesen Bahnsteig laufen. Doch es wird sich später herausstellen, dass der täglich den Bus genommen hat, und so schwingt in dem Film bei aller klassizistischen, versöhnlichen Erzählgebärde ein furchtbar trostloser Zug mit, dass Glück und Gerechtigkeit im Leben – oder mindestens in der Gesellschaft Argentiniens unter der Diktatur - nicht zu finden sind.
Auch die privatdetektivische Suche der beiden Justizsekretäre bleibt über weite Strecken ein ohnmächtiger Kampf gegen die Gleichgültigkeit der Justiz. Erst als Pablo auf den genialen Gedanken verfällt, Gomez ausgerechnet im Fußballstadion zu suchen, eine Leidenschaft, die kein Mann auslässt, zumal er in seinen Briefen permanent von genialen und erfolglosen Fußballern erzählt, haben sie Erfolg. Und einer der packendsten Momente in dem Film ist die Szene, als Esposito den endlich gefassten Mörder vor sich im Verhör zu sitzen hat, aber er ihm um nichts ein Geständnis ablocken kann. Da kommt ihm die Richterin Irene Hastings (Soledad Villamil) zur Hilfe und beleidigt Gomez so tief und hartnäckig, zweifelt an dessen Muskelkraft und Mannesehre, beschimpft ihn als Wicht usw., dass Gomez schließlich wütend aufspringt, sein Genital aus der Hose zieht und schimpfend beteuert, dass er die Tat damit sehr wohl begehen konnte. Was eben zu beweisen war. Ein kunstreicher Trick, der den Toren überführt.
Der dennoch schon Momente später wieder eben von der blinden Justiz gedeckt wird. Ein Richter, der der Militärjunta zugehört, begnadigt den Mörder, da er ihm andere gute Dienste erweist. Gomez kennt die Unterwelt. Fortan ist Esposito machtlos, der Fall wird endgültig unerledigt in die Kiste der erledigten Akten gesteckt.
Jahre, Jahrzehnte später blättert also der eben pensionierte Esposito wieder im Buch seiner Erinnerungen und stößt auf die alten Fragezeichen. Ob Gomez überhaupt noch lebt? Er beschließt, einen Roman zu schreiben, in dem er das Geschehene noch einmal aufkrempeln will. Er spricht wieder lange und ausführlich mit Irene, die damals bereits seine Vorgesetzte war, aber ihn noch weniger verstand als jetzt. Er sucht auch den Ehemann Morales wieder auf. Und entdeckt nicht nur mehr und mehr, wie tief seine Zuneigung zu seiner einstigen kühlen Vorgesetzten denn doch war, dass er erst jetzt seine tieferen Gefühle für sie richtig begreift. Er entdeckt vor allem, dass der Ehemann den Fall schließlich ganz kühl selbst zu Ende brachte.
Campanellas klassizistischer Kriminalfilm auf hohem literarischen Niveau hat sogar Hanekes ‚Weißes Band‘ bei der Nominierung für den ausländischen Oskar ausgestochen. Trotz der mitunter etwas betulichen Erzählgeste überzeugt dennoch die mutige und kraftvolle Aussage des Films.
Argentien/Spanien 2009
Regie: Juan Jose Campanella
Drehbuch: Juan Jose Campanella
Eduardo Sacheri
Produktion: Juan Jose Campanella
Musik: Federico Jusid
Emilio Kauderer
Darsteller: Ricardo Darin
Soledad Villamil
Pablo Rago
Javier Godino
Guillermo Francella u. a.
Verleih: Camino Filmverleih
129 Min.
Joe Schmidt / 03.12.10
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