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Jenseits garantiert: Kirschblüten - Hanami

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Der neue Film von Doris Dörrie erzählt in wunderbar leichter Weise von einem schwierigen Thema, von der Last des Älterwerdens, vom Tod, vor allem aber von dem, was zwischen Leben und Tod liegt und wie eine versöhnliche Sonne uns die Lasten wieder zu nehmen vermag. Der Film weiss es nirgends besser, belehrt nicht. Die Nähe zu Esoterik und Religion, die Doris Dörries Filme vielfach haben, geht ganz auf in geglückter filmischer Umsetzung, in einer exzellenten schauspielerischen Besetzung, die dem reifen Unternehmen seine Überzeugungskraft gibt.
Ein älter werdendes Ehepaar aus dem bodenständigen Bayern steht an dem Punkt, wo Menschen einander unerträglich zu werden beginnen. Der Alltag ist aschgrau geworden, der Frühstücksbrot stets gepackt im der Aktenmappe, die Bahnroute zum Büro bekannt, die Arbeit dieselbe, die Gespräche und Rituale zwischen Auftstehen und Schlafengehen ein fades Einerlei. Alle tieferen Lebensbewegungen sind niederdrückt und gelähmt. Da erfährt Trudi, mit meisterhaftem Charme von Hannelore Elsner gespielt, dass ihr Mann unheilbar an Krebs erkrankt ist. Sie beschließt, ihr bitteres Geheimnis zunächst für sich zu behalten und folgt dem Ratschlag der Ärzte, mit ihrem Mann (Elmar Wepper) auf Reisen zu gehen. Trudi und Rudi, schon den Namen nach nah an der Karikatur, reisen zuerst zu den Kindern nach Berlin, die nichts ahnen und die Eltern mit ungeschickter Kälte empfangen. Aus den Kindern sind längst Erwachsene geworden, die die Eltern nicht mehr kennen. Rudi und Trudi stolpern hilflos, rührend und komisch ein paar Schritte durch die unübersichtliche Metropole und beschließen schließlich schnell, an die Ostsee weiter zu fahren. Rudi, der behäbige Nörgler, kann jedoch nichts richtig genießen. Da liegt plötzlich unerwartet Trudi am Morgen tot neben ihm im Hotelbett, seine einzige grosse Sicherheit, die er besaß.
Und jetzt erleben wir als Zuschauer eine großartige Metamorphose, die Verwandlung des behäbigen Alltagsmenschen, der nichts mehr erlebte, nichts mehr sah, plötzlich, so nah selbst am Tod, sich sein Leben in seiner Verzweiflung noch einmal neu zusammenbuchstabieren muss. Denn wenn er mit der toten Trudi jetzt noch reden will, klappt es nicht mehr, auch wenn er sich nachts im Schlaf ihr Kleid neben sich aufs Bett legt. Er beschließt, die unerkannte, geleugnete Trudi kennen zu lernen, die den japanischen Buhto-Tanz erlernen und den Geheimnissen des Ich-Seins auf eine ihm verborgene Weise auf der Spur war. Er reist zum Sohn Karl (Maximilian Brückner) nach Tokyo, der auch Geschäftsmann ist, wie er, aber denkbar überfordert ist, wenn der alte Papa (stets bayrisch natürlich der ‘Buopa’) nun plötzlich im Türrahmen steht und Aufmerksamkeit verlangt. Dabei versucht der Buopa jetzt mehr Buopa zu sein, als er es je war, kocht ihm Kohlrouladen nach Mamas Rezept und schmiert dem lächelnden Sohn am Morgen die Frühstücksstullen. Mehr noch aber sucht Rudi jetzt, was er nie gesucht hatte: Geheimnisse. Er will wissen, wo seine Frau jetzt ist und nähert sich damit leise immer mehr der spirituellen Schwelle des Todes. Er streift durch die Straßen Tokyos, wo er keine Buchstaben entziffern, keine Menschen verstehen kann, streift sich Kleider seiner Frau über und blickt staunend zu den Blüten der Kirschbäume hinauf. Er blickt nach oben, als ließe sich das Geheimnis des Lebens beim Blick in diese rauschenden Blütenzweige der Frühlingskirsche begreifen. Und der Film nähert sich seinen poetischen Höhepunkten, wenn der schwerfällige alte Rudi schließlich von einem herumstreunenden Mädchen in einem der Parks von Tokyo selbst die Geheimnisse des Buhto-Tanzes zögernd erlernt. Jeder, der tanzt, verschmilzt in diesen Augenblicken mit seinem Schatten, tanzt auch mit den Toten. In diesen Augenblicken verschwindet die Gedankengrenze zwischen Leben und Tod, die uns immer wieder hemmt. Jetzt wird auch die unmögliche Liebe wahr. 

Regie/ Drehbuch: Doris Dörrie
Produktion: Molly von Fürstenberg, Harald Kügler
Kamera: Hanno Lentz
Musik: Claus Bantzer
Darsteller: Elmar Wepper, Hannelore Elsner, Nadja Uhl , Maximilian Brückner, Aya Irizuki
Verleih: Majestic
127 Min.

Joe Schmidt / 25.06.08

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