Der Filmblog
Irgendwo ist Nirgendwo: Somewhere
Ambitionierte Themen sind gefährlich. Überall sind Fallstricke für Klischees ausgelegt. Die Gefahr ist vor allem, dass die Figuren in eine leere Hülle gepresst werden, hinter der sie ersticken. Das ist dem Film der begabten Regisseurin leider passiert.
Das Thema konnte man noch vor zwei Jahren in Wenders‘ ‚Palermo-Shooting‘ sehen: ein Filmmann, egal ob Regisseur oder Schauspieler, leidet unter der Leere seiner Existenz. Sein ganzes erfolgreiches Leben spielt sich vor einer Maskerade von Pappwänden ab, hinter der in jedem Augenblick der Tod wartet. Bei Wenders hieß das, dieser Tod wird schließlich einmal konkret und schießt nach dem Helden. Die Idee mochte hier etwas aufdringlich philosophisch wirken, aber Campino, der Sänger von den ‚Toten Hosen‘, gab der filmischen Idee eine ungeheure Dichtigkeit, dass man ihn nicht so schnell vergisst. Coppolas Zuwendung zu einem seelisch ausgebrannten und geistig leeren Hollywoodstar, in dessen Leben sich restlos nichts mehr ereignet, als was nicht das Klischee schon sagt, hat das Pech, für seine Idee nicht wenigstens einen Star als Hauptdarsteller herbeigezwungen zu haben, der die Idee mit Lebensatem versorgt.
Gleich die Eingangszene des Films hat etwas Ermüdendes. Einer – der Hollywoodking Johnny Marco (Stephen Dorff) - fährt im Ferrari ein paar dutzend Runden in der leeren Wüste. Er fährt buchstäblich im Kreis herum. Schon nach der zweiten Runde spürt man, was einem für den ganzen restlichen Film gesagt werden soll: die Sinnlosigkeit seines Tuns. Die Szene ist Prolog und Auftakt. Ein Hollywoodstar, im Reichtum seines Scheinglücks badend, kurvt irgendwo im Nirgendwo seine Zeit tot. Ansonsten gibt es ihn nicht. Er verbringt sein Leben in Hotelzimmern, schläft pausenlos im Akkord mit Frauen, die ihn anhimmeln. Und schläft schon auch einmal ein beim Akt, wenn er sich etwas übernommen hat.
Seine Tochter Cleo (Elle Fanning) malt ihm, unerwartet hereinschneiend ins Krankenzimmer, eines Morgens ein Herzchen auf den Gipsarm, den er sich bei der letzten Alkoholparty zugezogen hat. Da scheint etwas Lebendiges in sein Leben herein. Seine Ex-Lebensgefährtin lässt die gemeinsame Tochter für ein paar Tage bei ihm, dem Ausgesaugten. Und sie, die Elfjährige, liebt ihren Papa. Die Idee ist schön, Elle Fanning eine echte Entdeckung. Elegant spielt sie die junge Balletttänzerin, die sogar der Papa bewundert, ehrlichen Herzens. Sie zieht mit ihm mit für eine Weile, um ihm ein kitzeklein wenig seine trübsinnig-zerleerte Existenz aufzuhellen. Und tatsächlich blinken auch auf einmal bei Johnny ein paar Daseinslichter auf. Da ist etwas, was so gar nicht in die Dramaturgie seines Lebens passte, dass da ein ganz junges Girl plötzlich in seinem Leben auftaucht, das ihn zwar respektiert aufgrund seiner Erfolge, ihn aber als Menschen erst einmal eher gesund-skeptisch von der Normalseite her anschaut.
Und das sich trotzdem freut, wenn er sie lobt. Zum Beispiel wenn sie eine besondere Drehung als Balletttänzerin zeigt. Oder wenn sie die Sauce beim Launch richtig hinkriegt. Da passiert etwas zwischen den beiden, das an Liebe grenzt. Johnny liebt Cleo ein wenig, er versucht jedenfalls etwas in dieser Richtung und kippt doch wieder in die leere Gewöhnlichkeit des Hochberühmtseins zurück.
Dies Zurück gelingt dem Film nun ganz und gar nicht, und daran geht er auch auf Krücken. Vielleicht will er auch eher philosophische Ödnis verbreiten mit seiner vielen breitgetretenen Zeit, die die Leere des Protagonisten ausdrücken will. Der Film schwelgt in diesem Voyeurismus. Doch Stephen Dorff fehlen die Drachenflügel. Er ödet uns auf höchst unphilosophische Weise an.
Als Johnny Marco zur Premiere seines neuen Films nach Italien reißt, quälen die verschenkten Szenen den Zuschauer, der die Elfjährige als heimliche Protagonistin liebgewonnen hat. Im privaten Luxusschwimmbecken des Hotels darf Cleo gerade mal einen Handstand im Becken machen. Als Vater und Tochter schlaflos im Bett nebeneinander liegen, käme jede dramaturgische Verwegenheit willkommener, als dass die beiden sich nur gerade Erdbeereis bestellen und ferngucken. Lustig ein Masseur, der Homoerotik ins Spiel bringen will. Doch überall warten entblätterte Blondinen in frischgemachten Hotelbetten auf den verwegenen Verführer., der damit ein entsetzlich albernes Klischee bedienen muss. Filmstars sind Götter oder Götterlieblinge. Aber sie besitzen selbst wenn sie depressiv sind, etwas Faszinierendes und bereiten Kopfzerbrechen. Johnny Marco hingegen schleckt Erdbeereis. Man kann Ödnis jedoch nicht mit Ödnis, den Teufel nicht mit dem Beelzebub austreiben.
Irgendwann, als Cleo auf ihrem Camp gelandet ist, steigt Johnny einmal mitten in der Landschaft aus dem Auto und läuft die Straße im Irgendwo allein weiter. Vielleicht weil er sich jetzt endlich selbst zu suchen begonnen hat, vielleicht weil er auch einfach mal austreten musste. Der Zuschauer bekommt es nicht mit - denn er ist dem Film selbst längst abhanden gekommen.
USA 2010
Regie: Sofia Coppola
Drehbuch: Sofia Coppola
Produktion: Fred Roos
G. Mac Brown
Roman Coppola
Sofia Coppola
Francis Ford Coppola
Kamera: Harris Savides
Darsteller: Stephen Dorff
Elle Fanning
Michelle Monaghan u. a.
Verleih: Tobis
98 Min.
Joe Schmidt / 22.01.11
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