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Interview mit Sabine Bernardi zum Film “Romeos … anders als du denkst”

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Frau Bernardi, mit Ihrem Film „Romeos“ ist Ihnen ein temporeicher Unterhaltungsfilm gelungen. Inwieweit ist das Genre dem Stoff angemessen?

Den Stoff als Liebesfilm voller Lebensfreude zu erzählen war eine klare Entscheidung und ich fand es nicht nur angemessen, sondern auch notwendig - denn Transgender zu sein heißt ja nicht, sich nur darüber zu definieren, ganz im Gegenteil. individuelle Sehnsüchte, Glücklichwerden und seinen Platz im Leben zu finden, ist davon ja völlig losgelöst. Ein junger Transmann sagte mal zu mir „wenn die Angleichung erstmal rum ist, dann beginnt ja überhaupt erst das Leben!“, das konnte ich total nachvollziehen.
Außerdem finde ich, dass ein anderer gesellschaftlicher Blick auf die Thematik uns allen gut täte, weg von der reinen Problematisierung hin zur gesellschaftlichen Akzeptanz. Mit “Romeos” wollte ich deshalb andere, eben positive role models zu schaffen, um einen anderen Umgang mit dem Thema zu beginnen. Auch das war ein Grund, “Romeos” als Unterhaltungsfilm zu erzählen.

Ein Transgender ist kurz gesagt jemand, der mit seiner Geschlechtszugehörigkeit nicht einverstanden ist und eine biologische Reparatur beabsichtigt. Der Film erzählt von einem Mädchen, das beschließt, mit Hilfe von Ärzten ein Junge zu werden. Wie kamen Sie eigentlich auf das Thema?

Das stimmt nicht ganz – es ist nicht so, dass ein Mädchen beschließt, ein Junge zu werden. Sondern es geht um einen Jungen, dessen Geschlechtsmerkmale noch weiblich sind, und die er deshalb angleichen muss. Man spricht heute nicht mehr von Geschlechtsumwandlung, sonder von –angleichung.
Auf das Thema bin ich gekommen, als ich während meinem Studium an der Filmschule einen Dokumentarfilm “transfamily” über zwei Transmänner und ihre Partner/in gedreht habe – auch das war ein Liebesfilm, ein dokumentarischer. Der Focus lag nicht auf der körperlichen Transition, sondern auf Liebe und Glücklichsein. Das Thema Transgender hat meinen Blick auf Identität sehr verändert. Dieser Dokumentarfilm legte den inhaltlichen Grundstein für “Romeos”, zwei meiner damaligen Protagonisten haben jetzt Jahre später die Fachberatung bei “Romeos”, für Team und Schauspieler übernommen, und teilweise auch mitgespielt.

Als Miriam Lukas geworden ist, oder genauer: kurz vor der endgültigen Umwandlung steht, verliebt er sich ausgerechnet in einen Jungen. Das ist verwirrend. Stand diese Idee für Sie beim Drehbuchschreiben von Anfang an fest?

Die Idee stand von Anfang an fest. Weil sie ein dokumentarisches Vorbild hatte. Ich kannte zu dem Zeitpunkt viele schwule junge Transmänner, oder eben auch viele, die sich da ausprobiert haben, oder auch in Beziehungen waren. Ob schwul, bi, lesbisch – alles so wie bei nicht-transgendern. In der schwulen Szene sind viele Transgender, viele ungeoutet.

Ihr Film wurde zunächst nicht für Jugendliche unter 16 zugelassen. Hatte man in der Kommission des FSK Sorge, dass die Jugendlichen den Rollentausch nicht begreifen würden? Wie sehen Sie diese Entscheidung?

Der ersten Entscheidungen der FSK16 konnte ich nicht nachvollziehen, und ich glaube, dass diese anderen Rollenbilder, die ich in dem Film zeige, nicht begriffen wurden. Nach unserer Berufung wurde aber am 28.12.2011 auf FSK12 entschieden, der neue Ausschuss hat die neue Sichtweise honoriert – und über das neue Ergebnis bin ich sehr glücklich. Damit kann er auch in jüngeren Klassen im Unterricht eingesetzt werden, ensprechende Empfehlungen von der Vision Kino gab es auch schon vorher dazu.

Der Protagonist weckt Mitgefühl. Er gehört nicht mehr zu den Mädchen, wird aber auch von den Jungen nicht richtig akzeptiert. Er muss in gewisser Weise die Rolle eines Mädchens wie die eines Jungen in einer Person überzeugend spielen. Können Sie uns von den Proben und den Dreharbeiten mit ihrem Hauptdarsteller berichten?

Es war eine sehr herausfordernde Rolle für unseren jungen Hauptdarsteller Rick Okon. Das Casting hatte schon 4 Monate gedauert, weil es sehr schwierig war, jemanden zu finden, der das spielen und verkörpern kann. Gearbeitet haben wir dann so, dass ich ihn zum einen zusammengebracht habe mit Transjungs in seinem Alter, da hat Rick dann eine sehr intensive Recherche gemacht, und sich viel abgeguckt. Zum anderen habe ich zwei Wochen vor Dreh eine sehr intensive Vorbereitung gemacht, im Team zusammen mit zwei sehr erfahrenen Schauspielcoaches. Diese kenne ich schon lange und schätze sie sehr, wir haben mit den Schauspielern dann sehr effektiv an der Rollenvorbereitung gearbeitet – körperlich und emotional. Wir haben herausgearbeitet, um was es geht bei den Figuren, eben nicht um transgender, denn das kann man nicht spielen, sondern darum, Ziele und zu Sehnsüchte haben, jemanden lieben wollen und dabei so dringend auf der Suche sind, geliebt werden. Wir haben das Beziehungsgefüge herausgearbeitet, damit das Ensemble gebaut und als wir in den Dreh gingen, hatten Schauspieler und ich längst eine Sprache gefunden. Wichtig, denn am Set selbst mussten wir schnell arbeiten bei 21 Drehtagen. Da zählen dann handwerkliche Dinge, eine exakte Regievorbereitung und handwerkliches Können jedes Schauspieler, das auch unter Druck abzurufen. Diese Arbeit mit den Schauspielern war für mich das größte.

Wäre es für Sie denkbar gewesen, die Hauptrolle auch mit einer Frau zu besetzen?

Nein, undenkbar. denn das wäre keinem Transmann gerecht geworden, hätte es doch immer was von Verkleidung gehabt.

Für viele Zuschauer ist der intime Einblick in die schwul-lesbische Szene sicher ein Problem. Wie ging es den Schauspielern? Hatten auch sie Hemmungen zu überwinden?

Keine Hemmungen. Das war schon im Casting klar. Neu war ihnen die Szene schon, wir sind deshalb vorher ausgegangen, in die Gay Clubs, das gehörte zur Vorbereitung. Und was die Körperlichkeit im Film betrifft, das ist immer eine herausforderung für Schauspieler, intime Nähe und soviel von sich zu zeigen, da ist gegenseitiges Vertrauen das wichtigste. Mit schwul/lesbisch hat das dann aber nichts zu tun.

Bis auf ein paar Hänseleien sind fast alle Figuren bald auf Verständnis für den Transsexuellen eingestimmt. Selbst Schönling Fabio besinnt sich recht schnell auf seine Gefühle für Miriam-Lukas. Greifen Sie damit der Realität nicht sehr vor, in der Homosexualität und erst recht Transsexualität häufig tabuisiert wird?

Vielleicht greife ich dem vor, ja. Gesellschaftlich wird es durchaus noch tabusisiert, gerade deshalb fand ich es so wichtig, dies positiv zu belegen – und damit etwas Zukünftiges abbzubilden, ja, so könnte es sein, wenn wir uns mal alle bisschen dafür öffnen. Ich glaube fest daran, dass dies die gesellschaftliche Entwicklung ist. Gleichzeitig wollte ich jungen schwulen/lesbischen/bi/transgender Jugendlichen endlich mal positive role models geben, medial ist das wie ich finde total überfällig. Gleichzeitig halte ich mich dabei an meine Beobachten in der Realität, viele junge Transmänner haben Unterstützung – von Freunden, Familien, Klassenkameraden. Dem geht schon eine schwierige Auseinandersetzung voraus, aber glücklicherweise sind wirkliche hate crimes sehr selten. Deshalb habe ich diese inhaltlich nur über einen Nebenstrang thematisiert.

Auch Ine, Miris alias Lukas’ beste Freundin, lebt in keiner gesellschaftskonformen Welt. Sie schützt Miriam im Moment, wo sie zum anderen Geschlecht überwechselt und ihr damit als beste Freundin verloren geht. Auch sie hätte in gewisser Weise das dramaturgische Potential zu verzweifeln. Haben Sie eine Schwäche für Außenseiterfiguren?

Eine Große Schwäche für Außenseiterfiguren – gleichzeitig stelle ich die eben in Frage: wer ist denn überhaupt Außenseiter? Das hängt ja auch vom Betrachter ab. Glücklicherweise.

Frau Bernardi, planen Sie bereits einen neuen Film? Hat er mit “Romeos” etwas gemeinsam?

Ja, es gibt bereits Ideen und Gespräche für einen neuen Film. Gemeinsamkeiten zu “Romeos”? Intensive Schauspielerarbeit und die Lust an vielschichtigen, widersprüchlichem und eigenen Charakteren.

Vielen Dank für das Interview, Frau Bernardi.

Ich danke Ihnen ebenfalls für das Interview!

 

Joe Schmidt / 15.01.12

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