Der Filmblog
Im Land der Dunklen Mühle: Krabat
Das ist die Geschichte vom braven Betteljungen Krabat, der im 30-jährigen Krieg heimat- und mutterlos wurde, weil die teuflische Pest im Land umherging und auch seine Mutter von der Seuche heimgesucht wurde. Und der in die Fänge böser Menschen gelangte, aus denen er sich aber mit der Kraft seines Verstandes, seiner angeborenen Zauberkräfte und nicht zuletzt durch die Liebe zu einem jungen Mädchen, das auch ihn liebte, wieder befreien konnte. Krabat: das ist die Geschichte vom Bösen, dem man verfällt, wenn die Mutter stirbt und man auf sich gestellt ist und kämpfen muss um den Heilsboden, den einem die Mutter so lange schenkte. Und den man sogar zu verraten bereit ist, weil man jede Orientierung verloren hat.
Der Film erzählt dies altsorbische Märchen, das der bekannte Jugendbuchautor Otfried Preußler zu einem kleinen Kultbuch verarbeitet hat, so, dass es auch die anrührt, die die 17 schon deutlich überschritten haben.
Im Traum führen den Waisenjungen elf Raben zu einer alten Mühle in einem finsteren Tal. Dort kann er schlafen, essen und arbeiten. Aber von dem Müllermeister werden ihm unerhörte Aufgaben auferlegt, schwere Lasten zu tragen, zunehmend auch dunkle nächtliche Begehungen auf dem Hof zu akzeptieren, Grausamkeiten gegen die Müllerburschen. Der junge Lehrling sieht all das als Herausforderung, weil er glaubt, sich bewähren zu müssen. Doch bald spürt er, dass er akzeptieren muss, unter den Freunden der Schwarzen Magie angekommen zu sein, dass die Kräfte, die aus ihm herausgelockt werden sollen, nicht nur Kampfeskräfte und Zauberkräfte sind, die Spaß machen und Überlegenheit normalen Menschen gegenüber beweisen, sondern teuflische Gelübde bedeuten.
Der Tod ist unser aller Meister, sagt der Meister und Magier der Mühle einmal, der Müllermeister, als er Krabat (David Kross) erklären will, dass wieder einmal zum Jahresende einer der Burschen sterben musste, ein düsteres Opfer. Und als das Jahresopfer zu Grabe getragen wird, sieht er, dass das Grab schon aufgeschippt war. Das Jahreslos musste fallen, es frug sich nur für wen. So bildet der Film dann vor allem die sonderbare Gemeinschaft der Jünger und Burschen dieses zweifellos holzschnittartig gezeichneten einäugigen Müllermeistersatans Evil Scorcerer (Christian Redl) ab. Sie müssen sich alle in unterschiedlicher Weise mit ihrer Situation arrangieren. Erst das große Versprechen zauberhafter Freiheit, besonderen Könnens, das Ausbrechen aus dem Alltag - bis hin zum Rabenflug - , dann die dunkle Realität, in der Mühle zu wohnen in einem finsteren menschenfernen Tal, in dem jedes Jahr einer wieder geopfert wird.
Auch Tonda (Daniel Brühl) wird sterben, obwohl er dem Ausbruch zur Freiheit schon am nächsten war. Welches Glück, dass sich Krabat am Ende mit Juro (Hanno Kofler) anfreundet, einem, der sich stotternd und dumm gibt, aber in Wahrheit die Lösung des Rätsels kennt, die ihnen allen die Schicksalssituation auferlegt hat. Am letzten Tag des Jahres - eben der Tag, wo wieder ein neuer Bursche sterben muss -, muss ein Mädchen seinen Burschen freibitten. Dann kann er mit ihm den Köselbruch, dieses Tal der verfluchten Seelen verlassen.
Alles wird märchenhaft, nah an der Fantasy-Welt erzählt. Und im Mittelalterkolorit, mit Schweinefüßen auf der Mittagstafel und steinernen Bechern, aus denen getrunken wird. Nahegelegt ist die Parallele zu Jugendkulturen und diversen Sekten bis hin zum Satanismus, bei denen aufbruchsdurstige junge Menschen mit leeren Versprechungen hingehalten werden, bis sie einsehen, dass sie um ihr Leben spielen. Aber der Film meidet Hintergrundsphilosophien dieser Art, sondern will nur einfach das Märchen zu Ende erzählen. Das gehört sicher auch zu den Schwächen des Films. Mitunter meint man, mit dem 13jährigen jüngeren Neffen dort im Kinosaal zu sitzen, dem man den Kinobesuch versprochen hatte.
Wenn Kantorka (Paula Kalenberg) am Schluss Krabat unter den in krächzende Raben verwandelten Burschen wiedererkennt, ganz einfach weil ihr Herz beim Anblick gerade dieses Rabens höher schlug, geht die alte Mühle in Flammen auf. Der Meister, der mit dem Tod paktierte, spürt, dass er nichts gegen die Macht der Liebe vermochte. Ja, fragen wir uns, vielleicht gehören wir ja auch zu den bösen Raben, aber eines Tages wird eine Fee aus dem Lichtreich auch uns erlösen, weil ihr Herz bei unserem Anblick höherschlug. Die darüber alle finsteren Mühlen, alle Versuchungen des Teufels - und vielleicht auch den Zauberbann des Fantasykinos für uns besiegt.
Deutschland 2008
Regie: Marco Kreuzpaitner
Drehbuch: Michael Guttmann
Marco Kreuzpaitner
David Kross
Daniel Brühl
Christian Redl
Robert Stadlober
Paula Kalenberg
Anna Thalbach
Moritz Grove
David Fischbach
Verleih: Fox
120 Min.
Joe Schmidt / 09.11.08
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