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Im Königreich der Blinden: „Blindness“

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Blindheit ist in der Kunst immer wieder thematisiert worden. Angefangen vom Mythos des „blinden Sehers“ in alten Sagen und Legenden bis zum Kino. Blinde nehmen die Welt anders wahr als Sehende – und in jeglicher Form visueller Kunst geht es meist genau darum, eben kein einfaches Abbild der Realität zu liefern. Vielleicht wird das Thema Blindheit deshalb so gerne thematisiert. Nur aus Hollywood fallen einem schon etliche Beispiele an von Thrillern wie „Warte bis es dunkel wird“ mit Audrey Hepburn oder etwas moderner „Jennifer 8“ oder Dramen wie „Der Duft der Frauen.“
In der Romanverfilmung „Die Stadt der Blinden“, basierend auf dem Romanmeisterwerk von José Saramago, verlieren in ganz kurzer Zeit nahezu alle Menschen ihr Augenlicht. Mit einem Mann an einer roten Verkehrsampel fängt alles an. Menschen, die in Kontakt mit ihm kommen, erblinden auch – wie zum Beispiel ein Augenarzt (Mark Ruffalo). Damit scheint bewiesen: die Blindheit ist ansteckend. Die Politik reagiert, in dem es die Erkrankten in Lager sperrt. Die Frau des Augenarztes (Julianne Moore) begleitet ihn, obwohl sie sehen kann. Sie täuscht ihre Blindheit vor, um zu helfen. Doch was sie, und mit ihr der Zuschauer erlebt, könnte grausamer nicht sein. In den ersten Tagen ist das ganze gerade mal ein bisschen lästig, weil man eingesperrt ist. Aber es gibt Essen, die hygienischen Verhältnisse sind gut – man kommt irgendwie klar. Doch noch ein paar Tagen ist das Lager überbelegt, Nahrungsmittel werden knapp, die Notdurft wird auf den Gängen verrichtet, weil nicht genügend Toiletten vorhanden sind.
Hinzu kommt noch, dass der Gefängnisblock 3, angeführt vom selbsternannten König (Gael Garcia Bernal) die Kontrolle über den Lebensmittel an sich reißt, und sich für das Teilen bezahlen lässt. Erst müssen alle Wertsachen abgegeben werden. Und als die Häftlinge nichts mehr haben, verlangt Block 3 die Frauen aus den anderen Blöcken…
Das Versagen jeglicher moralisch-zivilisatorischer Errungenschaften ist das Thema des Films. Mit dem Verlust des Augenlichts werden die falschen Fassaden eingerissen und geben den „Blick“ auf ein instinkt- und triebgesteuertes Wesen namens Mensch frei. Dem Film gelingen dabei einige wirklich beklemmende Szenen.
Durch eine relativ klare Einteilung in Gut und Böse (zufälligerweise sind die Personen, mit denen der Zuschauer mitfiebert, weil sie noch einigermaßen moralisch integer handeln, alle im Zellenblock des Augenarztes und seiner Frau untergebracht und die Bad Guys alle beim König von Block 3) wird hier jedoch noch Verstörungspotenzial verschenkt. Zudem erhöht auch die visuelle Gestaltung die Distanz zum Geschehen. Mereilles und sein Kameramann César Charlone setzen die Blindheit buchgetreu als alles überlagerndes Weiß um. Folglich wird viel überbelichtet, und bewußte Unschärfen eingesetzt. Trotzdem wirkt das ganze Geschehen dadurch eher artifiziell als aus Sicht der Blinden miterlebt. Durch die ausgefeilten Formulierungen (Saramago ist immerhin Nobelpreisträger für Literatur) war bei der Lektüre des Buches die ganze Misere viel mehr spürbar – und somit ungleich deprimierender als im Film. 

Kanada, Brasilien, Japan 2008
Regie: Fernando Meirelles
Drehbuch: Don McKellar
Romanvorlage: José Saramago
Julianne Moore
Mark Ruffalo
Danny Glover
Gael Garcia Bernal
Sandra Oh
Verleih: Kinowelt
120 Min.

Jan Boltze / 11.11.08

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