Der Filmblog
Glücksträume: Cassandra’s Dream
Eigentlich kennen Jan und Terry Blane das Glück. Jan (Ewan McGregor) hilft im heruntergekommenen Restaurant des Vaters, Terry (Colin Farrell) arbeitet als Automechaniker. Aber beim Hundewetten gewinnt Terry etwas, um sich eine kleine Segeljacht leisten zu können. Die beiden Brüder laden ihre Freundinnen ein, mit ihnen gemeinsam aufs Meer hinauszufahren und das Leben zu genießen. Warum kann nicht alles dabei bleiben? Was sie treibt, ist die Sehnsucht nach dem großen Glück. Terry hat eine Spielleidenschaft, mit der er eines Tages viel Geld verdient. Jan will unbedingt einer luxusverliebten erfolgreichen Schauspielerin imponieren, in die er sich verliebt hat. Er investiert in fragwürdige Geschäfte. Terry setzt im Übermut das gewonnene Geld ein, um es phantastisch zu steigern und verliert nicht nur prompt alles, sondern verschuldet sich binnen Stunden haushoch. Die Verzweiflung ist da. Schon steht der falsche Freund in Gestalt des biederen Onkels im Türrahmen, der der Familie oft genug unter die Arme gegriffen hat. Er ist als Schönheitschirurg zum Millionär geworden. Aber jetzt ist auch er in der Klemme. Er hat seinen Reichtum nicht ganz mit rechten Mitteln erworben, und ein rechtschaffener Buchhalter ist ihm auf die Schliche gekommen. Er kann aussagen und das Glück seines Chefs in den Abgrund treten. Also muss er verschwinden. Hübsch fährt die Kamera im Kreis um Onkel und Neffen herum, die im Garten Schutz vor plötzlichem Regen unter einem Baum suchen, während sie sich über ihre Lage und die anstehende schicksalsschwere Entscheidung lange beraten. Die Kamera scheint buchstäblich den Teufelskreis abfahren zu wollen, in den die drei nun gebannt sind. Terry plagen Zweifel und Gewissensängste ("Ich kann das nicht"). Er spürt die Grenze, die sie unerlaubt überschreiten werden. Jan wittert keine Gefahr, sondern nimmt das Schicksal, den Familienzusammenhalt einmal auf ungewöhnliche Weise zu beweisen, spontan an ("Wir machen es einfach").
Der Zuschauer jedoch wittert ähnlich wie in ‘Before the Devil knows you’re dead’ mehr und mehr den Bauplan einer altgriechischen Tragödie, in der die Musik des Unausweichlichen die Häupter der Helden langsam nieder drückt. Aber diese Helden sind zwei arme Teufel, die an Ähnliches nie dachten. Auch wenn sie den integren Buchhalter noch mit scheinbarer Könnerschaft beseitigen können, wendet sich das Glück von ihnen ab. Den verletzlichen Terry plagen Selbstzweifel und bald auch Wahngedanken, dem antiken Orest gleich, der seine Mutter ermordete. Er droht sich zu stellen. ‘Cassandra’s Dream’ heißt die Segeljacht, in der sie schließlich noch einmal steigen wollen, um etwas Entspannung zu suchen von allen ihren Sorgen. Allens Humor liegt einmal nicht in seinen Dialogen, sondern versteckt sich hinter dem moralinsüßen Plot, in dem Cassandra - eigentlich nur die smarte Hündin, mit der Terry seine erste Wette gewonnen hatte - zum Signal eines davon galoppierenden Schicksals wird, dessen die Protagonisten nicht mehr Herr werden können. Wenn die Jacht im Schlusstake verlassen im abenddunklen Hafen liegt, sind nur noch die überlauten Schmerzensrufe der antiken Seherin zu hören.
Regie/Drehbuch: Woody Allen
Produktion: Letty Aronson, Stephen Tenenbaum, Gareth Wiley
Musik: Philip Glass
Darsteller: Hayley Atwell, Colin Farrell, Sally Hawkins, Ewan McGregor, Tom Wilkinson
Verleih: Constantin
108 Minuten
Joe Schmidt / 25.06.08
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