Der Filmblog
Gleich neben dem Paradis: Jerichow
Illusionslos und unehrenhaft ist er heimgekehrt von einem Kriegseinsatz in Afghanistan. Illusionslos muss er jetzt seine Mutter zu Grabe tragen. Illusionslos muss er sich sein Erbe ansehen, ein heruntergekommenes Haus in der Prignitz, durch dessen Ritzen der Wind pfeift.
Ohne ein paar Geldstücke in der Hand muss er seine Existenz neu beginnen, muss im Supermarkt mit dem Bestätigungsschein vom Amt bezahlen („Zigaretten und Alkohol müssen Sie ins Regal zurücklegen!“). Mit zwei dicken Einkaufsbeuteln läuft er die Endloslandstraße bis zu seinem neuen Landhaus vom Supermarkt zurück. Mit dunklen Erinnerungen im Rucksackgepäck, so vermutet man.
So schlicht und ostdeutschlandnachwendetauglich beginnt der Film. Da trifft Thomas (Benno Fürmann) auf der Landstraße auf dem Rückweg vom Discount auf Ali (Hilmi Sölzer), der gerade vor seinen Augen einen kleinen Unfall am Straßenrand baut. Ali ist mit ein paar Prozent zuviel im Blut in der Kurve den Abhang runter. Ohne Hilfe schafft er es nicht allein, den Wagen wieder zur Straße hochzuziehen. Thomas hilft ihm. Sogar als die Polizei kommt. Er sagt, er hätte den Wagen gefahren.
Eine ungewöhnliche Freundschaft beginnt. Zwischen zwei Männern, die an der Grenze zur Vernichtung der Existenz leben, aus unterschiedlichen Gründen. Thomas baut an der Illusion eines neuen Lebens in diesem heruntergekommenen Haus, das er ohne Geld in der Hand bestens bewohnen kann. Ali – aber das ist nicht so leicht zu erzählen. Ali hat in materieller Hinsicht nichts zu fürchten. Er besitzt in einem leeren Landstrich im Osten Deutschlands zahlreiche Imbissbuden, kontrolliert die Mitarbeiter, deren Umgang mit dem Geld. Er beliefert sie mit Ware. Er ist wohlhabend. Aber verdammt einsam. Und er hat eine Frau, die er liebt, aber doch mehr aushält. In gewissem Sinne hat er sie sogar gekauft. Sie liebt ihn nicht so recht. Sie arrangiert sich mit ihm. Sie hat ihn vielleicht wirklich nur seines Geldes wegen geheiratet.
Die zwei in so unterschiedlicher Weise vom Leben desillusionierten Männer freunden sich für eine kurze Zeit an. Ali sucht Thomas in seinem verfallenen Landhaus auf und fragt ihn, ob er sein Fahrer werden wolle. Denn gerade hat Ali hat endgültig seinen Führerschein verloren. Wieder zuviel Promille. Thomas, der bislang als Gurkenerntehelfer arbeitet, sagt spontan zu.
Thomas ist fortan sogleich fast alles für Ali: Fahrer, Berater, Freund, Bodyguard. Vor allem zuerst Letzteres. Ali ist ständig bedroht. Als er einen kleinen Betrug mit Getränken an der ersten besten Imbissbude entdeckt, steht sofort ein Landsmann hinter ihm mit dem Fleischermesser. Der Ex-Soldat verhindert mit sicherem Handgriff das Schlimmste. Wenige Augenblicke später wird er ihn mit äußerster Kraftanstrengung an einer Klippe am Meer hochziehen, von der er abermals mit zuviel Promille im Blut gerade abzugleiten droht. Doch da ist noch etwas, was jede echte Männerfreundschaft kaputtmachen kann: die Frau. Es ist Alis Frau. Für Ali ist Laura (Nina Hoss) der Engel, aber es ist ein falscher Engel. Thomas erliegt ihrem sinistren Charme schnell. Als Ali einmal seinen Rausch ausschlafen muss, fallen Laura und Thomas wie ausgehungerte Tiere übereinander her. Da merkt der Zuschauer endgültig, dass Ali in einem Konstrukt lebt. Das Konstrukt heißt letztlich: Deutschland. Ali hat Laura in einer Bar kennengelernt, aus der er sie mit seinem vielen Geld herauskaufen konnte. Laura braucht ihn, um von ihren Schulden wegzukommen. Ali lebt, wie er es zum Schluss des Films einmal sagt, in einem Land, das ihn eigentlich nicht will.
Ali kann sein mediterranes Ja zum Leben in Deutschland nicht ausleben. Ergreifend die äußerst heikle Szene des Films, wo die drei am Strand der Osee picknicken und Ali wie an seinem abgestammten Mittelmeer mit dem Rakiflasche in der Hand allein vor der glitzernd gleichgültigen Wasseroberfläche des Meers tanzt. Der Tanz wird zu einem sehr traurigen Tanz. Dann legt er seinem jungen Geschäftskompagnon und Freund, als kennte er seine eigene Zukunft, die Hand auf Lauras Rücken und zeigt ihm, wie er entspannt und locker mit ihr tanzen kann.
Alles ist in dem Film auf unauffällige Weise vom Untergang bedroht. Ali ist der brüchigste Held. Während er Laura und Ali trotz seiner wachsamen Augen bei der Liebe nicht erwischt, wird schon sein Mord geplant. Gleich neben dem Paradiesesgarten steht der Ort, wo Lügen und Unkraut wuchern und Freundschaften zerbrochen werden. Indem der Film eine Geschichte an der Randzone Deutschlands erzählt, inszeniert er den Ursprung, den unverletzten Zustand. Und der ist bekanntlich lupushaft, brutal, grausam.
Der Film stellt Glück als Illusion dar. Er will kratzen und wehtun. Der Film ist ein Wahntraum, man möchte die Augen endlich auftun. Aber auch wenn Alis Welt ein vom Regisseur überzeichnetes Konstrukt ist, wird die böse Geschichte von dem einsamen reichen Türken, der in Deutschland sein Glück nicht finden konnte, in der Erinnerung der Zuschauer weiterleben.
Deutschland 2008
Regie: Christian Petzold
Drehbuch: Christian Petzold
Produktion: Dorissa Berninger
Michael Weber
Musik: Stefan Will
Darsteller: Benno Fürmann
Nina Hoss
Hilmi Sözer u. a.
Verleih: Piffl Medien
106 Min.
Joe Schmidt / 15.02.09
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