Der Filmblog
Gefühlsglanz: Atonement
Kinder können böse lügen, sagt man. Aber bekanntlich können es auch Erwachsene, wenn sie irgendein handfestes Interesse durchsetzen wollen. Und wie ist es mit Kindern, die gerade an der Schwelle zum Erwachsenensein stehen? Der Film von Joe Knight, der auf der Grundlage von Jan McEwans Romans “Die Abbitte” entstanden ist, entführt uns in die mondäne Welt des englischen Großbürgertums der Vorkriegszeit. Die junge Tochter der Tallis, Briony (Saoirse Ronan), schreibt. Gerade ist das erste Theaterstück der 13jährigen mit dem so anspruchsvollen Titel ‘Die Heimsuchung der Arabella’ fertig geworden, das im Haus aufgeführt werden soll. Da bricht die Realität herein. Die ältere Schwester Cecilia (Keira Knightley) ist in den Sohn des Hausverwalters verliebt, den stattlichen Robbie (James McAvoy). Vom Fenster des Anwesens aus beobachtet Briony, wie die beiden im Garten miteinander turteln. Und sie scheint eifersüchtig. Als die beiden pummeligen Zwillingscousins ausbüchsen und nachts im Garten gesucht werden müssen, geschieht ein Unglück. Die gleichaltrige Schwester der Briony wird im Garten von einem Unbekannten vergewaltigt. Für Briony scheint es klar, dass es Robbie war. Oder sagt sie es nur? Gerade hatte sie ihn bei einer leidenschaftlichen Szene mit Cecilia in der elterlichen Bibliothek beobachtet.
Und nun blicken wir in die Tiefe der sonderbaren Psyche dieses frühreifen Mädchens, das noch vor der Polizei auszusagen bereit ist, dass der Hausverwaltersohn Robbie ihre Schwester missbraucht hat. Es ist doch offenbar kein Verlangen nach Gerechtigkeit, das sie zu der Falschaussage verleitet. Die verletzte weibliche Psyche? Sie scheint auch selbst für ihn Sympathien zu hegen. Ist es der Schrecken vor der hemmungslos vor ihren Augen ausgelebten Sexualität, die sie in der Bibliothek beobachtete und die sie ja doch noch nicht kannte?
Wie auch immer, das Geschehen nimmt seinen Lauf. Robbie wird verhaftet, kommt ins Gefängnis, darf nicht studieren, wird in den Krieg eingezogen. Die Liebe zwischen Cecilia und Robbie bleibt während der Kriegswirren bestehen, obgleich die beiden sich nur noch Briefe schreiben können. Der Film schwelgt hier teils in Massenkriegsszenen, die die Geschichte innerlich nicht wirklich vorantreiben.
In der letzten Szene des Films sehen wir schließlich die eindrucksvolle Gestalt der alten Schriftstellerin Briony (verkörpert durch: Vanessa Redgrave), die gerade ihren letzten Roman der Öffentlichkeit vorgelegt hat. Es ist auch ihr persönlichster, wie sie sagt. Nervös gibt sie ein Fernsehinterview, in dem sie von der diagnostizierten Demenz erzählt, die ihr jetzt drohe. Sie erzählt auch von der Entstehungsgeschichte des Romans, der sie ein Leben lang begleitete. Es ist ihr erster und zugleich letzter Roman. Es ist die Geschichte der Liebe von Cecilia und Robbie. Nach dem Krieg sahen sie einander wieder, und sie, Briony, trat auf die beiden zu, um sie um Verzeihung zu bitten für ihre böse Lüge. Zögernd war Robbie, der ihr sein verpfuschtes Leben, Gefängnis, verhindertes Studium und das zerstörte Liebesglück zu verdanken hatte, darauf eingegangen. Briony leistete spät Abbitte für ihre Untat, aber nicht zu spät.
Doch so erzählt es nur der Roman der altgewordenen Schriftstellerin, die den beiden ihre Liebe im Wort wiederschenken will. Die Wirklichkeit hatte anders ausgesehen. In den Kriegswirren waren Cecilia und Robbie umgekommen, Cecilia bei Evakuierungsmassnahmen, Robbie war an einer Hirnerkältung gestorben. Abbitte und Versöhnung und hatten nie stattgefunden.
Der Film lebt neben der eindrucksvollen Geschichte durchaus von den mit großem Stil geführten Schauspielern, nicht nur Keira Knightley, die die Cecilia gegen das so kleinmütig gegen sie waltende Schicksal mit großer Geste anspielen lässt, sondern auch James McAvoy, der als der stattliche Bursche Robbie, der die Mädchenherzen mit Leichtigkeit erobert, genauso überzeugt wie bei dem Umschwung zum gedemütigten, leidenden Soldaten, der die blutige Tatze des Krieges zu spüren bekommt. Vor allem aber ist es Saoirse Ronan als die junge Briony, an deren geheimnisvoll kalte Augen die Kamera einmal ganz nah heranfährt, als die Lüge ausgesprochen ist, als wollte sie damit der menschlichen Fähigkeit zur Lüge auf den Grund zu kommen. Nicht zuletzt trägt zum Gesamteindruck die schwelgerisch-emotionale Musik von Dario Marianelli bei, die jedem noch so unterschwelligen Gefühlswert nachspürt, als wäre die Musik die wahre Sprache der Geschichte und gar nicht die der Dialoge. Zum Beispiel wenn die Mutter einmal auf die Kühlerhaube des Autos eintrommelt, das ihren eben inhaftierten Sohn wegfährt, oder Briony, die im Imperatorenschritt durch das elterliche Haus läuft und dabei die hämmernden Staccati des Klaviers mit dem Geklapper der Schreibmaschine eigentümlich verschmelzen, die die Geschichte aufschreibt. Geschichten diktieren unser Leben.
Regie: Joe Wright
Drehbuch: Christopher Hampton
Nach dem Roman von Ian McEwan
Produktion: Tim Bevan, Eric Fellner, Paul Webster, Liza Chasin, Richard Eyre, Robert Fox, Debra Hayward, Ian McEwan, Jane Frazer
Kamera: Seamus McGarvey
Musik: Dario Marianelli
Darsteller: Keira Knightley, James McAvoy, Saoirse Ronan, Romola Garai, Vanessa Redgrave
Verleih: Universal
118 Min.
Joe Schmidt / 25.06.08
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