Der Filmblog
Fortuna ist eine Putzfrau: Das Konzert
Andrej Filipov wischt den Fußboden unter dem Schreibtisch seines verhassten Chefs sauber – und ist doch ein großer Dirigent in einer Art Notruhestund. Unter Breschnew war er höchstrespektierter Dirigent am Moskauer Bolschoi-Theater, der aber nicht zulassen wollte, dass Juden aus seinem Ensemble entfernt wurden.. Da der Parteichef ihn nicht gewähren ließ, fiel er in Ungnade und durch alle Maschen der Gesellschaft. Statt den Dirigentenstab in der Hand zu halten, drückte ihm Fortuna den Putzlappen in die Hand. Jetzt muss er das Büro seines Nachfolgers sauberhalten. Doch noch immer schleicht er heimlich in die Proben des Orchesters und lauscht der Musik. Enthusiasmiert fuchtelt er dann mit unsichtbarem Taktstock in der Luft und dirigiert sein imaginäres Orchester…
Eines Tages kommt die große unerwartete Chance. Es fiept im Büro seines neuen Chefs, das er gerade wienert. Ein Fax ist angekommen. Nach einer kurzfristigen Absage wird am Pariser Theater Chatelet dringend ein neues Orchester mit Programm gesucht. Filipov (Aleksei Guskov), das Ex-Genie, wittert seine große Möglichkeit. Er nimmt das Fax an, löscht die dazugehörige e-mail.und rennt los. Die alten Freunde finden. Das alte Orchester, das sich längst aufgelöst hat. Vor dreißig Jahren. Und das jetzt aus Möbelpackern, Krankenwagenfahrern, Straßenmusikanten, Händyverkäufern und Pornoguckern besteht. Er erinnert sie daran, was sie eigentlich sind oder einmal waren. Schon das eine ungeheuer sentimale Idee des Films. Der eigentlich längst erledigte Dirigent rennt durch die Straßen und sammelt sein altes, längst nicht mehr existierendes Orchester aus allen Winkeln der Stadt auf. Und diese Männer und Frauen erinnern sich wirklich, einmal Musiker gewesen zu sein oder noch immer zu sein. Sie packen ihr Instrument aus und probieren auf der Straße oder wo sie gerade stehen. Da ist der jüdische Klarinettenspieler, der nur nach Paris mitkommen will, weil er hört, dass es jetzt so viele Synagogen in Paris geben soll. Der Zigeuner, der den Teufelsstrich auf der Geige beherrscht. Sein Freund Sascha (Dmitri Nazarov), der ihn in den schwersten Minuten, wenn ihn der Mut verlässt, wieder auffängt. Alles handverlesene Charaktere, die plötzlich angesteckt sind von der gemeinsamen Idee, sich als das wirkliche Orchester des Bolschoj-Theaters auszugeben, Fortunas Macht auszuboten und eine fulminante Rückkehr vor den Augen der Öffentlichkeit zu feiern.
Filipov setzt alles ein. Als Konzertagenten nimmt er sich ausgerechnet jenen Parteikader Ivan Gravrilov (Valery Barinov), der damals mitten im Konzert auf die Bühne trat, ihn und sein Orchester beim Spiel unterbrach und sie als Volksfeinde beschimpfte. Und dabei so unsterblich blamierte. Er allein kann die Fäden wieder zusammenschweißen, die er damals zerrissen hat. Denn er kennt noch immer jeden in der großen Welt und möchte jetzt selbst Kontakt zur kommunistischen Partei in Frankreich knüpfen. Er kann mit dem Leiter des Pariser Theater Chatelet, Monsieur Duplessis (Francois Berleand), verhandeln. Als Solistin wünscht sich Filipov Anne-Marie Jaquet (Melanie Laurent), die weltberühmte Violinistin, mit der er jenes Violinkonzert von Tschaikowski spielen will, das er schon damals spielte. Diese schlägt die Hände überm Kopf zusammen, als sie bei der Probe diese russischen Dilettanten und Phantasten auf die Bühne stolpern sieht. Und will sogar abrupt die Zusammenarbeit mit Filipov beenden, als sie spürt, wie depressiv und krank im tiefsten Herzen der Dirigent ist, mit dem sie arbeiten soll - insbesondere wenn er vor ihren Augen eine ganze Flasche Wodka im Lokal leert und aus seinem Leben erzählt.
Und doch wird das Unmögliche wahr. Während der Pariser Veranstalter fast verzweifelt und der kommunistische Kaderagent fast schon an Gott zu glauben beginnt, weil der Abend in einer jähen Katastrophe zu enden scheint, öffnet sich nach einigen Minuten zähen Ringens um die richtigen Töne der längst versiegte Quell der Musik erneut. Und das nicht zuletzt, weil die erst so kalt wirkende Solistin mit zunehmend mitreißendem Charme spielt, vielleicht weil sie hört, dass sich am Ende dieses Wahnsinnskonzerts auch das Rätsel darüber, wer ihre Eltern sind, lösen wird…
Mihailenus Komödie handelt von der Unwiderstehlichkeit, nein sagen wir besser Unentrinnbarkeit des Künstlerlebens. Sie ist exzellent und authentisch besetzt und durchgräbt einmal mehr erfolgreich die jüdische Seele, die sich durch all ihr Schicksalsdunkel hindurch in ihrer Geschichte die Chuzpe, die Lust an der Verstellung und am Trick, um zu überleben, erhalten hat. Nach der erstaunlichen Komödie „Zug des Lebens“ über die Nazis und den Holocaust, in der das Grauen trotz des tröstenden Humors fühlbar nachzitterte, erzählt Mihaileanu jetzt einsträngiger eine Geschichte, die von der Sowjetherrschaft berichtet, die kaum weniger brutal gegen das Individuum war. Man staunt, was Komödien leisten können. Insbesondere wenn man hier und da selbst mit den Tränen kämpfen muss, weil die Gefühle von dem so musikalisch geladenen Film mitangezupft sind.
Frankreich 2009
Regie: Radu Mihaileanu
Drehbuch: Radu Mihaileanu
Matthew Robbins
Produktion: Alain Attal
Kamera: Laurent Dailland
Musik: Armand Amar
Darsteller: Aleksei Guskov
Melanie Laurent
Dmitri Nazarov
Valery Barinov
Francois Berleand u. A
Verleih: Concorde
122 Min.
Joe Schmidt / 16.08.10
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