Der Filmblog
Es klebt an den Beinen: Melancholia
Es beginnt wie eine Komödie. Das Hochzeitspaar kommt selbst als letztes auf dem Fest an, die Gäste feiern bereits seit Stunden. Das Brautpaar hatte eine Stretchlimousine gemietet, mit dem es den unwegsamen Sandweg zum mondänen Anwesen auf der Anhöhe nicht bewältigen konnte. Abwechselnd hatten Braut und Bräutigam am Ende sogar selbst das unwegsame Ungetüm von Auto um die Kurve zu manövrieren versucht, als der Chauffeur nicht mehr konnte. Justine (Kirsten Dunst) wird mit Michael (Alexander Skarsgard) von ihrer Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg) auf dem Anwesen unwillig empfangen, als sie endlich barfuß und mit Stöckelschuhen in der Hand oben ankommt. Das Arrangement der Hochzeit verschlingt Unmengen an Geld, ein solcher Faux-Pas ist ärgerlich. Lars von Triers neuer Film inszeniert eine kosmische Depression im Handformat: ein Hochzeitspaar erleidet den Einfluss eines kosmischen Crashs, der Stern Melancholia rast auf die Erde zu und zieht alles Lebendige in seinen Bann. Die Hochzeit muss platzen.
Der Idee des Films haftet etwas Phantastisches an. Aber Lars von Trier wäre nicht einer unser genialsten Filmemacher, wenn die etwas gewollt wirkende Filmidee nicht dennoch ins Laufen käme. Man spürt Justines aufrichtigen Kampf um ihre Hochzeit und ihr bürgerliches Ego. Sie wünscht sich die bürgerliche Schutzhaut der Ehe vielleicht sogar gegen ihre Krankheit. Wunderbar komödiantische Szenen streicheln die Seele. Einfach eine Augenweide die lustvoll auskomponierten Hochzeitsrituale auf dem schlossähnlichen Anwesen: die bemühten Ansprachen, die Eleganz der Kleider und Umgangsformen, das Tortenanschneiden um Mitternacht, der witzelnde senile Vater, die Riesenluftballons, die mit Glückwünschen und Aufschriften mit Filzstift darauf in den Nachthimmel geschickt werden. All dies und noch mehr sorgt für eine besondere Stimmung. Noch nie hat man Lars von Trier derart mit Leichtigkeit einen Film machen sehen. Ganz und gar glaubwürdig wächst die Eiterblase der psychischen Erkrankung aus dem Inneren dieser mondänen Hochzeitsgesellschaft heraus, dass wir Justine nach und nach an diesem Abend absonderlich werden sehen. Sie lächelt und lächelt.
Aber das Gift hat sich in ihrer Brust spätestens eingenistet, als die Mutter unfreiwillig eine kurze Ansprache gehalten hat. Diese empfiehlt, die Zeit der Ehe zu genießen, solange es eben geht. Im übrigen hasse sie die Ehe besonders bei ihren Verwandten. Musik und Spiel versuchen fortan die bösen Worte tapfer zu überspielen, der Zuschauer aber spürt, dass die Naivität verloren gegangen ist. Gerade zischelt Claire noch der zynischen Mutter (brillant: Charlotte Rampling) zu, warum sie denn überhaupt gekommen sei.
Schon bald zieht sich die depressiv gewordene Tochter Justine zurück und gönnt sich ein ausführliches Bad. Die Melancholie klebt an ihren Beinen, einen Grund kann sie nicht nennen. Die Verwandtschaft einschließlich dem Hochzeitsplaner, der sich für den Rest der Hochzeitsnacht permanent die Hand vors Gesicht hält, wenn er der traurigen absonderlichen Braut begegnet, sind entsetzt. Die Hochzeitsgesellschaft wird hingehalten. Sie verselbständigt sich zunehmend.
Justine fühlt, dass der gefährliche Sonnentrabant näher kommt. Ausgerechnet in der diskretesten Stunde der Hochzeitsnacht, in der der heißgelaufene Bräutigam Stierblut in sich fühlt, zieht es sie nach draußen auf die weite Rasenfläche vor dem Schloss, um den Stern zu sehen. Sie verpfuscht sich ihre schönste Stunde. Sie sexelt mit einem beliebigen Mitarbeiter der Werbefirma herum, deren Chef ihr just an diesem Tag ein glänzendes Angebot gemacht hat.
Im zweiten Teil des Films, ‚Claire‘ überschrieben, nähert sich die kosmische Gefahr unmittelbar. Der Stern ist in Erdnähe. Ist der Kollaps zu befürchten? Das Auge des Films ruht jetzt auf der gesellschaftskonformeren Schwester, während die todkranke Justine sich sogar etwas zu erholen beginnt, die noch eben kaum mehr zu essen und zu reden fähig war. Ängstlich sucht Claire Kontakt zum Dorf, weil sie die nahende Katastrophe fühlt. Emsig laufen Hobby-Astronomen herbei. Doch schon fällt die Elektrizität aus, die Pferde werden unruhig in den Ställen, die Bedrohung wird immer stärker. Jetzt räkelt sich Justine nackt und glücklich auf dem Felsen, der vom Stern angestrahlt wird. Das ist einer der Höhepunkte des Films. Sie ist glücklich, weil das Weltenende naht.
Lars von Triers wahnhafte Filmfantasien haben nach ‚Antichrist‘ ein spielerisches Element hinzugewonnen, die der Überzeugungskraft der Bilder ungeheuer guttun. Der Filmemacher scheint auf dem Weg der Genesung. Die Gefahr ist dabei schon jetzt, dass der Film ganz gegen den Willen seines rebellischen Autors zum Klassiker wird.
Dänemark 2011
Regie: Lars von Trier
Drehbuch: Lars von Trier
Kamera: Manuel Alberto Claro
Produktion: Peter Aalbaek Jensen
Peter Garde
Meta Louise Foklager.
Louise Vesth
Darsteller: Kirsten Dunst
Charlotte Gainsbourg
Kiefer Sutherland
Charlotte Rampling
John Hurt
Alexander Skarsgard
Stellan Skarsgard
Udo Kier u.a.
Verleih: Concorde
136 Min.
Joe Schmidt / 23.11.11
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