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Er stirbt nicht oder Die ideale Ehe: Zum Tode des großen Humoristen Loriot

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Nichts ist dramatischer als einem Humoristen von Rang einen Nekrolog hinterherzuschicken. Grabreden können da kaum passend wirken – wie da noch reden? Hat es sich nicht einfach ausgelacht? Oder lässt sich jetzt noch, wie sprichwörtlich bei allen Clowns, lachen mit weinendem Auge? Aber wie muss man sich das vorstellen? Könnte denn der Clown selbst jetzt etwa über sich und sein Ableben lachen? Das hätte immerhin einen gewissen Charme. Aber es ist zugegebenermaßen schwer vorzustellen. In den ersten Tagen nach seinem Tod versuchte ich permanent seinen Humor in dieser Weise zu imitieren, dass ich mir Loriotsche Szenen ausdachte, die jetzt irgendwie passen würden. Etwa stellte ich mir den Knollnasenmann vor, der mit der Welt telefonieren will. Aber es gibt keine Verbindung mehr, und er will das Telefon verärgert aus dem Fenster werfen. Oder ich stellte mir den Knollnasenman in seinem Sarg auf dem Friedhof liegend vor, wie er vor sich hinräsoniert: der Zustand scheint hier auf Dauer angelegt. Für die Frage nach dem weinenden und lachenden Clown könnte man sich eigentlich allenfalls eine Art personeller Aufteilung vorstellen: Loriot lacht mit göttlichem Gelächter über uns Arme auf Erden Zurückgebliebene, während wir verzweifeln, weil er nicht mehr da ist.

Es ist die Frage, ob wir unsere Schulaufgabe einlösten, den Loriotschen Humor in uns entwickelten.

In meiner Schulzeit lernte ich Loriot kennen, indem ich Klassenkameraden beim Witzeln auf dem Pausenhof zuhörte. Mehr oder minder deutlich persiflierten oder imitierten sie alle seine Fernsehsketche. Das Reservoir schien unerschöpflich. Zwei Herren badeten da langanhaltend in einer Badewanne, ob nun mit Ente oder ohne. Ein Ei wurde hart und zerrüttete unversehens am Frühstückstisch eine intakt scheinende Ehe. Ein Rendezvous platzte, weil dem Herrn eine Nudel abwechselnd an Kinn, Nase oder Oberlippe hing. Ein Rentner drehte durch, weil er über Nacht zum Lottomillionär geworden war. Küssen im Büro grenzt an Akrobatik. Wenn der Fernseher kaputt ist, kann man sich nur noch für Minuten vor der Einsicht retten, dass Eheleute sich einfach sonst nichts zu sagen haben. Undsoweiter und so fort. Das Reservoir, wie gesagt, war unerschöpflich.

Die Einsicht in die Untauglichkeit der Ehe war quasi so etwas wie ein Credo seines Schaffens, obwohl bekanntlich hinter dem Künstler ein Bürger steckte, der sechzig Jahre glücklich verheiratet blieb. Es ging also nicht um die Erkenntnis der 60er Jahre, die die Ehe plötzlich für tot erklärte.  Loriots Humor testet Grenzen aus, unterzieht seine Lust- und Spaßobjekte einer schonungslosen Kritik, um deren Wertbeständigkeit zu prüfen. Die Tests verlaufen in der Regel positiv, denn der Komiker ist Optimist, und der Leser oder Zuschauer begreift dennoch die menschlichen Schwächen. Lachen kann so unterhaltsam und moralisch sein. Diese Art des Humors war vielleicht eine aristokratisch-altmodische, aber offenbar doch eine sehr beliebte. Vielleicht hätte Karl Valentin für diese Methode des Denkens sogar einen einprägsamen Satz bereit gehabt.

Die unerfreuliche Aufgabe, Loriots Werk selbst einer abschließenden Kritik zu unterziehen, stellt man sich schon deswegen ungern, weil bekanntlich der Humorist den Tod nicht als geeignetes Material seiner Tätigkeit ansehen kann. Ein Humorist ist unbedingt an der Fortdauer des Lebens interessiert, da von demselben seine Beschäftigungsobjekte abhängen.

Man kann sich beispielsweise den Knollnasenmann auch allenfalls im Sarg liegend vorstellen, wie er sich das Leichenhemdchen zurechtzupft und verärgert über die von den Verwandten falsch gewählte Konfektionsgröße nachdenkt. Oder das Problem, dass die Bettstatt zu schmal ausgesucht ist und das dem Körper angenehmere seitliche Liegen unmöglich scheint und damit der Aufenthalt am Todesort auf Dauer gesundheitsschädlich wirkt. Ganz zu schweigen von den Lichtproblemen da unten! Nein, auf jeden Fall verlangt es den Knollnasenmann quasi nach Auferstehung.

‘Pappa ante Portas‘ ist eine intelligente Gegenwartssatire, wie sie ihresgleichen keine Nachfolge mehr bekommen hat und an die wir uns hier noch einmal erinnern wollen. Mit seinem zweiten großen Film hat sich Loriot spät in die große Filmwelt hochgeschossen und das Projekt leider nicht mehr fortgesetzt. Es bleibt sozusagen sein Lachvermächtnis.

Loriot taucht hier als Filmemacher und Schauspieler in zig Figuren und Stimmen auf, die der Zuschauer auf Anhieb kaum alle gleichermaßen erkennen kann.

Zunächst ist er natürlich der Röhreningenieur, eine führende Persönlichkeit der Röhren-AG, Heinrich Lohse, der gerade von seinem offensichtlich viel älteren Chef in den berüchtigten wohlverdienten Ruhestand zwangsversetzt wird. Unvergleichlich, wie Lohse ihm bei dem finalen Gespräch die Röhre, will sagen: die angebotene Zigarre einfach auf den Schreibtisch pfeffert und sagt, dass schließlich er entscheide, wann er gehe. Wie alle Protagonisten in Komödien versucht auch Heinrich Lohse (nicht: Löwe!), seine untergegangene Würde krampfhaft festzuhalten und wirkt dadurch komisch. Doch Loriot ist in dem Film auch auf der Straße der Violinspieler, der sein Publikum fesselt mit immer demselben monotonen Gekratze. Und seine Mitspielerin, Evelyn Hamann, völlig verkleidet und verhüllt, die Clochard-Musikerin. Alle Straßenpassanten sind beeindruckt vom Nichts dieses hochmusikalischen Vortrags. Loriot ist auch der Dichter Frohbein, schließlich der Opa auf dem Achtzigsten der Großmutter. Er schimmert auch als der karikierte glückliche Gatte und Onkel durch, der als Zerrbild der konfliktunfähigen Ehe fungiert. Aus allen Ecken des Films lacht uns Loriot als Allroundkünstler entgegen.

Die Situation ist, dass der zwangsverurteilte Frührenter Lohse sich umorientieren muss, er beschließt vormittags, selbst die Betten zu machen, einzukaufen, mittags Vertreterbesuche mit Gesprächen über das nahende Weltende zu empfangen. Kurz: das häusliche statt des bisherigen beruflichen Chaos zu verwalten, wo er dort zuletzt hauptsächlich tonnenweise zuviel Schreibmaschinenpapier fürs Büro bestellt hatte. Unterwegs spielt ihm Amor sogar Streiche oder scheint es zumindest. Er kommt der Haushälterin näher, die über den neuen Herrn Lohse recht erstaunt ist. Ihm stellt auch die pummelige Nachbarin zum Zeitvertreib kräftig nach. Die Ironie aber ist, dass Lohse selbst über solche kleinen Extravaganzen erst mal sein sein eigenes Zuhause besser kennenlernt. Als er plötzlich vormittags wieder zuhause auftaucht und seine Frau fast zu Tode erschrickt, als sie ihn zu dieser Tageszeit in den eigenen vier Wänden sieht, sagt er mit unvergleichlicher Lakonie, er wohne hier doch.  Glücksgefühle stellen sich da bei der Gattin nicht ein, da sie ahnt, dass sie ihren unbeschäftigten Lebensgatten nunmehr unablässig tagsüber in der Wohnung sinnlos um sich herumfuchteln sieht. Auch der Sohn lässt sich eher gezwungen auf die ersten privaten Gespräche ein („Wie ist das so, wenn du da mit deiner Freundin...“?). Der erste Hauseinkauf des frischverantwortlichen Gatten bringt sinnlos viele Senfgläser, die frisch ins Haus geliefert werden. Und aufgeschwatzte Wurzelbürsten, die allenfalls noch das drohende Weltende aufhalten können.

Die entsetzte Gattin wird auch mit allen Schikanen als drollige Frührentnerin enttarnt. Literaturzirkel, Kaffekränzchen, Spaziergänge im Tierpark. Wichtig ist, dass dem Zuschauer die Klischees nicht auffallen, mit denen der Humorist entlarvend umgeht. Das nachmittägliche Shopping mit Heinrich wird einzig deswegen zur Qual, weil er eben mitkommen will. Wie lange wirst du denn noch so rumgucken, fragt er sie scheinbar harmlos. Wahrscheinlich haben abertausend genervte Ehemänner die entsprechende ausweichende Antwort schon gehört. Das ist die Kunst des Humoristen. Jeder Einzelne fühlt sich getroffen, es trifft auf jeden zu. Das Nachmittagsshopping der Lohses endet in dem Fiasko, dass beide Ehepartner sich schließlich bei einem Lastkraftwagenfahrer ausquatschen müssen.

Eines der unbestrittenen Höhepunkte des Films ist dann Loriots Auftritt als langhaarichter Lyriker Frohbein, bitterbös schon die Wahl des Namens. Im Duett mit Heinrich Lohse gibt Loriot jetzt den schluckaufgeplagten erprobten Lyrikus, der gern tonnenweise Gedichte auf die Köpfe des überwiegend weiblichen Publikums herabregnen lassen würde, wenn er nicht im Moment gerade unpässlich wäre. Da springt ihm der Röhreningenieur, der im Publikum sitzt, herbei mit einer schreckenden Frage, die den Schluckauf im Nu besiegt. Und der Röhreningenieur schenkt dem Dichterfürst in knirschender schwarzer Lederkluft so endlich die Gelegenheit zum erfolgreichen Auftritt. Schon die ersten Zeilen des rezitierten Gedichts sind jedoch so erschreckend, dass nunmehr der Röhreningenieur Schluckauf bekommt.

Bei Großmutters Geburtstag endet schließlich das ganze Familiendrama, nachdem die grässliche Zerstrittenheit von Herrn und Frau Lohse auf der Bahnfahrt noch kurz kontrastiert ist mit der geistlosen Eheharmonie von Onkel und Tante, die einander im Unisono pausenlos Glückstöne vorturteln, bis man als Zuschauer für die neurotische Streitatmosphäre bei den Lohses wieder dankbar ist. Überhaupt ist die Rolle des Zuschauers nicht zu unterschätzen. Er stiftet den Ausgleich zwischen dem zerstrittenen und dem versöhnlichen Ehepaar, indem er instinktiv an das ideale Ehepaar denkt. Schließlich steuert noch die bekränzte Achtzigjährige Großmutter bei dem familiären Spektakel ihren Unmut bei. Sie hält als vitale Witwe die gruselig schreckende Familiengemeinschaft zusammen wie Pech und Schwefel. Auch der begeisterte Uropa, der verdächtig an Opa Hoppenstädt erinnert, sitzt in der Maske Loriots mit an der Tafel und möchte am liebsten Marschmusik hören oder der Bedienung auf den Hintern klatschen. Am Schluss spielen Heinrich und seine Gattin ein verkrampftes Duo auf der Flöte, wobei er wirklich nie einen richtigen Ton trifft. Aber das ist schon der Abspann des Films.

Loriots ‚Pappa ante portas‘ porträtiert die postmoderne Gesellschaft. Sicherlich lernen nicht nur Zwangspensionäre ihr eigenes Leben auf diese Weise kennen. Im eigenen Zuhause anzukommen, ist für jeden eine Aufgabe. Wer es lernen will, über sich selbst zu lachen, ist bei Loriot in jedem Falle in bester Gesellschaft. Wir sollten dieses Lachen endlich zu erlernen versuchen. Sein Tod ist unsere letzte Chance.

Joe Schmidt / 23.11.11

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