[ Sie sind zur Zeit nicht eingeloggt. ] [ Registrieren oder Einloggen im Kontrollzentrum ]

Onlinemagazin für Film und Filmmusik

Der Filmblog

Eine zerkloppte Melodie: Revolutionary Road

Bild zu Eine zerkloppte Melodie: Revolutionary Road

Nutzer-Kommentare

Zu diesem Beitrag existieren noch keine Kommentare.

Warum heiratet man eigentlich? Und kauft sich dann, wenn die Finanzen endlich stimmen, ein Häuschen am Stadtrand, um sofort in den Sarg eines beruhigten Wohlstandslebens zwischen netten Nachbarn und blühenden Blumenrabatten gelegt zu werden? Der neue Film von Sam Mendes kann die Frage auch nicht beantworten, aber zeichnet suggestiv die Geschichte eines jungen Ehepaars nach, das sich freiwillig entschließt, auf diese Weise in einen vorzeigbaren Sarg gelegt zu werden, blumenbekränzt und mit geschwätzigen Nachbarn, die im Zweifelsfall auch schon mal aus ihrem Sarg auf der anderen Straßenseite steigen und am Abend auf einen kühlen Drink vorbeischauen.

Ein elendes Leben. Frank und April hatten sich alles anders vorgestellt. April (Kate Winslet) träumt ihrer Schauspielkarriere nach, Frank (Leonardo di Caprio) sieht seinen Bürojob in der Schreibmaschinenfabrik als qualvollen Geldjob. Doch das Leben ätzt sich bekanntlich schnell ins Schicksalsfleisch ein. Ehe man sichs versieht, ist es schon halb vorbei, insbesondere wenn man die Gänge falsch geschaltet hat. April kennt noch fast gar nichts von der Welt und hat diffuse Vorstellungen von einem Leben, wie es anders sein könnte. Frank hingegen ist schon weiter hinausgekommen. Wenn er von seinen Reisen erzählt, hört sie ihm mit glühenden Ohren zu und kitscht drauf los, was das Zeug hält: “Du bist der interessanteste Mann, den ich in meinem Leben kennengelernt habe.“ Da scheint es fast, dass er der erste ist.

Die Wheelers leben zwischen Spießbürgern und strahlen das Besondere aus. Doch ihr Problem ist nicht, dass sie dies Andere – ihr Künstlerdasein – freischaufeln müssen gegen den Widerstand der bürgerlichen Welt mit ihrer unerträglichen Ordnungsliebe. Das ist ja bekanntlich die Schicksalsaufgabe jedes jungen Künstlers, sich diese Tür selbst aufzustoßen. Das Problem ist, dass sie nur ein diffuses Gefühl von der Wirklichkeit haben und eigentlich nicht wissen, wonach sie sonst noch suchen – und daher zwischen den Rabattenbeeten mehr auf der Flucht vor sich selbst sind. In Sekundenschnelle können sie sich im Schicksalsgebüsch am eigenen Gartenzaun verfangen.

April redet auf Frank ein: mach dich frei von allem, nimm den Hut und zieh mit mir. Kündige deinem Büro. Entdecke Paris, das Leben, die Kunst. Frank sagt zu April, warum nicht. Dann dass sie doch auch am Ort, wo sie sind, ihren Qualitäten Flügel verleihen könnten. Ein diffuses Freiheitsgefühl leitet zwei zu schwache Menschen. Wobei Frank noch den nachvollziehbareren Part spielt, gerade hat ihm der übergeordnete Chef, den er persönlich nie kennengelernt hatte, einen Superaufsteigeposten angeboten. Da, heißt es, das Schicksal bei den Eiern zu packen, wie ihm eindrucksvoll beim ersten gemeinsamen Arbeitsessen gesagt wird. Doch Frank gelingt es nicht, die Lage April gegenüber verständlich zu machen. Er schafft es einfach nicht zu sagen, was in ihm eigentlich vorgeht. Dass zum Beispiel sein Vater nur eine kleine Leuchte in demselben Bürohochhausbetrieb war und ausgerechnet jetzt, wo sie ihm, April, die er liebt, mit der Liebe eines weckenden weiblichen Herzens befiehlt, sich selbst zu entdecken – was nun eigentlich dabei? -, dieser Chef ihn mit so einem fetten Karpfen zu Tische lockt.

Die Tragödie von Aprils Selbsthinrichtung kann er so nicht mehr verhindern. Fortan kann sie nicht mehr an ihn glauben und auch nicht mehr an sich. Ihre Gedanken zerkleistern sich. Kein Gedanke wird daran verschwendet, den Gewinn der Beförderung zu nutzen, um an der nächsten Weggabelung abzuzweigen in Richtung der Tollheit des eigenen Herzens. So würden vielleicht echte Künstler denken.  Jetzt ist alles auf fis-Moll gestimmt, mehr noch: das Leben ein zerkloppte Melodie. April verzweifelt. Ein Kind, das gerade kommen soll, wird solange um den neuralgischen Zeitpunkt der 12. Woche, wo man das Kommen noch verhindern könnte, diskutiert, bis es auch vom Sog der psychischen Gesamterkrankung erfasst und schließlich zur Toilette heruntergespült wird.

Der Film inszeniert dies alles freilich viel zu professoral. Leo di Caprios Coming out als Charakterdarsteller kommt zu früh, keine Szene, wo man nicht das peinliche Einhalten der Drehbuchvorlage spürt, kein Dialog mit der psychisch entkräfteten Gattin, der nicht mit den besten Ambitionen auswendig gelernt scheint. Am geübtesten scheint di Caprio bei der virtuosen Eroberung einer hübschen Büroschreibmaus, die er nach ein paar Glas Sekt ausgerechnet an seinem 30. Geburtstag zu den Schlafzimmerfreuden verführt. Die anschließende Schwermut der Gattin gegenüber geht im Theaterkulissennebel des Films so unter wie die alten Herrenhüte und die alten Automobile, die der Film heraufbeschwört. Das Traumpaar von ‘Titanic’ ist noch auf Selbstsuche, wie es scheint.

Nach ‘American Beauty’ muss der Film notwendig als Enttäuschung wirken. Den Hauptdarstellern fehlt jene schwebende Nervenerkrankung, die über allem liegt und lähmend alles erfassen kann, so dass man es auch überhaupt nicht orten kann. Das, was man das american feeling nennen könnte. Auch die anderen Figuren des Films spielen mehr komödientauglich. Genial einzig der irrsinnige Sohn John (Michael Shannon) der Immobilienverkäuferin auf der revolutionary road, der ein paar Male in die netten Treffen der Wohlstandskranken wie eine böse Flamme hereinsticht und Sätze von der hoffnungsleere Leere beim Kaffeetrinken herausschreit, als gelte es, endlich einmal Bilanz zu ziehen. Wie gut, dass ihm die Ärzte den Irrsinn schon bescheinigt hatten. Er wirkt real, gerade weil er die Irrealität der Leute von der Antirevolutionary-Road so unverschämt glaubwürdig blossstellt.

Großbritannien/ USA 2008
Regie: Sam Mendes
Drehbuch: Justin Haythe
Richard Yates
Musik: Thomas Newman
Produktion: Scott Rudie
Sam Mandes
Bobby Cohen
John Hart
Henry Ferraine
Darsteller: Leonardo di Capriio
Kate Winslet
Kathy Bates
Micha el Shannon
David Harbour
Richard Easton u.a.
Verleih: Paramount Pictures
119 Min.

Joe Schmidt / 15.02.09

Nutzer-Kommentar hinzufügen

Um Nutzer-Kommentare zu erstellen, müssen Sie eingeloggt sein. Klicken sie auf Kontrollzentrum, um sich einzuloggen oder einen Account zu erstellen.