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Der Filmblog

Eine Reise in die Vergangenheit: Novemberkind

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Eines Tages stellt sie ihnen Fragen, den Großeltern, die sie an Mutter und Vater statt angenommen haben. Stellt die Fragen in einem Land der Melancholie. Tief hinter Berlin, im Mecklenburgischen, da wo die Seen größer werden in Richtung Ostsee. Und gewaltigen Augen gleichen, die viel wissen, aber wenig davon verraten zu wollen scheinen. Es ist Jahre nach der Wende. Der Film ist im Schmerzensreich von Bewältigung, Verdrängung und dem Aufdecken von DDR-Vergangenheit angesiedelt.

Inga (Anna Maria Mühe) hat keine Eltern, wie es scheint. Sie hat nur die Großeltern, wenn es darum geht, etwas von der Vergangenheit zu erfahren. Aber von Oma und Opa weiß sie nur, was ihr auch sonst alle erzählen. Dass ihre Mutter einst in der Ostsee ertrunken sei. Und der Vater unbekannt. Mit dem Schlaf der Vergangenheit könnte sie auch weiterleben, aber etwas will sie jetzt aufschrecken. Es könnte sein: ein Traum. Eine Eingebung.

Es ist aber ein Literaturprofessor, der plötzlich auf dem Bahnhof in Malchow steht. Der mit ihr Ausflüge unternehmen will, über die Seen spazierenfährt mit dem Ruderboot in der traurigen Novemberjahreszeit. Er bringt den Wellengang jetzt in ihr Leben. Robert (Ulrich Matthes) erzählt ihr von einem Flüchtlingsschicksal, das sich zweieinhalb Jahrzehnte zuvor in Malchow, ihrem Dorf, abgespielt hatte. Ein russischer Soldat war desertiert und hatte Schutz bei einer jungen Frau gefunden, die sich in ihn verliebte. Als die beiden aus Angst vor ihren Verfolgern in den Westen fliehen, müssen sie ihr kleines Kind zurücklassen, das gerade an starken Fieber leidet. Als sie im Westen angekommen sind, ist der Kontakt zur Vergangenheit mit einem Mal plötzlich abgewürgt. Ein einziges Mal telefoniert Anne (ebenfalls: Anna Maria Mühe), die junge Mutter, noch mit ihren Eltern, bei denen sie das junge zappelnde Etwas eigentlich nur für die paar Minuten des Wegs zur Apotheke abgeben wollte. Später heißt es, sie unterstützte einen Deserteur, einen Volksfeind, einen Dreck. Der Großvater Heinrich (Hermann Berger) wurde offenbar gezwungen, den Kontakt zum Deserteursflittchen abzubrechen, damit er seinen Posten als Schuldirektor halten konnte. Anne verzweifelt in der Fremde. Sie wollten das Kind nachholen, das hatten ihr Juri und Alexander, der Fluchthelfer, versprochen.

Erschüttert von dem Wissen über diese Anne, von der der fremde Literaturprofessor so besondere Dinge zu erzählen weiß, macht sich Inga auf die Suche nach ihrer Vergangenheit, will plötzlich doch ihre Mutter kennenlernen und ihren Vater, die ja offenbar nur an irgendeinem anderen Ort weitergelebt haben, aber nichts mehr von ihr wissen wollten. Zuerst stößt sie auf Juri (Jergenij Sitochin), jetzt einem Bahnwärter an irgend einem Ort in der Nähe von Stuttgart. Will ihn entlarven in seiner Gleichgültigkeit. Trifft ihn beim Kartenklitschen mit Kumpels in einem Bauwagen an. Ist aggressiv. Doch Juri war gar nicht der Vater, er hatte nur eine Liebesbeziehung zu Anne gehabt und sie und ihr Kind mit in den Westen nehmen wollen. Ihr eigentlicher Vater war Alexander, der Flüchtlingshelfer, mit dem ihre Mutter als junges Mädchen zuerst zusammen gewesen war und der sie in Konstanz schließlich ganz für sich zurückhaben wollte.

Indessen entspinnt sich eine zarte Liebesbeziehung auch zwischen der zwanzigjährigen Inga, die auf Identitätssuche ist, und dem grübelnden Literaturprofessor, obwohl äußerst verhalten erzählt und sozusagen von beiden Seiten auch kaum zugelassen. Der schreibende Literaturprofessor will eigentlich einen Roman über Inga schreiben und spricht ständig heimlich auf sein Diktiergerät. Er kommt zunehmend in Gewissensnöte, da er sich in die schöne Tochter, die ihrer Mutter aufs Haar gleicht, so verliebt, wie er offenbar aufgrund der im Film nur angedeuteten Empathie bereits zu Anne eine Liebe gefühlt hatte, die seine Schülerin in einem Seminar gewesen war. Ein Gedicht hatte sie ihm hinterlassen, das im Film mehrmals zitiert wird und auch Grabspruch Annes wurde.

In ‘Konschtanz’ angekommen trifft Inga nur auf ihren Vater Alexander (Thorsten Merten), einen inzwischen wohlsituierten Arzt, in dessen Sprechstunde sie sich schleicht und bekennt ‘Rückenschmerzen’ zu haben. Überhaupt ist vielerlei in diesem Film gesamtbezüglich, hier die Rückenschmerzen der Zwanzigjährigen, die ihre Vergangenheit kennenlernen will, da der November, der kalt durch die Gehirnschleifen zieht, die Naturseen Meckenburgs, die so schwermutsschwer an den Schläfen drücken im ewigen Land der Melancholie.

Die Wende hatte nirgends nur Glück beschert. Anne war längst in eine Heilanstalt gekommen und praktisch kommunikationsunfähig geworden über ihrem Schicksal. Sie verschmerzte es nicht, ohne ihre kleine Tochter weiterleben zu müssen. Alexander, der Arzt, war überfordert. So überfordert, wie er der unbekannten Tochter jetzt plötzlich in der Sprechstunde gegenübersitzt und nicht weiß, was er sagen soll. „Ich verschreib Ihnen mal was Pflanzliches...“

Ein paar Augenblicke später im Film kommen sie einander doch noch etwas näher. Inga ist am Ende ihrer Reise angekommen, die akzeptierte Vergangenheit hat sich in eine schwermütige verwandelt. Der Vater hatte einen einzigen Brief an die Großeltern geschrieben, der zurückgekommen war. Wohl weil der Großvater als Schuldirektor den Kontakt zu den Deserteuren abbrechen musste. Anne war in den Jahren nach der Wende nicht mehr fähig, die Liebe zu ihrem Kind zurückzuerkämpfen. Eigentlich steht dann Inga an dem Grab ihrer Mutter in Konstanz, wo sie wieder diesem seltsamen Gedicht begegnet, nur um eine Erkenntnis bereichert da. Solange sie lebte, hatte sie keine Eltern. Graberde soll man nicht umschaufeln, so scheint es.  Der Film will es doch.

Novemberkind: das klingt wie: Findelkind, Schwermutskind. Oder wie die ganze Wehmut der Liebe.

Deutschland 2007
Regie: Christian Schwochow
Drehbuch: Christian Schwochow
Heide Schwochow
Produktion: Claudius Lohmann
Jochen Laube
Musik: Daniel Sus
Darsteller: Anna Maria Mühe
Ulrich Matthes
Hermann Berger
Christine Schorn
Jergenij Sitochin
Thorsten Merten u. a.
Verleih: Schwarz-Weiß
95 Min.

Joe Schmidt / 28.12.08

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