Der Filmblog
Eine Prise Unvernunft: Vicky Cristina Barcelona
Eine Prise Liebe gefällig? Vielleicht auf die katalanische Art? Gnädige Frau, gestehen Sie sich ein, Ihnen ist langweilig seit einer Weile, der hereingebrochene Winter zeigt nicht den Charme, den Sie sich wünschen. Sie wollen Abwechslung, Sonne. Sie wollen verwöhnt werden?
Sind das nicht Ihre geheimsten Gedanken? Nein? Lassen Sie sich verführen. Gehen Sie in den neuesten Woody Allen. Sie werden nicht enttäuscht werden. Ein strahlend schöner junger Spanier wird zu ihnen an den Tisch treten, während Sie mit Ihrer Freundin einen guten Wein trinken. Und er wird Ihnen auch nur anbieten, mit ihm einen guten Wein zu trinken, aber er will sie mit seinem kleinen Flugzeug nach Barcelona entführen. Ist das nicht wundervoll? Nein? Der Mann ist blendend schön.
Woody Allens neuester Film ist eine vollendete Frauenurlaubsphantasie, wie keine Frau es sich wagen würde, einen Film zu machen.
Zwei Amerikanerinnen sitzen, eben am Ferienort Barcelona angekommen, im Restaurant, als es passiert. Plötzlich steht er vor ihnen, der Unwiderstehliche, der hübsche mediterrane Mann mit den Glühkohlenaugen, dem allzu gewissen Etwas und der Verführungskraft eines unverschämten Aufschneiders und Blenders, der sich den Weg zum Tor des weiblichen Herzens gebahnt hat, bevor dasselbe befragt wurde. Der da ist, bevor er gerufen wurde. Eigentlich ein Teufel. Javier Bardem spielt den Teufel, der die Kraft hat, jede Frau zu verführen, die er haben will. Noch eben sahen wir Bardem in ‘No country for old men’ als den Teufel der Gewalt, der mit seinem Bolzenschussgewehr jeden niederschießt, der ihm in die Quere kommt. Jetzt sehen wir ihn auf die katalanische Art Gewalt ausüben: durch Liebe, durch Blicke.
Vicky (Rebecca Hall) hat sich gerade verlobt, ihr fällt es nicht schwer, dem Vertreter des Lustprinzips die Empfehlung zu geben, er möge es doch vielleicht am nächsten Tisch einmal probieren. Doch Cristina (Scarlett Johannson) ist sofort neugierig geworden, ihr macht das Angebot einfach Spaß. Ein Wochenende Liebe in Barcelona? Warum nicht, ihr läuft das Wasser im Munde zusammen. Erst ist die Freundin entsetzt. Dann sitzt sie doch mit im Flugzeug, und wie sich bald herausstellen wird, nicht um nur auf ihre heißgewordene Freundin aufzupassen.
Doch Juan Antonio hat Stil. Er zeigt seinen beiden treugläubigen Verehrerinnen, die ein wenig eigentlich nur junge dumme amerikanische Studentinnen sind, Barcelona. Eine Stadt für die Augen, für die Sinne. Woody Allen ist ein Filmemacher stets auch für die Augen und für die Sinne gewesen. Erst in zweiter Linie ein angekränkelter Intellektueller, der seine Krankheiten virtuos bei seinem Filmpublikum ablädt. Kino muss lustvoll sein. Das ist sein Credo. So überzeugt auch sein neuester Film, der unter der Übermacht der Klischees, mit denen der spielt, beinahe zerbirst. Gerade weil die Figuren beim reifen Filmemacher Allen noch immer dem Leben abgelauscht sind, obwohl sie sicher bei der Hausproduktion zunächst gedankenkühle Konstruktionen am Schreibtisch gewesen sind, erfreuen sie. Die Figuren zeigen immer liebenswerte Schwächen, das ist das humane Verständigungspotential aller Filme Allens.
Als Cristina in den schönsten Augenblicken auf Juan Antonios weichem Federbett plötzlich von ihrem Leiden an Magengeschwüren schachmatt gesetzt wird, kann sich der Verführer umso einfühlsamer der furchtsameren Vicky zuwenden. Nach einem zauberhaftem gemeinsamen Gitarrenabend ist auch die Vorsichtige im Spinnennetz des Liebeskünstlers gefangen, und so darf die Mehreckliebesgeschichte sich entwickeln, bis sie zu einer reifen spanischen Zitrone geworden ist, deren säuerlicher Geschmack uns angenehm über die Zunge gleitet. Natürlich kann die Liebe zwischen Vicky und Juan Antonio nur eine Episode bleiben, denn Vicky steht kurz vor ihrer Heirat mit Mark (Kevin Dum), einem etwas schlichten Typ, der an nichts sosehr als an die Einrichtung ihres gemeinsamen Eigenheims denkt. Cristina hingegen erholt sich schon bald von ihrer Krankheit und wird zur eigentlichen reifen wahren Liebesfrucht an der Seite Juan Antonios, der sich noch immer von den Schrecken seiner Liebe zu der unvergesslichen Maria-Elena (Pénelope Cruz) erholt, einer Frau, die all seine Gedanken beherrscht, mit der er aber das Quentchen Balance nie herstellen konnte, ohne die eine lebbare Beziehung zwischen Menschen bekanntlich nicht auskommt. Mit Maria-Elena flogen Stühle durch den Raum und wurde das Liebeshassmesser gewetzt. Mit Maria-Elena war die Liebe nie ein Spiel.
Juan Antonio ist nun zu allem Überfluss auch noch ein katalanischer Maler, dessen expressionistische Kunst Farbkleckser auf den Staffeleien verursacht, die bis ins letzte Tüpfelchen von den exzentrisch-kranken Fantasien Maria-Elenas inspiriert scheinen. Wie schade, dass sie keine Balance-Künstlerin geworden ist. Denn so sehnt sich Juan Antonio in jeder Hinsicht nach der seichten Harmonie der zwei Amerikanerinnen, die nicht genug bekommen können von der ungestümen Lebenslust ihres spanischen Verführers, bis sie spüren, dass sie für ein Leben an der Grenze zu soviel Exzentrik und Wildheit des Herzens gar nicht geschaffen sind.
Der Film ist die Geschichte vor allem von der Tragödie Cristinas, die stets nur weiß, was sie nicht will, nicht aber, was sie will. An der Seite von Juan Antonio und Maria-Elena lernt sie sich als Künstlerin kennen, lernt ihre Liebe zur Fotografie ernstzunehmen und den Spaß an der Liebe, die keine gesellschaftlichen Grenzen mehr respektiert. Hier hat der Film einige Höhepunkte, weil er nicht nur die schwermütige Schönheit flüchtiger Liebesbeziehungen und Künstlerfreundschaften zeigt, die spannungsvoll an der Grenze zwischen Erotik und Inspiration angesiedelt sind, sondern auch die oberflächliche Cristina in den Straßen Barcelonas wirklich sehen und fotografieren lernen zeigt. Wie schade, dass Cristina am Ende ihre Liebe mit der exzentrischen Ex des fabulosen Verführers doch nicht teilen will.
Großbritannien 2007
Regie: Woody Allen
Drehbuch: Woody Allen
Produktion: Letty Aronson
Helen Robin
Gareth Wiley
Jaume Rouves
Stephen Tenenbaum
Darsteller:
Javier Bardem
Penelope Cruz
Scarlett Johannson
Rebecca Hall
Kevin Dum u. a.
Verleih: Concorde
96 Min.
Joe Schmidt / 28.12.08
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