Der Filmblog
Ein traumatischer Verlust: Der fremde Sohn
Der neue Film von Clint Eastwood blättert alte Zeitungsarchive auf. Da gab es in den späten Zwanzigern die Geschichte von der Mutter, die eines Nachmittags nach Hause kam und ihr Kind nicht mehr wiederfand. Der Alptraum einer jeden Mutter. Das Kind gekidnappt, gestohlen, geraubt, gemordet oder was immer. Jedenfalls weg.
Gleich will Christine Collins (Angelina Jolie) eine Anzeige aufgeben, weil sie Walter (Gattlin Griffith), ihren Sohn, kennt. Er macht so etwas nicht, will sie dem Polizisten sagen. Er ist, wenn es dunkel wird, immer zuhause oder hält sich zumindest in der Nähe des Hauses auf. Doch die Polizei ist erst nach einem Tag bereit, eine Anzeige aufzunehmen. Weil doch die meisten Kinder sofort zurückkommen. Die Mutter ist verzweifelt.
Auch als die Polizei die Anzeige aufgenommen hat, passiert lange überhaupt nichts. Über Monate hinweg. Die Verzweiflung der Mutter steigert sich von Tag zu Tage. Das Kind – sie lebt ohne den Vater, er hatte die ‘Verantwortung’ offenbar zeitig ‘abgestrampelt’ – ist ihr Einzigstes. Das Wort ‘einzig’ darf man nach Schulgrammatik an sich wohl nicht steigern, aber bei der Mutterliebe geht es doch. Für eine Mutter ist ihr Kind das Einzigste. Doch dies Einzigste ist jetzt unauffindbar.
Die Polizei will ihr nach Monaten des Wartens schließlich ein Pseudokind anhexen. Die Polizei steht unter dem Verdacht, in der Stadt Los Angeles nichts mehr verrichten zu können, in der nur noch Lüge, Korruption und Kriminalität herrschen, die sie noch dazu zu decken scheint. Sie braucht dringend Augenblicke des Erfolges. Ein Kind wird bei einem Clochard gefunden, das sich anzubieten scheint. Vagabundierend, ebenso hilflos gerade wie vielleicht das echte Kind. Welches mütterlich schlagende Herz könnte sich verweigern, insbesondere wenn der Polizeipräsident als Autorität im Hintergrund steht? Doch die Mutter, der das falsche Kind als das gesuchte angezwungen wird, rebelliert. Sie ist die Mutter, sie weiß, wie ihr Kind aussieht. Ihr eigenes Kind war zehn Zentimeter größer, gerade hatte sie es noch mit dem Zollstock an der Tür gemessen am Tag, bevor es verschwand. Und es war nicht beschnitten wie dies Clochardskind hier.
Als die Mutter darauf besteht, dass ihr wirkliches Kind gesucht werden solle, wird der Polizeichef Captain Jones (Jeffrey Donovan) brutal und steckt sie in die Zwangsjacke der Psychiatrie. Wer nicht glauben will, was alle gern hören, muss verrückt sein. Diese Dunkelkammern der Gesellschaft leuchtet der Film mit genialischer Wucht wie eine auf den Kopf gestellte Gesellschaft aus, bei der in einer besonderen Abteilung sogar diejenigen Sünder hocken, die lediglich der Polizei lästig waren. Da ist das Kriterium der psychischen Erkrankung im Nu kompromittiert. Wo sind nun die wahren Verrückten? Wir sehen Blitzbefehle des Arztes für Elektroschocks, wir sehen die Verabreichung von Beruhigungsdrogen, Gespräche, in denen Gesunden die Krankheit erst eingeredet wird.
Wer gerade noch John Malkovich als den am Leben Verzweifelten Pessimisten und Philosophen in Coens Tragikomödie ‘Burn after Reading’ gesehen hatte, wird ihn hier kaum wiedererkennen. Er spielt den geradezu wahrheitsverssessenen Pastor Briegleb der Presbyterianer-Kirche, der im Rundfunk Predigten hält und dabei Politik treibt mit intimster Feindschaft zur korrupten Polizei und dem überhaupt ganz verweltlichten Rest der Gesellschaft. Er durchschaut den frevelhaften Schmutz der Polizei, die ihre Sünden mit einer neuen Sünde und Lüge reinwaschen will und klärt ein Publikum auf, das doch glücklicherweise nicht vollends verdummt ist. Er verfolgt die törichte Grausamkeit des Polizeichefs bis zu den psychiatrischen Abgründen der Unterwelt hinab. Er erwirkt die Freilassung der Unanstößigen.
Der Film erreicht seine Höhepunkte in einer Art Doppelgerichtsverhandlung am Schluss, in der die Vergehen der Polizei, eine einsam und verzweifelt nach ihrem Kind suchende Frau der Lüge zu bezichtigen und in eine Zwangsanstalt einzuweisen, von den Richtern so hart gegeißelt werden wie die Sünden eines Massenkindermörders, der in den späten zwanziger Jahren in der Nähe von L. A. tatsächlich sein Unwesen trieb und offenbar den jungen Walter auch auf einer Hühnerfarm in den Weiten der Prärie vor den Toren der Stadt brutal ermordet hat. Großartig Jason Butler Harner in der Doppelzüngigkeit des wahrhaft Irrsinnigen Gordon Northcut, der das engelhafte Angesicht der Welt genauso liebt („Glauben Sie nicht, dass ich ihren Sohn umgebracht habe, Miss Collins, er war ein Engel!“) wie das Wüten des Todes, das er selbst in sich trägt. Am Schaffotttag, bereits die schwarze Mütze übers Gesicht gesteckt, singt er noch mit letzter Stimme ein paar Brocken eines christlichen Chorals.
Als die Mutter jedoch erfährt, dass an einem Abend auf der Farm einige der gekidnappten Kinder einen Ausgang entdeckt hatten zur Freiheit und vielleicht ihr Walter mit unter den glücklichen Flüchtlingen war, kann sie mit dieser Hoffnung neue Kraft schöpfen zum Weiterleben.
USA 2008
Regie: Clint Eastwood
Drehbuch: J. Michael Straczynski
Produktion: Geyer Kosinski
Brian Grazer
Tim Moore
Ron Howard
Clint Eastwood
Musik: Clint Eastwood
Darsteller: Angelina Jolie
John Malkovich
Jeffrey Donovan
Colm Feore
Jason Butler Harner
Amy Ryan
Michael Kelly u. a.
Verleih: Universal Pictures International
142 Min.
Joe Schmidt / 15.02.09
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