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Ein Spiel um Nichts: The Limits of Control

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Es gibt so viele Arten des Träumens, Angstträume, Wunschträume, Alpträume. Der neue Film von Jim Jarmusch hat vielleicht von alledem etwas, vor allem aber hat er eine kräftige Portion des Absurden, wie es alle echten Träume haben, die einen überfallen, wenn es einem schlecht geht. Und wahrscheinlich will Jarmusch, dass es uns allen schlechter geht. Um damit vielleicht das Kino gesunden zu lassen, dem es noch immer viel zu gut geht.

Einmal sagt eine der sonderbaren Figuren des Films den Satz, dass wohl die besten Filme solche sind, an die man sich wie an einen Traum erinnert, von dem man nicht weiß, ob man ihn wirklich geträumt hat. An dieser Demarkationslinie bewegt sich also der Film. Er will aus der Urquelle aller Filme schöpfen, den Träumen, auf die man sich am Morgen keinen Rat weiß…

Ein Mann kommt in Barcelona auf dem Flughafengebäude an. In den Wartesesseln der Halle sitzen plötzlich vor ihm zwei Gestalten, die ihn darüber aufklären, dass das Leben eine Handvoll Staub ist, dass er seine Vorstellungskraft nutzen solle und dass alles subjektiv ist. Und vor allem: die Realität ist beliebig. Und: das Universum hat keine Begrenzung und kein Zentrum.

Wunderbar poetische Sätze, mit denen sie den stillen Mann bereits entlassen könnten. Doch dann sagen die Gestalten auch noch: er solle sich in das Cafe setzen und auf die Geige achten. Und später wird es heißen: er solle auf das Brot achten. Und: die Gitarre wird Sie finden. Der sonderbare farbige Mann (Isaac de Bankolé) bleibt cool. Man entdeckt ihn nur höchstens ein paar Mal dabei, wie er im Stillen asiatische Meditationen praktiziert, vielleicht weil er anders solche Kommandos nicht ertragen könnte. Er setzt sich also in Barcelona in ein Café. Er bestellt sich zwei Espresso mit zwei verschiedenen Tassen. Und wird sehr ärgerlich, wenn ihm der Kellner einfach einen doppelten Espresso bringt. Two espresso with seperated cups. Und er sitzt sich immer wieder in das Cafe und trinkt Espresso aus zwei verschiedenen Espressotassen. Und redet mit sonderbaren Gestalten, die alle in die Planung eines großen Verbrechens einbezogen scheinen. Alle wirken traumwandlerisch agierend. Ihre Aufgabe ist es jedoch stets nur, eine Streichholzschachtel zu übergeben, die einen kleinen Zahlencode auf einem zusammengefalteten Zettelchen enthält.

Der Empfänger, der schweigsame Farbige, der nur eine Handvoll Sätze in dem ganzen Film sagt, obwohl er ständig im Blick der Kamera ist, verschluckt das Zettelchen und spült es mit dem Kaffee herunter. Und hört sich ansonsten die monotonen Monologe seiner Überbringer an, die alle nur – fast - Belanglosigkeiten erzählen. Sie reden über Kunst, Musik, Sex und Moleküle. Eine hübsche Spanierin (Paz de la Huerta), vielleicht eine Studentin, will mit ihm eine heiße Liebesnacht vollbringen. Nackt räkelt sie sich vor ihm auf dem Bett. Er verneint. No sex. Zu gewiss und ernst scheint ihm seine Aufgabe. Die Frau ist die klischeehafte sexy Verführung, die in keinem Thriller oder Krimi fehlen dürfte. Es scheint, dass er das ganze geplante Verbrechen nur medititativ vollziehen will. Die nackte Schöne bleibt unberührt neben ihm in der Nacht liegen. No sex, no mobiles, no revolvers. Welche Entsagungskunst. Obwohl es doch in dem ganzen Film eigentlich um nichts geht. Ja, gerade deswegen offenbar. Eine Blondine (Tilda Swinton) plaudert mit ihm über das Wesen von Filmen, die der Realität gleichen, obwohl sie Träume sind. Traumwandlerisch geistert sie wieder von der Szene, um kurze Zeit danach in augenscheinliche Thriller-Szenen verwickelt zu werden, schließlich auf Kinoplakaten zu landen. Alles ist Kino. Alles Traum. Man kann nur die Augen nicht schließen, weil man ständig aus der Kamera heraus und in sie hineinguckt.

Doch dann scheint es wieder ganz real, dass der coole Farbige die Gitarre, das Instrument eines längst verstorbenen spanischen Starmusikers, an sich nimmt, ihr eine Saite entreißt und mit ihr eine gewichtige Persönlichkeit, die hinter Sicherheitszäumen versteckt lebt, erwürgt. Er sagt der prominenten Figur (Bill Murray) auf die Frage, wie er zur Tür des abgeschlossenen Traktes gekommen sei: durch meine Vorstellungskraft. Aber der Promi wird umgebracht. Also geht der Film doch um etwas? Oder ist auch das nur eingebildet? Alles kann nicht eingebildet sein, dann wäre der Film nur eine philosophische Versuchsanordnung, ein Gedankenexperiment über die Realität oder ähnliches. Der Film spinnt aber ziemlich real - auch wenn er schwer zu greifen ist. Zumindest spinnt er so real, wie man sich am Morgen nach solchen Träumen kräftig die Augen reiben muss, um zur gewohnten Realität zurückzufinden, die einem dann prompt ungeheuer flach vorkommt. Was ist nun real?

Warum folgt man den skurrilen Einfällen des Filmemachers Jarmusch so gern? Wie in ‘Coffee and Cigarettes’ hat alles Ritualhafte für ihn etwas Zauberisches. Erst beim zweiten Hinsehen oder der soundsovielten Wiederholung wird es gespenstisch. In ‘The Limits of Control’ kehren die vielen sonderbaren Gestalten jedoch nicht zu Tabak und Kaffee zurück, dem Film haftet höchstens auf der Oberfläche etwas Komödiantisches an. Der Film imitiert einen Thriller, aber einen solchen, der ein philosophisches Nichts umkreist. Es ist ein Spiel, das ernst gemeint ist, aber keinen Inhalt hat. Es ist wie ein Fußballspiel ohne Fußball. Wie ein Universum mit kreisenden Planeten, aber die Sonne fehlt.

‘The Limits of Control’ ist Jarmuschs bisher utopischster Film. Die Macht unserer Träume reicht aus, uns glücklich zu machen. Es genügt, eine alte Gitarrensaite zu nehmen, mit denen wir unseren unliebsamsten Feind, den Feind der Gitarrensaite, umbringen können.

Spanien/ USA 2009
Regie: Jim Jarmusch
Drehbuch: Jim Jarmusch
Produktion: Stacey Smith
Gretchen McGowan
Musik: Boris
Darsteller: Isaac de Bankolé
Paz de la Huerta
Tilda Swinton
Bill Murray
Gael Garcia Bernal
John Hurt u. a.
Verleih: Tobis
116 Min.

Joe Schmidt / 30.06.09

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