Der Filmblog
Ein Atemloser Kampf: Burn After Reading
Was passiert, wenn eine Frau die Vierzig überschritten hat und in den Spiegel guckt und dabei feststellt, dass sie dringend ein paar Schönheitsreparaturen benötigt: Po, Bauchbereich, Brüste, Oberarme. Eine unwahrscheinliche Geschichte, die sich einer solchen erschrockenen Selbstmusterung einer allerdings sehr willensstarken Frau anschließen könnte, erzählt der neueste Film der Coen-Bruder, der lustvoll die Backenknochen reizen will. Wer noch eben die düstergetönte Stimmung aus ‘No Country for Old Men’ in sich aufgesogen hatte, wird aus diesem komödiantischem Stück eher erleichtert herausgehen. Protagonisten sind auch eher simple Menschen, die bekanntlich besser zu den Komödien passen. Herrlich simpel zum Beispiel Brad Pitt als der ewig an Vitamindrinks schlürfende Fitnesstrainer Chad Feldheimer, der seiner lieben Kollegin Linda Litzke (Francis Mc Dormand) sofort zur Seite steht, als sie die ganze Geschichte ins Rollen bringt. Denn die Krankenkasse will ihr nun mal die Schönheits-OPs nicht bezahlen, also braucht sie Geld. Da kommt es ihr eben recht, als ausgerechnet in der Umkleidekabine ihres Fitnessstudios eine CD mit offenbar höchst brisanten Geheimdienstinhalten gefunden wird. Denn so etwas kann man in der dunken Welt der CIA in bare Münze umwandeln, denkt sich Linda. Chat und Linda spüren den Besitzer der CD sogar ganz schnell auf und so fühlen sie sich innerhalb von wenigen Stunden als very important persons. Aber Osborne Cox (John Malkovich), der gerade von der CIA gefeuerte Ex-Agent, der im Begriff ist, seine enthüllungsreichen Memoiren zu schreiben, fällt auf so billige Tricks ("Bringen Sie die 50.000 Euro bei der Übergabe mit!") auch nicht einfach herein und haut Chat bei der ersten Begegnung nur kräftig eins auf die Nase.
Doch Chad und Linda sind aus der Welt des Sportstudios durch diesen augenzwinkernden Drehbucheinfall an die große Welt der Geheimdienste und der Politik bereits angeschlossen, und es ist eine Frage der Zeit, bis die Weltpolitik von ihnen Notiz nimmt. Bilden sie sich zumindest ein. Alles wird nah an der Paranoia erzählt, aber einer solchen, die für den Zuschauer durchschaubar bleibt, so dass wir uns gleichsam in bester commedia dell’arte-Tradition im zeitgenössischen Kolorit befinden. Da ist noch der verrückte Harry Pfarrer (George Clooney), ein Frauenaufreißer, wie man ihn sich vorstellt, der über Internet-Agenturen immer neue Affären beginnt. Unter anderem hat er gerade eine solche mit der Frau des Ex-Agenten, in dessen Haus er sich aufhalten kann, weil sie ihren Mann, der ab 17 Uhr an nichts als an Schnaps und Rum denkt, gerade vor die Tür gesetzt hat. Als Linda und Chat ihr brisantes Material an den russischen Geheimdienst verkaufen wollen, aber aufgefordert sind, noch mehr Material zu besorgen, bricht Chad kurzerhand in das Loft des Ex-Agenten ein, um dort an neue Computerdateien zu kommen. Schon hier ist das irrwitzige Spiel höchst unglaubwürdig geworden, aber man folgt ihm gern, wenn man in der Stimmung ist. Als Harry, der Frauencharmeur - George Clooney at his best - duschen geht im Loft, stößt er mit Chad zusammen. Denn der ist in den Kleiderschrank geflüchtet, als er Harry kommen sah. Als Harry sich nach dem Duschen mit neuen Sachen ausstatten will, entdeckt er den Fremden, der ihn aus dem Schrank mit einem milchigen Lächeln ansieht. Den Schicksalspart übernimmt schließlich Harrys Pistole - er hatte im Außenministerium gearbeitet, aber sie nie genutzt - , sie hängt auch im Kleiderschrank und geht unbeabsichtigt in dem Moment los. Chad liegt im nächsten Moment tot am Boden.
Fortan wird immer mehr geschossen im Film. Linda wird heulend und trotzig zur Alleinkämpferin und schließlich sogar zur ironischen Siegerin über dem irrwitzigen Spiel, das immer undurchschaubarer wird. Der russische Geheimdienst hat inzwischen kein Interesse mehr an den Informationen, aber die CIA ist verständigt. Immer mehr gerät Osborne Cox ins Visier, der geheime Wahrheiten ausplaudern könnte. Cox, brillant von John Malkovich als der abgehalfterte Geheimdienstler gespielt, wird zum Philosophen, der nur noch unablässig fuck und shit vor sich hinschimpft, aber die Wahrheit keinem mehr sagen kann. Und der trockene Humor der Coen-Brüder läßt uns am Ende schließlich mit dem selben Kamerablick, mit dem er in den Eingangssequenzen des Films dem Schuhwerk des Agenten ins Chefzimmer folgt, wo er von der Zentrale gefeuert wird ("Sie haben ein Alkoholproblem!"), jetzt die Schritte des Berichterstatters zum Chef der CIA verfolgen, der erklären soll, was für eine Geschichte sich hier eigentlich abgespielt hat. Eigentlich ist die Sache nur herber Mist. Kaum erklärlich, man sollte das Drehbuch nach der Lektüre verbrennen, sagen sie sich. Eine Frau kämpft um ihre Schönheit. Dabei kann es Tote geben. Aber bei so lebensechten, skurrilen Figuren, für die die Coen-Brüder immer wieder ihr bestes Geschick beweisen, beschleicht uns der Verdacht, dass es all diese Figuren im wirklichen Leben durchaus gibt, im nahen Amerika oder vielleicht schon um die Ecke.
USA 2008
Regie: Ethan Coen, Joel Coen
Drehbuch: Joel Coen, Ethan Coen
Darsteller: George Clooney
Frances McDormand
Brad Pitt
John Malkovich
Tilda Swinton
Richard Jenkins
David Rasche
J.K. Simmons
Verleih: Tobis
96 Min.
Joe Schmidt / 09.11.08
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