Der Filmblog
Dunkle Lügen: Gomorrha
In Italiens Süden herrscht traurige Armut. Und die traurigen Kinder der Armut heißen bekanntlich nicht selten Verbrechen, Gewalt und Lüge. Und es lassen sich andere Kinder dazu denken. Wenn der Staat nicht mehr seine schützende Hand über die menschlichen Schicksale legen kann, sondern selbst hilflos geworden ist, weil Straßenbanden und mafiose Clans mit ihren eigenen Regeln das Land regieren, ist alle Hoffnung verloren. Matteo Garrones Film ‘Gomorrha’ richtet den Kamerablick in die Armutslandschaften um Neapel, kleine Dörfer und düstere Wohnblocks, in der die schmerzenden Regeln der Gewalt und des Verbrechens täglich aufs neue eingeübt werden müssen. Die Untergrundsorganisation Camorra, die sich der Filmtitel zum biblischen Sinnbild größten Unheils entziffert, ist eine unsichtbare Strippenzieherin hinter allem. Es gibt nirgends den einzigen zigarrerauchenden Boss mit Sonnenbrille im Hintergrund, der alle Fäden in der Hand hält, sondern unzählige Bosse, die überall agieren, Druck ausüben, Geldangebote machen und wieder im Nichts verschwinden, vielleicht weil sie selbst spontane Opfer der Gewalt geworden sind. Über diesem sternenlosen Himmel geht die Sonne Italiens niemals auf. Es ist ein Schicksalsgeflecht, das einem gewaltigen Spinnennetz gleicht, in dem sich jeder verfängt, der zu atmen und zu leben versucht.
Der Episodenfilm greift sich Schicksäler heraus, die allesamt ein bedrückend einheitliches, wenn auch verworrenes Bild abgeben. Da ist der 13jährige Toto (Salvatore Abruzzese), der bei einer Polizei-Razzia eine Pistole in einem unbeobachteten Augenblick mitgehen lässt und damit schon fast in die Erwachsenenwelt aufgenommen scheint. Als er in einer dunklen Höhle Initiationsrituale mit kugelsicherer Weste besteht, ist die Aufnahme in den Clan vollzogen. Später wird er sich zwischen seinen Freunden und dem Clan entscheiden müssen. Und da ist DonCiro (Gianfelice Imparatio), Typ des biederen Buchhalters, der zum Geldboten für Angehörige der Organisation - der Name ‘Camorra’ fällt nie, als wäre es ein Tabu - geworden ist, während ihm bei den Übergaben zunehmend die Kugeln um die Ohren sausen und auch nahestehende Menschen zum Opfer fallen. Da schachern in eindrucksvollen Bildern sinistre Unterhändler um privates Land, werden Berghalden, Obstplantagen und ganze Landstriche an Schreibtischen verhökert, so dass tonnenweise Giftmüll auf Privatland entsorgt werden kann, Geschäfte, mit denen Millionen gemacht werden können und mitunter nur noch ein einzelner notleidender Alter auf dem Sterbebett überredet werden muss.
Da ist schließlich - heimliche Hauptfigur des Films - ein armer Schneidermeister mit höchstem Verstand und Können, Don Pasquale (Salvatore Cantalupo), der sich in einer illegalen Fabrik in der Nähe von Neapel kaputtarbeitet. Eines Tages wird auch er in Versuchung gebracht. Ein Chinese bietet ihm gegen bestes Geld an, in seiner Fabrik Lehrstunden für junge Schneider zu geben. Erst lehnt er ab, weil er die Korruption fühlt. Dann sagt er zu - wer will und kann schon auf das Geld verzichten, wenn er Not leidet. Er akzeptiert, dass er im Kofferraum eines Wagens zu den Stunden gefahren werden muss, aber jetzt mehr Geld als je zuvor der erstaunten Frau nachhause bringen kann. Als er sich an die Situation zu gewöhnen beginnt ("Können Sie nicht mal Frühlingsrolle für mich kochen?"), knattern plötzlich die Schüsse durch die Fensterscheiben des Autos, und die toten Chinesen müssen aus dem Wagen getragen werden.
Ahnungslos und neugierig tappen schließlich auch Marco (Marco Macor) und Ciro (Ciro Petrone) in ihr Unheil. Sie haben Lust, auch die Helden der Straße zu werden. Als sie eines Tages als junge Burschen unerwartet Zeugen werden, wie an einem unbeobachteten Ort Unmengen von Schusswaffen deponiert werden, fühlen sie sich plötzlich ermächtigt zum Heldentum. Jetzt gilt es, die Welt in Angst und Schrecken zu versetzen, weil die Waffen dazu da sind. Eine Weile geht das gut, und sie fühlen sich gut. Denn es ist schick, zum Beispiel in einem Spielsalon abgebrannt die letzten Mücken zu verhökern und dann einfach die Knarre in die Luft schwenken zu können und zu sagen: das hier ist ein Überfall, legt euch alle auf den Boden. Dann hat man schnell das Geld und zieht ab ins nächste Bordell.
Doch die Camorra ist etwas Anderes. Das hängt wie ein Fatum über allem. Die Kleingannoven, die noch Spiel und Witz zeigen, sind nichts gegen das Unheil, das teufelsgleich über einem Land liegt. Die Camorristen - hier ein unübertrefflich gespielter Bilderbuchgängster mit schnarrender Wolfsrachenstimme - lockt die Jungs in einen Hinterhalt, in dem sie ausgerechnet einen Ehebrüchigen ahnden sollen. In Sekundenschnelle werden sie niedergeknallt wie dummes Vieh, das sich unvorsichtig den Besiedlungen der Menschen genähert hat. Und die beiden Jungen werden sinnfällig in der Riesenschaufel eines Landtraktors entsorgt.
La dolce vita est terribile. Die Jungens, die die Grenzen ausreizen und doch nur ihr junges Heldentum beweisen wollen, sind wie ein Zerrspiegel der Gesellschaft, in der das Freiheitsgefühl schon den Tod bedeuten kann oder muss. Der Autor des Romans, Roberto Saviano, der auch an der Filmvorlage mitgearbeitet hat, steht noch immer unter ständigem Polizeischutz, wie man hört. Wahrheiten zu enthüllen, ist seit jeher eine prekäre Sache gewesen.
Italien 2008
Regie: Matteo Garrone
Drehbuch: Maurizio Braucci, Matteo Garrone, Ugo Chiti, Massimo Gaudioso, Roberto Saviano, Gianni di Gregorio
Darsteller: Salvatore Abruzzese,
Simone Sacchettino
Salvatore Ruocco
Vincenzo Fabricino
Gaetano Altamura
Italo Renda
Gianfelice Imparato
Maria Nazionale
Toni Servillo
Carmine Paternoster
Salvatore Cantalupo
Marco Macor
Ciro Petrone
Verleih: Prokino (Fox)
136 Min.
Joe Schmidt / 09.11.08
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