Der Filmblog
Die Welt der Postkarte: Das weiße Band
Es ist, als ob wir in alten Postkarten oder Fotoalben blättern. Es scheint eine unerhört fremde Welt, die in Schwarz-Weiß getaucht ist, dass sich kaum glauben lässt, hier könnte noch etwas für uns lebendig werden. Doch dann ist es, als ob die Bilder, alten Postkarten und Alben uns mit einem Mal doch anspringen. Geschichten formen sich, die aufgeschlagenen alten Alben, Postkarten und Fotos mit Großvater, Großmutter in Frontalansicht, dem Zauber der Stehkrägen und eleganten Damenhüte formen sich plötzlich zu sonderbaren Geschichten, Garnknäueln von Bedeutendem, Wunderbarem und Gräulichem entrollen sich vor dem Auge. Wir sind in dem Film Michael Hanekes angekommen.
Hanekes neuer Film ist gerade mit mehreren Nominierungen zum europäischen Filmpreis bedacht worden. Es scheint verdient. Der Film verstört selbst beim zweiten Sehen. Man möchte ihn wiedersehen, weil man meint, ihn noch nicht richtig verstanden zu haben. Und der Eindruck wird sich wiederholen. Die Figuren im scheinbar braven Sytterlin einer scheinbar vertrauten Handschrift aus alten Menschheitstagen erzählen Geschichten aus einer Welt, die uns nicht mehr vertraut ist und die dennoch die unsere ist, die selbe Welt von Unheimlichkeiten, die die glatte, postkartentaugliche Schönheit liebt und das Grauen darunter nur langsam für den Denkenden sichtbar werden lässt.
Ein Dorf vor dem ersten Weltkrieg. Es gibt den Pastor (Burghart Klaußner), den Gutsherrn, nämlich den Baron (Ulrich Tukur), den Verwalter (Josef Bierbichler), den Arzt (Rainer Bock), den Schullehrer (Christian Friedel), den Bauern, es gibt Erzieherinnen und vor allem die vielen Kinder, von ganz klein bis ziemlich groß. Eine lichtdurchlässige, traditionelle Welt, wie es scheint. Und der Film inszeniert sie uns über weite Strecken vor, wunderbare Sytterlin-Bilder eben, klar leserliche Gesichter, verstehbare Charaktere, durchschaubare Lebenswelten. Es ist eine Welt, die ihren geraden Weg gehen muss, es gibt Frühling, Sommer, die Ernte im Herbst, wo man auf dem Dorfplatz im Festtrubel miteinander tanzt, dann den Winter. Es gibt Oben und Unten, den Baron und die Leute vom Bauernhof, Gott und die Sünder. Zumindest all das auf der Oberfläche, beim Dorffest, auf der Postkarte. Der Pastor spricht bei seiner Rede zum Erntefest seinen Dank an den Herrn Baron aus und lobt Gott, während der Baron der Dorfbevölkerung im Anschluss dankt für den Jahreseeinsatz und zum großen Festschmaus einlädt.
Aber da spielt sich im Hintergrund schon das Unheimliche ab. Ein Bauersjunge mäht die gepriesenen Kohlköpfe auf dem Feld, während noch die Leute auf dem Dorfplatz tanzen. Aus Hass, weil seine Mutter im Sägewerk, wie es scheint, durch Fahrlässigkeit der Baronschaft ums Leben gekommen ist. Das Dorf zeigt das Bild des Friedens, während das .Bild des Friedens schon empfindlich gestört wird. Eine Tragödie kündigt sich an. Bald werden immer mehr Greuel sichtbar, der Sohn des Verwalters wird gequält, ein behindertes Kind verstümmelt. Gleich zu Beginn des Films war der Arzt beim Reiten gezeigt worden. Ein unsichtbares Seil war von einem Unbekannten zwischen zwei Bäume gespannt worden, als er ins Dorf einritt, so dass er zu Sturz kam. Aber das hatte man noch für eine Art Unfall halten können. Wer ist bei alledem jetzt der Täter? Es scheint eine Tragödie ohne Täter im Anrollen. Das Dorf, das sonst nur die Wege der Tugend beschreitet, ist verstört, irritiert. Und beständig kommen neue Verbrechen hinzu.
Erzählt wird die Geschichte aus der Persperktive des klugen Dorflehrers, der in der Welt, die ihn beherrscht, zugleich gefangen ist und sie dennoch sachlich beschreiben will. Erzählt wird in der Altersperspektive, der Lehrer blickt zurück. Er erzählt die beklemmende Geschichte des Dorfs kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Er erzählt unerhört liebenswert und gibt eine authentische Stimme ab. Er hatte seine Lehrertätigkeit im Ort Eichwald als recht junger Mann begonnen. Er verliebt sich in die Erzieherin der Kinder des Barons (Leonie Benesch). Anrührend, wie lebensecht die erste Begegnung zwischen den beiden erzählt wird, als sie ihm auf der Straße begegnet. Er fragt sie, ob sie nicht seinem Vater einen Fisch mitbringen wolle, da sie doch gerade ins gemeinsame Heimatdorf losreiten wolle. Sie lächelt verschämt und überlegt für einen Moment tatsächlich, ob sie nicht den toten Fisch an der Strippe fahradfahrend ins Nachbardorf bringen solle. Eine lebensechte Szene, die die Verschämtheit von Liebenden dieser Zeit zeigt. Szenen dieser Art gibt es viele in dem Film. Haneke berichtet, er habe unerhört viel in alten Büchern des 19. Jahrhundets gelesen und daraus seine Geschichten gezogen. Fast nichts sei, so Haneke am andern Ort, einfachhin erfunden, sondern abgelauscht den Geschichten der damaligen Zeit. Die Katastrophe des Kriegsausbruchs liegt dennoch wie ein schwelendes Feuer über der ganzen Szenerie des Films, in dem die Grausamkeiten sich mehren in der heilen Welt und der Grund fehlt.
Schauspielerisch ragt der Pastor hervor (Burghart Klaußner), der die biedere Welt des wilhelminischen Vorkriegseuropa mit seinen Zwängen und Ängsten wohl am besten verkörpert. Seine Kinder scheinen ihn zu achten und zu lieben, und dennoch wird immer mehr klar, dass genau da, wo die frommen Lieder von Anstand und Gottesgehorsam gesungen werden, die Keimzelle irrationalen Hasses und prinzipieller Verweigerung gegenüber der Elternwelt liegt. Während der kleine Sohn dem Vater einen kranken Vogel zur Begutachtung ins Arbeitszimmer bringt und die Szene rührt, ist der ältere, der mit Augenringen beim Onanieren erwischt wurde, ans Bett geknebelt worden vom sittenstrengen Vater. Während der Dorfarzt Kinder nachts am Krankenbett besucht, quält er seine eigene Haushälterin, an der er sich nicht mehr sexuell vergehen will, weil sie aus dem Mund stinkt. Die Welt ist faulig, das Böse riecht aus den Ritzen, das Gebälk der Lebensfundamente ist brüchig geworden. Der Pastor liebt seine Schäfchen, die dennoch Wölfe sind. Der neblige Gedanke, der über der Geschichte liegt, verdichtet sich immer mehr zur Gewissheit beim Zuschauer, dass gerade die unschuldigen Kinder, denen das weiße Band ins Haar geflochten wird zur Sündentilgung, verantwortlich sind für die vielen Verbrechen. Sie sind unsere Urgroßväter, scheint Haneke fast alttestamentarisch die Blutschuld über die Generationen hinweg benennen zu wollen. Hanekes Film fängt bravourös quasi eine einzige, stimmungsvolle Minute aus einem kleinen Dorf im Irgendwo des Vorkriegseuropa ein und hat in nuce doch schon die ganze Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts erzählt. Incipit tragodia.
Deutschland/ Frankreich/ Italien/ Österreich 2009
Regie: Michael Haneke
Drehbuch: Micxhael Haneke
Kamera: Christian Berger
Produktion: Veit Haduschka
Margaret Menegot
Stefan Arndt
Michael Katz
Andrea Occhipinti
Darsteller: Christian Friedel
Ulrich Tukur
Burghart Klaußner
Josef Bierbichler
Susamme Lothar
Rainer Bock
Leonie Benesch u. a.
Verleih: x-Verleih
145 Min.
Joe Schmidt / 26.11.09
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