Der Filmblog
Die Weisheit des Ha-Shem: A Serious Man
Es ist der Alptraum eines jeden glücklichen Ehemanns: plötzlich kommt die Ehefrau zur Tür des Wohnzimmers hereingeschneit und sagt, dass es Zeit für die Scheidung sei. Und es sei Sy Ableman (Fred Melamed), der gute Freund der Familie, mit dem sie jetzt was angefangen habe. Kein Wunder, dass da Larry Gopnik (Michael Stuhlberg), dem klugen Mathematik-Professor, erst mal die Brille von der Nase rutscht. Wie? Sy Ableman? Ausgerechnet der? „Ich habe doch nichts getan.“ - „Natürlich hast du nichts getan. Ich habe auch nichts getan.“ sagt die Ehefrau entrüstet. Jedenfalls nicht woopsy doopsy.
Dennoch kommt das Geröll jetzt ins Rutschen. Auf dem Berg beruflicher Karriere und familiären Glücks angekommen, spürt Gopnik, dass sich eine gewaltige Lawine in Bewegung setzt und ihn innerhalb von Tagen aus der Höhe seines eingebildeten Glücks so tief in die Talgründe zieht, dass kaum mehr an ein Durchatmen zu denken ist. Sein Sohn Danny (Aaron Wolf), der kurz vor der Bar Mitzwa steht, hört in der Toraschule zum Leidwesen des betagten Lehrers heimlich im Unterricht Radiomusik und entdeckt auch noch auf dem Pausenhof seine besondere Liebe zu Marihuana. Die Tochter Sarah (Jessica McManus) klaut ihm Geld für eine Schönheitsnasenoperation aus der Tasche. Sein eigener, etwas verunglückter Bruder Arthur (Richard Kind), der sich für ein verkanntes Physikgenie hält, schließt sich in der Toilette der Wohnung ein und terrorisiert die ganze Familie. Die Frau Judith (Sari Lenick), die ihm bis eben noch immer treu zur Seite stand, diskutiert mit ihm und ihrem Neuen entspannt im Cafe, ob er nicht besser in eine nahegelegene Pension ziehen will.
Als genügte all das nicht schon, erpresst den jungen Professor alias Hiob auch noch der japanische Student Clive (David Kang) mit einem dicken Briefkuvert voller Geld, dass er eine durchgefallene Klausur doch noch bestehen möge. Dessen Vater (Stephan Park) steht plötzlich vor seinem Haus und raunt ihm zu, dass er das Mysterium begreifen müsse, entweder den Sohn die Klausur noch bestehen zu lassen oder aber vor Gericht verklagt zu werden, weil er behaupte, mit Geld bestochen worden zu sein. accept the mystery. Doch Larry lässt gleichsam bei alledem nur die Kinnlade fallen, so überstürzen sich die Ereignisse, in denen ihm permanent das Schicksal die Zunge rausstreckten zu wollen scheint. Oder ist es Gott, der einmal auftrumpfend seine Schattenseite zeigen will? Jedenfalls tagt dieser Tage auch noch die Verbeamtungskommission für Gopnik, und sie bekommt ausgerechnet gerade jetzt diverse denunzierende anonyme Briefe…
Die Coen-Brüder, nach dem etwas läppischeren “Burn after reading”, packen ein Uraltthema an, das Leiden der Kreatur im Angesicht eines Gottes, der dies Leiden aus vollem Herzen zu bejahen scheint. Gopnik rennt in seiner Verzweiflung zu den Rabbis. Der erste sagt, er solle sein Leben nur mit neuen Augen anzuschauen versuchen – und zieht die Gardine seines Bürofensters auf, um ihm einen sterbenslangweiligen Autoparkplatz zu zeigen. you need fresh eyes. Der zweite, Dr. Sussman (Michael Tezla), erzählt ihm – zweifellos einer der Höhepunkte des Films - die absonderliche Geschichte von einem Zahnarzt, der eines Tages ausgerechnet bei einem Goi, einem Nichtgläubigen, eine Art Zeichensprache im Gebiss entdeckte, einzelne Buchstaben an der Zahninnenseite, die soviel wie Rette mich zu sagen schienen. Wochenlang rätselte der Zahnarzt, was das für ihn bedeuten könnte und lief zum Rabbi. Doch auch der Rabbi konnte es ihm nicht sagen, denn Ha-schem, Gott, hatte ihm auch nicht alle Weisheit offenbart. Die ganze Weisheit lag offenbar nur darin, ihn walten zu lassen und wieder zum normalen Leben zurückzukehren. Entsetzt über die unbefriedigende und scheinbar banale Auskunft, rennt Gopnik schließlich noch zu Rabbi Marshak (Alan Mandell), einer grauhaarigen Eminenz mit weißem Bart – die aber leider keine Zeit für ihn hat. So bleibt Gopnik seinem Schicksal allein überlassen. Erst als Sy Ableman bei einem Autounfall umkommt und seine Frau sich zu besinnen beginnt, scheint sich das Blatt zu wenden und wieder Hoffnung am Horizont zu blinzeln. Marihuanatrunken besteht sein Sohn sogar noch die Bar Mitzwa, und fast scheint es auch, dass der Marihuana-Smoke mit der Nachbarin Gopnik neue Horizonte geöffnet hat für sein Leben…
Dieser neue, leicht autobiographisch getönte Film der Coen-Brüder ist eine Rarität und ein kostbares Juwel in der Filmlandschaft. Mit vielen Laiendarstellern und Regisseuren, die den besonderen schwer begreiflichen jüdischen Witz zu dem an sich anspruchsvollen Thema beisteuern, wird ein Stück jüdisches Leben im Amerika der 60er Jahre wieder lebendig. Der Film gelingt es spielerisch, ein altes großes Menschheitsthema, das Hiobsleiden, unauffällig in der Kleinstadtlandschaft in Minnesota im Jahre 1967 wiedererstehen zu lassen.
USA 2009
Regie: Joel Coen
Ethan Coen
Drehbuch: Ethan Coen
Joel Coen
Musik: Carter Burwell
Produktion: Joel Coen
Eric Fellner
Tim Beran
Robert Graf
Ethan Coen
Darsteller: Michael Stuhlberg
Richard Kind
Fred Melamed
Sari Lennick
Aaron Wolf
Alan Mandell
Adam Arkin
Michael Tezla
George Wyner
David Kang
Stephan Park u. a.
Verleih: Tobis
105 Min.
Joe Schmidt / 10.02.10
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