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Die Stunde der Perversion: Das Letzte Schweigen

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Er ist Hausmeister in einem Schulkomplex. Er repariert die Schaukeln, die Fenster und Waschmaschienen im Haus. Abends guckt er DVDs. Aber nicht irgendwelche. Er guckt Kinderpornos. Und er sucht Freunde. Eines Tages sitzt ein Abiturient mit ihm auf der Parkbank auf dem Hof und erzählt ihm von seinem Leid mit Mathe. Später verabreden sie sich regelrecht, gehen zum Hausmeister in die Wohnung und gucken Filmchen, Kinderpornos. Und erregen sich an dem Zeug. Der Hausmeister hat einen Freund gefunden.

Dann fahren sie in ihrem Zustand eines Tages im Auto los und entdecken auf einem einsamen Feldweg ein junges Mädchen, das vor ihnen entlangradelt. Peer (Ulrich Thomsen) hält den Wagen an, spricht die Radfahrerin an und missbraucht sie schließlich auf einem Feld. Als sie Widerstand leistet, tötet er sie. Verzweifelt, weil das nicht seinen Absichten entsprach. Er wirft sie in den nächsten Fluss.

Die Zeit vergeht. Das Verbrechen wird nicht aufgeklärt. 23 Jahre vergehen. Peer ist noch immer Hausmeister. Peer sucht seinen Freund, der damals kurz nach der gemeinsamen Tat vor ihm geflüchtet ist, um ein neues Leben anzufangen. Timo Friedrich (Wotan Wilke Möhring) hat jetzt Kinder, eine Frau, führt eine fast gesunde, normale Existenz. Doch der Krankheitskeim sitzt noch in ihm. Als er in der Zeitung liest, dass an genau der Stelle, wo er mit seinem perversen Freund damals die Untat verübte, wieder ein Mord an einem jungen Mädchen geschehen ist, verzweifelt er. Er sucht seinen alten Kumpanen auf, aber wühlt damit zugleich auch seine Vergangenheit auf, die er längst zu Grabe getragen haben wollte.

Um diese Idee rankt sich der Plot des Films. Zwei Kumpels mit einem kranken Hobby, der eine wird sentimental, der andere verrückt. Statt der bekannten Gewissensbisse, die den Mörder verfolgen, können offenbar auch ganz einfach sentimentale Gefühle treten. Und vielleicht existieren ja nicht mal Schuldgefühle, sondern nur einfach eine Art von Langeweile, die man am besten mit dem gemeinsamen Gucken von Filmchen niederzwingen kann.

Die Polizei ist jetzt in besondere Alarmbereitschaft versetzt. Jeder spürt, dass derselbe kranke Irre wieder zugeschlagen hat, den man schon damals nicht finden konnte. Wird man es jetzt können? Gerade ist der Kommissar, der damals erfolglos tätig war, in seinen, wie man so sagt wohlverdienten Ruhestand versetzt worden. Jetzt treibt es Krischan Mittich (super: Burghart Klaussner), sich in die Sache doch noch einmal einzumischen, ohne dass er sich dabei bei seinem Amtsnachfolger sonderlich beliebt macht. Unterstützt wird er dabei aber von einem jüngeren Kollegen David Jahn (Sebastian Blomberg), der selbst gerade die Frau verloren hat und der in seiner etwas verrückten Unruhe sehr gut den charaktervollen Gegenpart zu den zwei Perverslingen abgibt. Tatsächlich braucht es wohl selbst einen gewissen Grad an Verrücktheit, um die verrückten Phantasien von Kriminellen zu verstehen. Endlich stehen sich einmal in diesem genialen Psychokrimi nicht Gut und Böse gegenüber, sondern im Grunde nur verwandte Charaktere, die allerdings von unterschiedlichen Phantasien heimgesucht werden. In dem neuen Kommissar haben David und Krischan einen glatten, aber glücklicherweise nicht zu stark als Karikatur angelegten Beamten Grimmer (Oliver Stokowski) zu fürchten, der von dem neuen Fall reichlich überfordert scheint.

Überragend Wotan Wilke Möhring in der Rolle des überforderten Kumpanen, der unter der Gewissenslast schließlich zusammenbricht. Er war ja damals eigentlich mehr Zeuge der Tat, der im Auto sitzen blieb. 23 Jahre hatte das geklappt mit dem Zuschütten von Erinnerungen mit einer eilig eingefädelten bürgerlichen Existenz. Jetzt bricht die Krankheit plötzlich aus dem Nichts wieder hervor. Als Mitwisser macht er sich jetzt pausenlos verdächtig, bis er plötzlich sogar bei der Mutter der ermordeten Tochter von damals auf der Matte steht und mit ihr unverfänglich plaudern und Kuchen essen will. Wenige Augenblicke später steht er vor seinem Ende.

Odars brillanter Erstling ist eine feine psychologische Studie im Krimigewand über sexuelle Perversionen, die Abgründe der Normalität und die Un-Lust, ein Normalbürger zu sein. Mit der brillanten Besetzung lässt sich der Film nur wärmstens empfehlen.

Deutschland 2010
Regie: Baran bo Odar
Drehbuch: Baran bo Odar
Jan Costin Wagner
Produktion: Frank Evers
Maren Lüthje
Florian Schneider
Jörg Schultze
Musik: Michael Kamm
Kris Steininger
Kamera: Nikolaus Summerer
Darsteller: Wotan Wilke Möhring
Burghart Klaußner
Sebastian Blomberg
Ulrich Thomsen
Oliver Stokowski
Karoline Eichhorn
Katrin Sass u. a.
Verleih: NFP
110 Min.

Joe Schmidt / 20.09.10

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