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Die Seele des Fleisches: The Wrestler

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Wie ein erodierender Koloss liegt Randy „The Ram“ Robinson im Ring. Die Narben einer langen Karriere im Wrestling sind ihm in das Fleisch gebrannt. Schnittwunden, von Dopingmitteln aufgedunsene Gesichtszüge und müde Knochen, die Palette der Alters- und Abnutzungserscheinungen ist lang – doch für „The Ram“ gibt es auch mit fast fünfzig Jahren kein Zurück aus dem Ring, keine Rente oder Aufgabe. Denn Wrestling ist sein Lebensinhalt und außerhalb des Ringes bleibt ihm wenig, was seinem armseligen Leben noch Sinn geben kann.
Dies ist die Ausgangsposition für das neue Drama von Darren Aronofksy. Mickey Rourke spielt Randy “The Ram” und gleichzeitig sich selbst, denn die Rolle eines lange nach seiner Glanzzeit mühsam nach einem roten Faden im Leben Suchenden spielt Rourke bereits lange. Für sich selbst hat er sie mit diesem Film gefunden, denn für “The Wrestler” gab es einen Golden Globe als bester Darsteller und eine Oscarnominierung. Solch ein glorreiches Comeback ist seiner Filmfigur nicht vergönnt, denn die Zeichen seines Körpers kann er nicht länger überhören. Dass ihm ein Wechsel in ein normales Leben, ein Ausstieg aus dem Wrestling, so schwer fällt, liegt daran, dass “The Ram” auch im Kopf noch in den Achtzigern lebt. Aronofsky spürt mit detektivischer Sicherheit jenen Lebensstil auf, den die meisten Menschen bereits vor Jahren abgelegt haben - und von dem sich “The Ram” nicht lösen kann. Er hört Heavy-Metal-Musik, spielt grobpixlige Wrestlingspiele auf der Nintendokonsole und lebt in einer ewigen, dreckigen und altmodischen Junggesellenbude in einem Campingwagen. Sein Leben, es hat außerhalb des Ringes nie stattgefunden.
Dass Randy dieses aber braucht, wird ihm klar, als er nach einem besonders brutalen Kampf einen Herzanfall bekommt. Er wacht Tage nach seinem Zusammenbruch im Krankenhaus auf, fühlt sich elend und schwach und die Ärzte raten ihm dringend, mit dem Sport aufzuhören. Randy beschließt, dass er seine Tochter wiedersehen will, die er vor zig Jahren im Stich gelassen hat. Dass diese kaum erfreut über den Besuch des Vaters ist, bedarf keiner blühenden Phantasie. Für Randy gerät die Welt jedoch aus den Fugen, als er, nach dem Strohhalm greifend der sich ‘anderes Leben’ nennt, ins Leere greift. Seine einzige Bezugsperson bleibt die Stripperin Cassidy (eindrucksvoll: Marisa Tomei), zu der er mehr als eine Kundenbeziehung unterhält. Auch sie lebt davon, dass sie sich Kraft ihres Fleisches gegen die biologische Uhr wehrt. Noch kann sie ihr Alter verbergen, doch ähnlich wie für “The Ram” hat ihr Beruf eine kurze Halbwertszeit. Dass sie ihren Geldverdienst von ihrem Privatleben trennen kann, oder dass sie abseits davon überhaupt eins hat, wirken auf den gebrochenen Wrestler anziehend. Sein zweites Leben endet in schlechtbezahlten Schichten hinter der Wursttheke - er verkauft totes Fleisch.
All diese Nuancen, die Selbstreflexion über ein Leben, dass so nicht weitergeführt werden kann, die Analogien zwischen Randys körperlichem Knockout und seiner geistigen Leere oder den subtilen Spiegel, den das Drehbuch seiner Hauptfigur durch die Nebenfiguren vorgehalten bekommt, machen “The Wrestler” zu einem Ereignis. Rourkes Spiel ist beeindrucked, seine widersprüchliche Physis zwischen Steroiden und Verkalkung findet ein ebenso widersprüchliches Pendant in seinem Kopf. Randy ist einfach gestrickt, aber emotional nicht tot und dies vermag Rourke sensibel und glaubwürdig zu transportieren. Die dokumentarischen, schnörkellosen Bilder und die geradlinige Erzählung Aronofskys lassen den Zuschauer noch näher an das Schicksal von “The Ram” heranrücken: an brutale Gewalt, dreckigen Sex und faule Aussprache - aber auch an bittere Selbsterkenntnis und Liebe zum Sport und zu seiner Tochter. Der harte Film über das Fleisch ist am Ende ein einfühlsamer Film über die Seele und den Geist.

USA/Frankreich 2008
Regie: Darren Aronofsky
Drehbuch: Robert. D. Siegel
Produzent: Darren Aronofsky, Scott Franklin
Mickey Rourke
Marisa Tomei
Evan Rachel Wood
Musik: Clint Mansell
Song: Bruce Springsteen
Verleih: Kinowelt
109 min

Jan Titel / 07.03.09

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