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Die größte Wolke ist das Licht: Zum Tode von Bruno S.

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Ohne zu wissen, dass er es war, begegnete ich vor einigen Jahren Bruno S. bei einem Spaziergang durch den Berliner Tiergarten. Ich stand an einer der Brücken und blickte sinnend auf das Wasser. Da näherte sich mir summend eine Stimme. Ein Verrückter, dachte ich. Und richtig. Es war ein Verrückter, aber einer der gutartigen, die die Welt braucht. „Es gibt keine Liebe mehr unter den Menschern“, begrüßte er mich hochphilosophisch. Und dann erzählte er mir, dass er ein Akkordeon besaß und früher immer auf den Höfen gespielt hatte. „Aber heute schließen die Leute die Türen zu den Höfen ab!“ sagte er vorwurfsvoll. Ich musterte Bruno, den ich zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht als Bruno S. kannte. Er schien der Welt der Pennbrüder unter den Brücken gar nicht fern. Er stank etwas. Aber seine große Augen fielen mir auf, Kinderaugen, ein klein wenig dümmlich wirkend, aber riesengroß, aufgesperrt gewissermaßen, die Geheimnisse der Welt zu erkunden.

Als ich dieser Tage noch einmal ‚Kaspar Hauser‘ guckte, seinen legendären Film aus der Regiehand von Werner Herzog, spürte ich wieder, dass Herzog Bruno nie als Schauspieler engagiert hatte (der er ja auch gar nicht war), sondern als Original. Als Pflanze, hineinwuchernd in einen Filmstoff, der etwas ganz Besonderes verlangte: den Unmenschen, den Vor-Menschen spielend, ja vielleicht den Ur-Menschen oder Tier-Menschen, der Kaspar Hauser war. Zumindest in unserer Phantasie. Jemand, der die Welt unverbildet durch die Gesellschaft und die Erziehung sieht, unvoreingenommen eben.

Nur Bruno konnte so wunderbar naiv den Kaspar spielen. Da steht er in den Eingangssszenen minuten-, ja stundenlang auf dem, Platz der Kleinstadt mit dem Brief in der Hand, der seine Identität verrät – und nichts passiert. Keiner will ihn. Als man sich schließlich entschließt, ihn aufzunehmen in die Gemeinschaft der Menschen, wird er sofort zum Gespött der Leute. Die Kinder spielen mit ihm, aber lachen mehr über ihn. Sie bringen ihm Worte, Sätze, ja sogar Gedichte bei, die er lange gar nicht versteht. Theologen kommen und fragen ihn, ob er eine Ahnung von Gott habe. Er wird stattdessen verängstigt aus einem Gottesdienst herausrennen und rufen, die Gemeinde schreit. Doch auch er schreit ja. Er ist kein Schreihals, aber fortan unbequem und anstrengend, Kaum einen Satz von ihm versteht man ohne Weiteres. Ein Adliger nimmt ihn eine Weile zu seinem Schützling. Aber am besten scheint er bei einem Wanderzirkus aufgehoben. Nachdem er sich einigermaßen in der Welt umgesehen hat, wird er plötzlich doch Opfer eines heimtückischen Anschlags. Bei seinem Tod werden gewisse Ungewöhnlichkeiten an seinem Gehirn festgestellt, vor allem eine erstaunliche Diskrepanz zwischen Großhirn und Kleinhirn. Bruno S. hat seine Diskrepanzen nach dem unerwarteten Abbruch seiner Filmkarriere als Straßenmusikant auf Hinterhöfen, Hobbymaler und Lebenskünstler weitergelebt. Aufgewachsen in der Welt der Kinderpsychiatrie der Adenauer-Zeit, hatte dieses Kind ohne Eltern nie richtig ein Zugehörigkeitsgefühl zur Gesellschaft entwickelt. Gewisse autistische Neigungen wurden jedoch von ihm bewusst gelebt und später zur Waffe gemacht, zur Kunst.

Bruno hatte ich nach meiner Begegnung im Tiergarten in seiner Wohnung in der Kurfürstenstraße besucht. Er hatte mir da erbost von seiner zerschlagenen ‚Filmkarriere‘ erzählt, ungefähr so, wie ein Kind erzählt, dass man ihm einen Topf oder eine Tasse zerschlagen hatte. Dass Herzog ihn hatte fallen lassen, nachdem Brigitte Mira den ‚Dreckspatz‘ hinreichend vor den Kollegen lächerlich gemacht hatte, konnte er ihm nicht verzeihen. Ja, die Frauen. Und er hatte mir seine Erfolge alle aufgezählt, neben ‚Kaspar Hauser‘ noch vor allem ‚Stroszek‘. Als ich meiner Mutter von der Begegnung mit Bruno einmal erzählte, erklärte sie solidarisch, dass sie wahrscheinlich Bruno auch auf dem Hof habe singen hören und ’die Mark geschmissen habe‘. So tat man das damals, man schmiss eine Mark in ein Papiertaschentuch gewickelt in den Hof, wenn die Hinterhofmusikanten kamen. Dort unten sammelte dann der Sänger die Mark nach seinem kleinem Auftritt vom Boden auf. Bruno lebte in der Wohnung, in der ich ihn aufgesucht hatte und in der er jetzt im August tot aufgefunden wurde, mitten im Chaos, einem schöpferischen, zwischen Schallplatten, die herumlagen, Bildern, bemalten Gläsern, herumstehenden Uhren, einer Urne, leeren Bierdosen, Gerümpel, Unterhosen, zerlesenen Büchern; Noten, einem großen Xylophon.

Immer wieder hatte er mir damals von seiner guten Tat erzählt, die er noch in Angriff nehmen wollte. „Der Bruno muss noch eine gute Tat tun, bevor er stirbt.“ So klang das bei ihm. Er meinte, seine Mutter hätte es ihm im Traum geraten. Ob das mit der guten Tat noch geklappt hat, weiß ich nicht. Immerhin hatte ihn die Filmwelt im letzten Jahr noch einmal entdeckt. Bei meinem Besuch hatte er mir auch ein paar Lieder vorgesungen, zum Beispiel das Lied von dem Knaben, das sich Pferdchen von der Mutter gewünscht hatte. Da die Mutter arm war, ging das nicht. Erst als er starb, ging der Wunsch in Erfüllung. Doch er protestiert. ‚Nein, solche Pferde meint ich nicht‘. Es waren schwarze Rappen, die den Beerdigungszug zogen.

Bei Brunos Beerdigung werden keine schwarzen Rappen aufgetreten sein. Im Gegenteil, in meiner Brunophantasie hat es irgendwie laut geschrien dabei. Das war ein Klagegeschrei, ein Juchhegeschrei und noch etwas Drittes. Es wird trotz allem ein Armenbegräbnis gewesen sein. Bruno starb mittellos. Doch ein stiller, ohnmächtiger Reichtum grüßt uns noch. Er ist von uns gegangen.

Bruno S. (1932 - 2010)

Joe Schmidt / 24.09.10

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