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Der Filmblog

Die Entdeckung der Schuld: Der Vorleser

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Ein fünfzehnjähriger Knabe steht in der Straßenbahn. Er ist auf dem Heimweg von der Schule. Ihm wird plötzlich übel. Er steigt aus und sucht bei strömendem Regen in einem Hausflur Unterschlupf. Er erbricht sich. Eine Frau kommt nach Hause und entdeckt ihn im Hauseingang. Sie hilft ihm. Bringt ihm ein Handtuch. Sie bringt ihn nach Hause. Von diesem Moment an ist das Leben des Jungen gezeichnet.

Nein, es ist nicht die Krankheit, die ihn gezeichnet hat. Das ist nur der Scharlach und der ist bald vorbei - wie die Jugend mit ihren Schrullen und Ängsten. Es ist diese Frau, die ihm geholfen hat.

Er, der Knabe, entdeckt mit ihr die Liebe. Die erste, die, die voller Illusionen, voll tiefer, kaum zu ortender Gefühle ist. Und er entdeckt das Wesen des Verbrechens dabei, zumal des kollektiven, eine ganze Nation betreffenden. Zuviel für einen Knaben eigentlich. Aber die Liebe entdeckt er mit ihr mit Hingabe, und so gibt es kein Entrinnen.

Als er den Scharlach hinter sich hat, geht er zu ihr mit einem Blumenstrauß in der Hand. Das hat noch den Segen der Mutter. Es ist ein Anstandsbesuch. Dass er die freundliche Frau dann plötzlich hinter der Gardine beim Umziehen beobachtet, sicherlich nicht mehr. Schon wenige Tage später kommt er wieder in dieses Haus, durch diesen Toreingang, stolpert wie magisch angezogen die Treppen zu der Wohnung der Straßenbahnschaffnerin hoch. Weil sie ihn dazu auffordert, ihr beim Kohlenschleppen zu helfen, verleitet sie ihn dazu, anschließend sich bei ihr zu baden und zu waschen. Und sich dabei nackt auszuziehen. Dabei verliert er seine Unschuld.

Die zwei lieben sich mit Hingabe, er, der Gymnasiast Michael (David Kross), der tagsüber Bücher wälzt, sie, die schöne, rauhe, mitunter etwas grob wirkende Straßenbahnschaffnerin Hanna (Kate Winslet), die die Bücher eigentlich gar nicht verstehen kann. Sie ist Analphabetin. Mit ihrer Zuwendung macht sie ihn jedoch zum erwachsenen Mann. Als sie ihm ein Badetuch zum Trocknen umlegt, berühren sich die beiden zum ersten Mal und dann immer wieder, heftiger, leidenschaftlicher. Er kommt immer nach der Schule zu ihr. Und liest ihr dabei vor aus den Gedichten und Romanen, die er gerade in der Schule kennengelernt hat. Geduldig opfert er sich, sie in die Welt der Bücher einzuweihen.

Doch er schläft mit der Schuld, keiner einfachen Frau, die sich ihm und seinen pubertären Wünschen einfach darbietet. Michael schläft mit einer Frau, die etwas zu verbergen hat. Er schläft mit der Sünde, dem Bösen, der Kollektivschuld. Eigentlich geht es so etwas nicht. Man kann nur mit einem Menschen, einer Frau schlafen. Doch Hanna Schmitz ist – was in diesem besonderen Sommer der Liebe der Knabe noch nicht wissen kann - eine ehemalige KZ-Aufseherin, die offenbar selbst in diese Rolle des Bösen mehr hineingestolpert war.

Michael wird erst Jahre später wach als Jura-Student, wo er im urdeutschen Heidelberg vom Professor der Rechte (Bruno Ganz) zur Teilnahme an einer spektakulären Gerichtsverhandlung eingeladen wird. Zur Verhandlung stehen die Fälle von KZ-Aufseherinnen, einer besonders, die alleinige Verantwortung für Häftlinge zu haben schien, die in einer Kirche eingesperrt waren, die nach Bombenangriffen plötzlich zu brennen anfing. Was macht eine solche Aufseherin, die Gefangenen beim plötzlichen Brand in die Freiheit fliehen lassen oder sie festhalten in dieser Kirche, weil sie doch die Aufsichtspflicht hat? Natürlich hält eine KZ-Aufseherin sie in der Kirche fest und lässt sie im Feuer verschmurgeln.

Der erwachsen gewordene Michael schließt die Augen und lässt den Kopf fallen, als er im Gerichtssaal zuhören muss, während der Richter die Angeklagte Hanna Schmitz ausfragt. Sehen und Hören vergehen ihm. Sie habe Lieblingshäftlinge gehabt, die sie Texte vorlesen ließ, bevor sie sie zur Exekution abführen ließ. Im Grunde ist die Filmerzählung – wie der Roman Schlinks selbst – von diesem Moment des Erwachens des Protagonisten aus geschrieben. Michael Berg fühlt, dass die Schuld jetzt selbst in seinen Leib gezogen ist, allein weil er sie damals liebte, kurz nach dem Scharlach. Auch er war eines ihrer Opfer.

Über dieser Einsicht altert Michael. Im zweiten Teil des Films sehen wir ihn als berufstätigen Juristen auf seine jugendlichen Verirrungen zurückblicken. Als Hanna ins Gefängnis gewandert ist, nimmt Michael plötzlich eine neue Rolle an. Der Inhaftierten schickt er Kassetten, besprochene Sprechkassetten, Literatur, die er ihr einst nach der Schule vorgelesen hatte, wenn oder bevor sie sich liebten. Doch jetzt haben die Geschichten von Anton Tschechow, Thomas Mann und Homer eine ganz andere Bedeutung angenommen. Sie wirken jetzt nicht mehr als Stimulans für die Liebe, sondern wirken als Sühnemittel. Er, der inzwischen etablierte Jurist, liest sich förmlich zu Tode beim Besprechen von Kassetten und schickt sie ihr alle ins Gefängnis. Persönlich besucht er sie nicht mehr. Sein Gefühl der Liebe scheint erloschen – vielleicht auch weil er das Sühneritual nicht stören will. Aus der Asche der Toten in den Lagern steigt kein Leben mehr hervor. Doch Hannas Charakter verwandelt sich. Im Gefängnis lernt sie lesen, bringt es sich selbst bei. Indem sie das Glück der Buchstaben aus den Büchern der Gefängnisbibliothek herausklaubt, befreit sie sich langsam von ihrer eigenen Vergangenheit. Als sie Michael – der einzige Mensch, zu dem sie offenbar in ihrem Leben eine engere Beziehung aufbauen konnte – am Tag der vorzeitigen Entlassung abholen will, hat sie sich aufgehängt. Am Abend zuvor hatte sie sich entschieden, die vielen Bücher zu einem Stapel zu schichten in ihrer Gefängniszelle und dann daraufzusteigen. Es ist ein fast religiöser Opfertod, zu dem sie sich entschließt. Sie hat nicht nur das Lesen gelernt, sondern jetzt auch, mit den Büchern zu leben und zu sterben. Ja, es kommt einem für einen Moment so vor, als forderten die vielen Gedichte und Romane sogar dieses Opfer von ihr.

Der Film scheut nicht Umwege, will keineswegs nur die intime besondere Liebesgeschichte nacherzählen, sondern zugleich unerträgliche Zeitgeschichte aufwälzen. Er entwirft eine Parabel auf die Allgegenwärtigkeit der Schuld, die noch in die Welt der Nachgeborenen hineinsickert.. Kate Winslets Leistung als die schlichte, aber von den Nazi-Verbrechen eingeholte Straßenbahnschaffnerin enthält eine respektable, aber nicht unübertreffliche Leistung. Die Oskar-.Trophäe, die sie sich soeben geholt hat, dürfte mehr ihren schauspielerischen Leistungen in den letzten Jahren insgesamt gelten. Gerade das Dämonische, Unheimliche, das sich bisweilen bei den Nazis mit dem Banalen und Alltäglichen verbinden konnte, begreift der Zuschauer bei ihr nicht. Die Neigung der Großregisseure, Winslet und di Caprio wegen ihres kommerziellen Großerfolgs in ‘Titanic’ pausenlos in allen ambitionierteren Unternehmungen einzusetzen, ist durchaus tadelnswert. Lob verdient die Leistung von Ralph Fiennes, den der Zuschauer noch aus dem ‘Englischen Patienten’ kennt. Er begleitet schauspielerisch den reifen Michael Berg auf dem Weg zu Hannas Ende, das er sich in seiner unaufdringlichen Gefühlsarmut als praktizierender Jurist zunächst auch viel harmloser vorgestellt hatte. 

USA/ Deutschland
Regie:Stephen Daldry
Drehbuch: David Hare
nach dem Roman von B. Schlink
Produktion: Scott Rudin
Harvey Weinstein
Anthony Minghella
Bob Weinstein
Sydney Pollack
Musik: Nico Muhly
Darsteller: Kate Winslet
David Kross
Ralph Fiennes
Bruno Ganz
Sylvester Groth u. a.
Verleih: Senator Film
124 Min.

Joe Schmidt / 15.03.09

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