Der Filmblog
Der Tod ist nahe: Gran Torino
Er flucht, schimpft und spuckt unablässig vor sich hin. Er nennt seine asiatischen Nachbarn „Bambusratten“ und den Pastor des Bezirks einen „Grünschnabel“. Er scheint niemanden und nichts mehr in der Welt zu lieben, nicht einmal sich selbst. Ihm scheint der Tod vertrauter als das Leben. Und als seine Frau stirbt, traut er seinen Gästen nur zu, dass sie gekommen sind, „weil es anschließend viel Schinken gibt“.
Clint Eastwoods Alterswerk erzählt die Parabel vom friedlosen Kriegsveteran, der mit dem Leben abgeschlossen hat. Er hat im Korea-Krieg dutzende Menschen Aug in Auge blickend umgebracht und mit seinen Kameraden zu Sandsäcken gestapelt. Sein Herz ist tot. Er hat eine Schuld auf sich geladen, die er nicht mehr abschütteln kann. Das Schuldgefühl hat seine Seele mit den Jahren zu einer eitrigen Wunde gemacht.
Der Alt-Hollywood-Regisseur, der sich in diesem Meisterwerk in Bestform zeigt und doch sich zugleich als Schauspieler zum letzten Mal vor seinem Publikum zeigen will, erzählt die Geschichte als eine weitere Anti-Amerika-Parabel, wie es sie in den letzten Jahren vermehrt gibt. Zu erinnern ist nur an die Geschichte vom Patrioten und Vater des jungen Irak-Soldaten in „Im Tal von Elah“, der verzweifelt auf Händyfotos seines verschollenen Sohns, der ein vorbildlicher Soldat gewesen war, blickt. Im Irak hatte sich die Seele seines Sohns verstümmelt. Er war nicht heimgekehrt. Auch die Seele des suchenden Vaters zerkrempelte sich darüber. Hier sehen wir Walt Kowalski auf der Veranda seiner Vorstadtvilla sitzen, bei dem ebenfalls die US-Fahne im Garten gehisst ist. Er versucht mit dem Rest Leben, das ihm seine Frau nach dem Tod gelassen hat, klar zu kommen. Doch längst ist der Vorortbereich, in dem er lebt, aus der Traulichkeit der gewohnten bürgerlichen Verhältnisse zum Völkerkonglomerat mutiert, in dem Jugendgängs herrschen und amerikanische Traditionen täglich zu Grabe getragen werden. Im Viertel wohnen die Hmongs, genau jener asiatische Völkerbereich also, in dem Walt Kowalski seine frühere bittere Lebenszeichnung erhalten hatte. Der Großmutter des Nachbarhauses, die von Veranda zu Veranda Tag für Tag zu ihm hinüberschaut, kann er nur hasserfüllte Blicke zuwerfen. Und auch sie spuckt aus, wenn sie ihn sieht.
Doch der Film erzählt jetzt gerade die langsame Annäherung des sonderbaren Misanthropen an das fremde Volk, das sich seine sonderbaren archaischen Sitten bis in den Vorortbereich der amerikanischen Kleinstadt gerettet hat. Als Walt Kowalski dem Sohn Thao (Bee Vang) der Nachbarsfamilie bei einer Straßenschlägerei im Grunde mehr ungewollt zur Seite tritt, hat er plötzlich alle Sympathien des Viertels auf seiner Seite. Die ungeliebten Nachbarn legen ihm fortan Schüsseln mit Leckereien, Braten und Blumensträuße vor die Tür. Erst lehnt Walt ab, dann spürt er doch die Warmherzigkeit der Menschen, die ihm nach dem Tod der Frau mehr Gefühl entgegenbringen als die eigenen Kinder. Zur eigenen Familie hat Walt ein völlig erkaltetes Verhältnis. Unnachahmlich die Schauspielkunst Eastwoods, der wie ein alter Hund zu knurren beginnt, als ihm seine Kinder den Weg in ein Altersdomizil mit allen Schikanen empfehlen und er sie kurzerhand zur Tür rauswirft.
Die verhassten Schlitzaugen, deren Landsleute er Jahrzehnte zuvor bedenkenlos niedergeschossen hätte, sind plötzlich seine Freunde geworden. Dennoch verkündet ihm auf einem Familienfest anlässlich der Geburt eines Kindes ein alter Schamane, dass er große Friedlosigkeit in sich trage. Walt, der selbst schwer krank ist und permanent heimlich auf der Toilette und anderswo Blut spuckt, steht vor seiner letzten großen Lebensentscheidung. Er kann nicht mehr weiterleben wie bisher, aber welchen Weg er jetzt beschreiten muss, weiß er auch nicht. Auch der junge Priester Father Janovich (Christopher Carley) verfolgt ihn, der der Ehefrau versprochen hatte, dem alten Kriegsveteran die Beichte abzunehmen. Er quält wie eine lästige Bremse, scheint aber doch verschüttete Fragen wachzurufen.
Als Walt ebenso ungewollt die Tochter des Nachbarhauses Sue (Ahney Her) in einer ähnlich brenzligen Situation wie bei Thao vor den Straßengängstern gerettet hat, hat er sich schließlich auch zum Intimfeind der Gang gemacht, die nun nicht nur nach Thaos und Sues, sondern auch nach seinem eigenen Leben trachtet. Während Thao, der von der Gang noch eben ausgerechnet zu dem Klau von Walts Bestem, seinem ‘Gran Torino’ - einem Superschlitten von Auto, das ungenutzt in der Garage steht - gezwungen wurde, seine Schuld jetzt in Walts Garten mit lästigen kleinen Hausarbeiten abgleichen will und muss und dabei sogar langsam Walts väterliche Zuwendung gewinnt, braut sich im Hintergrund eine noch viel dunklere Wolke der Bedrohung zusammen.
Der alte Soldat und Patriot steht vor seiner letzten Prüfung. Amüsiert liest er noch am Morgen seines letzten Geburtstags im Zeitungshoroskop, dass das Schicksal ihm eine besondere Entscheidung abverlange. Gequierlte Scheiße, raunzt er. Und doch entschließt er sich schon wenige Tage später, als die Gäng mit den miesesten Mitteln ihre Präsenz und Totalmacht im Viertel und besonders in der Familie, die er nun zu schätzen gelernt hat, kundgetan hat, selbst Gerechtigkeit am Ort zu üben. Die Frage ist, ob blutige Gewalt, List oder Überrumpelung seine Taktik sein werden. Er hat eine besondere Idee. Er entzündet sich einfach vor dem Haus der Gängster unter den Blicken aller Nachbarn eine Zigarette…
Eastwoods furioser Abschied von der Schauspielerei – einen besseren Charakterdarsteller kann man sich für diese Rolle kaum wünschen – ist ein glanzvoller Abschiedshöhepunkt seiner Karriere. Der Mann, der mit dem Revolver in der Hand seine ersten Filmerfolge feierte, tritt als Charakterheld ab, der die Vorläufigkeit aller Gewalt kennt. Walt Kowalskis Abschied ist auch Sühnung amerikanischer Verbrechen auf Zelloloid, der Film trägt streckenweise religiöse Züge. Amerika bekennt Schuld. Der Film klingt aus mit einem minutenlangen Stand-by auf das Meer vor der Westküste, an dem der stolze junge Thao schließlich den begehrten Wagen die Küstenstraße entlangfahren darf. Und der Schauspieler und Sänger Eastwood singt zunächst mit seiner eigentümlich tonlos raunzigen Stimme den Titelsong: „Gran Torino“…
USA/ Australien 2008
Regie: Clint Eastwood
Produktion: Adam Richman
Robert Lorenz
Bill Gerber
Clint Eastwood
Jenette Kahn
Drehbuch: Nick Schenk
Dave Johannson
Musik: Kyle Eastwood
Darsteller: Clint Eastwood
Christopher Carley
Bee Vang
Ahney Her
Brian Haley
Brian Howe
Dreama Walker
Verleih: Warner Bros. Pictures
116 Min.
Joe Schmidt / 22.04.09
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