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Der Filmblog

Der Tastenstürmer: The Sound Of Silents

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In memoriam Willy Sommerfeld

In den Neunzigern konnte man ihn, dies Fossil aus der Stummfilmära des deutschen Films, noch im Berliner Arsenal fast jeden Monat erleben: Willy Sommerfeld. Den letzten noch lebenden Stummfilmpianisten, der jetzt kurz vor Weihnachten 2007 sein Leben beschloss. Er begleitete in einem Stil die Stummfilme, die bei uns seit den 70ern wiederausgegraben wurden, der eine ganze vergangene Epoche wiedererstehen liess, die Zeit, als der Film noch nicht sprechen und nur Bilder schenken konnte. Er selbst, der knapp Hundertjährige, begleitete die Filme mit einem improvierenden Enthusiamus, der einen fühlen ließ, wie die Filme damals, in den Zwanzigern, vielleicht begleitet und gehört wurden. Oder vielleicht noch mehr als das. Wenn er die stumme Mimik der Bilder begleitete, vor deren künstlerischen Aussage er sich stets als dem überlegeneren Part respektvoll verneigte, konnte er ein ganzes Filmorchester mit seinen beiden Virtuosenhänden ersetzen.
Der Film ist eine Hommage an den alten Kapellmeister, der sich einst in den Zwanzigern als junger Student sein Geld damit verdiente, sein Brot mit dem Begleiten von Filmen in sicherlich auch vielen zweitrangigen Filmen zu verdienen. Der Film lässt sprechende Augenblicke des Lebens des jüdischen Musikers revue passieren und ist bis auf ein paar Mitschnitte von Fans nunmehr zum einzigen Dokument geworden, das sein Werk festhält. Seine Frau, die Dame des Hauses, die einst nur seine Bewunderin war, blättert für den Zuschauer mit ihm gemeinsam alte Familienalben durch und lässt den langen Lebensweg noch einmal lebendig werden. Die Kindheit, mit sechzehn den Abschluss in der Violine, die ersten Schritte nach Berlin, Brotarbeit als Musikredakteur ("Herr Sommerfeld, Sie müssen was essen!"), erste Engagements etc. etc. Der Kampf um die künstlerische Freiheit wird zum Kampf gegen die Nazis, bei dem er nicht nur Siege erringt. Die Nazis jagen ihn ständig, Sommerfeld wechselt die Wohnungen, muss oft zur Untermiete wohnen. 1945 spielt er als einer der ersten am heutigen Berliner Metropol am Nollendorfplatz die verfemte amerikanische Musik. Er schreibt Bühnenmusiken, arbeitet als Dirigent an verschiedenen Theatern, spielt Schallplatten ein, steigt dabei aber nie in den Rang der ganz großen Stars auf, vielleicht weil ihm der Ellenbogen dazu fehlt.
Als nahezu Unbekannter stellte er sich eines Tages in den Siebzigern dem Berliner Arsenal zur Verfügung, ob er vielleicht Stummfilme am Klavier begleiten dürfe. In diesen Jahren begannen die Stummfilme ihren künstlerischen Wert erneut zu zeigen. Sommerfeld begeistert noch immer in den Augenblicken, wo er zeigt, wie spontan Musik sein kann. Bei einer Probe fragt er einen Mitarbeiter, sag mir eine Stimmung. Und der sagt: Zorn. Und Sommerfeld überwältigt die Zuhörer mit losbrechenden Akkorden, bis der letzte Ton sitzt. Dann schlägt er den Deckel des Klaviers zu und guckt sein überraschtes und begeistertes Gegenüber spitzbübisch an. Punkt. So spontan und schnell kann Musik sein.
Beim Hinblicken auf die vorüberziehenden Bilder der Filme, die er selbst zuvor nie sah, entwickelte er seine Musik - das Bild diktiert die Musik, sagt Sommerfeld -, aus den spontan erfassten Szenen brechen die Wogen der Musik hervor wie Eruptionen, Springfluten einer unerschöpflichen Phantasie.
Sommerfeld begleitete alles, Murnaus Grauensvisionen, Metropolis, Jannings-Filme, vor allem seinen Lieblingsfilm, ‘Der letzte Mann’. Vielleicht war er auch selbst so ein letzter Mann? In dem Film, den er so sehr liebte, muss der alternde Hotelportier, der die schweren Koffer für die Hotelgäste nicht mehr tragen kann, sein Amt schließlich aufgeben, seine Existenz. Die Entscheidung, der Beschluss, der von der Hotelleitung kommt, verdichtet sich schließlich zum sprechenden Symbol: ein Mann, eine Epoche tritt ab. Doch Sommerfeld trat auf, als er hätte abgegangen sein müssen, er widersprach der eigenen Lebensgeschichte, indem er sein Licht zu zeigen begann, als seine gesamte Generation schon abgegangen war.

Die Gunst des grösseren Publikums hat Sommerfeld so erst spät kennen gelernt, vom Sohn, der praktizierender Schauspieler ist, wird er noch animiert, stärker den Weg des Komponisten zu gehen. Geblieben sind unter anderem die Vertonung der Ringelnatz-Lieder. ‘The Sounds of Silents’ ist eine Hommage an einen ungeheuer gebildeten, mitreißenden, im klassischen Stil komponierenden Musiker, der noch die Zaren-Hymne am Klavier improvisieren, unzählige Liedvertonungen unserer Klassiker spontan in seine Musik einbeziehen konnte. Still bleiben wird die Erinnerung an ihn so schnell nicht.

Regie/Drehbuch: Ilona Ziok
Produktion: Ilona Ziok, Manuel Goettsching
Matthias Wrage, Vera Lasturkova
Kamera: Sergey Jurisditsky
Darsteller: Willy Sommerfeld, Doris Sommerfeld, Sebastian Sommerfeld
Verleih: Horch und Guck, Berlin
80 Min.

Joe Schmidt / 25.06.08

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