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Der Filmblog

Der Gott der Schwulen: Milk

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Der Film zeichnet ebenso wie der ‘Baader-Meinhoff-Komplex’ jüngste Zeitgeschichte nach. Er beleuchtet die amerikanische Homosexuellenbewegung am Lebensbild des Lokalpolitikers Milk, der in den 70ern als erster bekennender Homosexueller in die hohe Politik aufstieg. Er erzählt die Geschichte eines kleinen Geschäftsmannes, der sich 1972 mit seinem Lebensgefährten in San Francisco niederließ und zunehmend in die Politik geschleudert wurde. Und das nicht etwa aus Langeweile und Karrieresucht, sondern weil die Homosexuellen in dem Viertel um die Castro Street, in dem sie lebten, zunehmend geistlosen Aggressionen der Polizei ausgesetzt waren. Ganz so wie übrigens auch die revoltierenden Studenten in Berlin ständig mit Attacken geistlosen Hasses seitens der Polizei auf Straßendemonstrationen rechnen mussten. Doch die Homosexuellen-Bewegung war stets mehr in der Defensive, musste sich nicht nur Vorwürfe der Feindschaft gegen traditionelle Gesellschaftswerte, Kirche und bürgerliche Ehe gefallen lassen, sondern auch des schlimmen Vorwurfs der Anomalität, der Krankheit und der Zersetzung. Ihr Kampf war und ist – jenseits der Wertungen – erstmal ein Kampf ums Überleben, mindestens ums Überleben in den gesellschaftlichen Lebensbedingungen.

Und Milk (Sean Penn) kämpft. Und wie er kämpft. Sein kleines Geschäft wird bald Kommunikationszentrum für Andersdenkende, Anlaufstelle und Umschlagpunkt für gesellschaftlich Entwertete, Organisationsszentrum für neue Ideen für eine lebenswertere Zukunft. Sein Gegner sind jedoch nicht einfach nur die gesunden Normalen, sondern pikanterweise in Amerika gerade die, die Gottes Stimme persönlich auf Erden und vor allem in der Politik vertreten wollen. Hauptgegner in der Politik ist eine Frau, die im Fernsehen zunächst erfolgreich Werbung für Orangensaft machte, bevor sie zum religiösen Fanatismus konvertierte, Anita Bryant, eine bibbeltreue Christin, die vor sexuellen Perversionen und Kriminalität im selben Atemzug warnt. Ihr Erfolg ist lange Zeit beeindruckend, repräsentiert sie doch in einer angegriffenen traditionellen Gesellschaft die sicheren Wahrheiten. Doch die Diskriminierung der Homosexuellen nimmt immer groteskere Züge an, bald genügt es, als Lehrer in einer Schule einen als homosexuell verdächtigten Kollegen zu unterstützen, um selbst bösen Verdikten zu verfallen.

Milk kämpft sich eisern von Wahlkampf zu Wahlkampf. Sein Lebensgefährte Scott Smith (James Franco) verlässt ihn, der es nicht mehr erträgt, dass Harvey selbst beim Nudelnessen von Politik spricht. Ein verrückter Junge von der Straße folgt ihm plötzlich, den Harvey bei sich aufnimmt. Doch Milks Herz gehört einer Idee, dem lange aussichtslosen Kampf um Bürgerrechte für Menschen, die nur anders und unverständlich leben. Als er einmal von einer Kampfdiskussion zu spät heimkehrt, findet er seinen neuen, etwas spleenigen Lebensgefährten Jack (Diego Luna) aufgehängt im Bad vor. Harvey war vielleicht nur eine Viertelstunde zu spät nachhause zurückgekehrt. Ein Leben eben mehr für den Kampf, die Bewegung, auch wenn das Ohnmachtsgefühl lange erhalten bleibt.

Als endlich ganze Landstriche Milk als Supervisor akzeptieren, scheint die Bewegung ihren Glückshorizont erreicht zu haben. Doch Milk hat einen furchtbaren Gegner, der sein Leben doch noch zur Tragödie werden lässt. Es ist der Demokrat Dan White, ein kräftiger Ex-Polizist, bravourös von Josh Brolin gespielt, der die traditionellen Werte der Gesellschaft verkörpert und weitervertreten will. Oder es versucht. Politik ist ja immer auch ein dramatisches Spektakel, es geht darum, Interessengruppen wirkungsvoll zu vertreten. Weil der Trend der Zeit nun plötzlich auf Milks Seite zu stehen scheint, fühlt sich White zunehmend vom Schicksal getäuscht. Er, der Milk selbst noch zur Taufe seines Sohns eingeladen hatte, beschließt schließlich, seinen opernliebhabenden Freund, Kollegen und Erzfeind aus dem Weg zu räumen…

Der Film stellt jüngste brisante Zeitgeschichte nach. Milks Lebensschicksal, sein aufopferungsreiches kurzes Leben, das dann brutal beendet wurde, ist eine filmische Metapher für erlittenes Unrecht in einer Gesellschaft, die noch nicht zum Umdenken bereit ist. Nicht nur die amerikanischen Bürgerrechte verbriefen ja das Recht zur Selbstbestimmung. Es geht nicht um die Wahrheit bestimmter Lebenssstile, sondern um die Teilhabe an den für alle gültigen Gesellschaftsrechten. Unübertrefflich sympathisch spielt in diesem filmischen Glanzstück Sean Penn selbst den mitunter mehr smiligen, dann wieder durchsetzungsstarken Anti-Politiker, der plötzlich ins Licht der Öffentlichkeit gestoßen wird mit einem Anliegen, das so heikel ist. Selbst wenn er am Ende seinen Kopf dafür hergeben musste, ist er zum Gott einer Bewegung geworden, die ihm noch immer gern die Lichter des Andenkens entzündet.

USA
Regie: Gus van Sant
Drehbuch: Dustin Lance Black
Produktion: Bruce Cohen
Dan Jinks
Michael London
William Horberg
Bruna Papandrea
Barbara A. Hall
Musik: Danny Elfman
Darsteller:
Sean Penn
Emile Hirsch
Josh Brolin
James Franco
Diego Luna
Jack Liva u. a.
Verleih: Constantin Film
128 Min.

Joe Schmidt / 15.03.09

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