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Der Ausgetrunkene Sound der Liebe: Blue Valentine

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Nichts ist furchtbarer als alternde und zerbröselnde Liebe. Der Film ist ein Liebesfilm in Gestalt eines sanft anwachsenden Horrorszenarios. Horror ist vor allem der Alltag, der bekanntlich bei alternden Liebespaaren so unerhört bedrückend sein kann. Und es müssen nicht mal Mittsiebziger sein, die das erleiden. Plötzlich kann man dem Anderen einfach nicht mehr beim Essen zusehen, ohne tiefen Widerwillen zu empfinden, auch wenn er dabei mit dem eigenen Kind herumalbert. Hauptdarsteller des Films sind Cynthia (Michelle Williams) und Dean (Ryan Gosling), zwei Menschen, die einfach nicht mehr fähig zu ihrer Liebe sind, dann aber plötzlich um ihr verlorenes Glücksmoment ringen. Damit holen sie das Verlorene tatsächlich, wie es scheint, für länger wieder ein. Ein kleines Wunder.

Wir sehen in Rückblenden zunächst eine Geschichte, die einfacher nicht sein könnte. Ein Möbelpacker stößt in einem Altenheim zufällig auf eine hübsche Blonde, in die er sich spontan verguckt. Er steigt ihr nach, indem er ihr zunächst nur das Kärtchen seiner Möbelpackerfirma in die Hand drückt, auf das er aber keine Antwort erhält. In einem Bus sehen sie sich schließlich wieder und verlieben sich richtig ineinander. Es knallt.

Der Zuschauer sieht die beiden im Taumel ihres ersten großen Glücks. In einer unvergleichlichen Szene auf der Straße singt er für sie und spielt, sie steppt dazu. Der erste Besuch bei den Eltern, ausgerechnet, nachdem er gerade von ihrem Ex-Freund auf seinem Möbelpackerhof vertrimmt worden ist. Mit einem blauen Auge gesteht er dem gestrengen Vater Cindys am Familientisch ein, dass es ihm ernst mit der Tochter sei. Da sie sonst anders mit Männern umging, merkt der Vater, dass hier etwas Neues angefangen hat. Der Ernst der Liebe oder so ähnlich. Hübsch, wenn der forsche Möbelpacker bei den Eltern der jungen Studentin am Mittagstisch sitzt und auspackt, dass er es mit Professoren nie so recht hatte. Die hätten schon so komische Namen. Und im übrigen wüsste er nicht einmal, was seine Mutter jetzt so macht. Der Vater sei ein Hausmeister und könnte aber unvergleichlich gut alle Instrumente. Er, der Proll, scheint völlig nach dem Vater gekommen. Sie ist eine aufstrebende Medizinstudentin, auf die die Eltern stolz sind.

Die beiden sind dennoch ineinander verkrallt. Als ein Kind kommt, akzeptiert Dean, dass es Cindy wahrscheinlich nicht einmal von ihm hat.Eine unerträglich realistische Szene. Cindy will sich das Embryo absaugen lassen. Erst im Krankenhaus ein entblößendes Gespräch mit einer Arztassistentin, wieviele Männer sie schon hatte. Zimperlich war sie offenbar nie. Doch wen kümmert das jetzt? Sie schütteltden Kopf. Niemand, so scheint es. Der Arzt hält schon das Besteck in den Händen. Er muss abbrechen, weil Cindy plötzlich nicht mehr weiter will. Sie will das Kind doch. Vor der Tür wartet ihr neuer Freund, Dean.

Eine schöne, wenn auch unauffällige Szene: wie Dean Cindy glücklch umarmt, als er erfährt, dass sie der Absaugung doch nicht zugestimmt hat.

Doch mit den Jahren hat die Liebesmaschine eben furchtbar zu krächzen und zu ächzen angefangen. Dean hat heute einen Schmerbauch und trägt eine dämlich arrogante Sonnenbrille. Die beiden hält nurgerade noch das Kind zusamnmen, Frankie (Faith Wladyka), die von den Problemen der Eltern nicht so viel spürt. Dean trinkt, seine lebensfrohe Leichtigkeit ist zur Nachlässigkeit degeneriert. Cindy geht im Normaltakt ihrem Job in einem Arztbüro nach. Der Sound der Liebe ist ausgetrunken.

Alles kulminiert in einem bizarren Finalszenario in einem Hotel, in das sich die Eheleute zurückziehen wollen, um einmal dem Alltagsfrust zu entfliehen. Die Kamera arbeitet hier mit quälend direkten Nahaufnahnmen, wenn der Film in die Gegenwart umspringt. Eigentlich will nur er es noch. Sie ist ohne jedes Gefühl für die Beziehung inzwischen. Sie hatten zwischen dem ‚Liebeszimmer‘ und dem ‚Zukunftszimmer‘ im Hotel wählen können und wählten schließlich das Zukunftszimmer, weil das erstere schon besetzt war. So improvisiert, wie ihre schnelle erste Liebe damals war, sind Zukunft und Zukunftszimmer symbolhaft tatsächlich jetzt etwas, das noch freisteht.

Unerhört gut gespielte Szenen, die eindeutig den Höhepunkt des Films darstellen. Alles, was sie ihm jetzt noch im Hotelzimmer bieten kann, ist ein hasserfüllt er, quasi willenlos gewordener Liebesleib, der gerade noch ein Verlangen nach gewalttätiger Liebe hat. Dean spielt ihr sentimental eine alte CD mit einem Lied vor, das sie damals gemeinsam in der ersten Zeit hörten, auch wenn es jetzt keine weckende Kraft mehr hat. Sie sitzen beieinander am Abendtisch, er beteuert erst, er liebe sie noch immer. Doch sie wirft ihm vor, er mache ja nichts aus seinem Leben. Dann tanzen sie gequält, eine Passion auf Frührente.

Nach der missglückten futuristischen Mondscheinnacht, die in Suffund Verzweiflung endet,kann eigenlich nichts mehr kommen. Doch dann kommtdie unerwartete Wendung des Films. Er folgt ihr plötzlich morgens ins Büro. Er sorgt für Aufsehen. Der Chef kommt, es kommt sogar zur Prügelei. Ihr Ekel steigert sich, die Situation eskaliert. Blue Valentine endetsonderbarerweise in einer Art Faschingszauber, bei dem der Zuschauergar nicht weiß, wie ihm geschieht. Soll die Tragödie im Verwandlungszauber enden? Der Valentinstag ist gerade Tag der Liebenden. 

USA 2010
Regie: Derek Cianfrance
Drehbuch: Joey Curtis
Cami Delavigne
Derek Cianfrance
Kamera: Andrij Parekh
Produktion: Alex Orlovsky
JanniePatricof
Lynette Howell
Darsteller: Ryan Gosling
Michelle Williams
Mike Vogel
Reila Aphrodite
John Doman
Faith Wladyka
John Doman
Ben Shenkman u. a.
Verleih: Senator Film
112 Min.

Joe Schmidt / 12.09.11

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