Der Filmblog
Das Lied von der Liebe: Zerrissene Umarmungen
Es ist so ewig und so uralt wie die Menschheit selbst, das Lied von der Liebe. Und es wird wohl auch alle Zeiten überdauern. Auch der neue Film von Almodovar singt es uns in ein paar schönen Strophen nach. Es ist zweifellos ein sehr trauriges Lied, weil es von der großen, umwerfenden, schmerzenden Liebe erzählt, die nicht von dieser Welt ist und vergehen muss.
Ein erfolgreicher Regisseur wechselt das Fach und will zur leichten Muse überwechseln, der Komödie. Er ist kurz vor dem Casting. Da stellt sich ihm eine junge, ihm unbekannte Schauspielerin vor, die gern mit ihm arbeiten will. Das Vorsprechen misslingt. Aber zwei Menschen sind voneinander fasziniert. Der Regisseur wählt sich die junge Frau, die eigentlich nur eine zum normalen Leben verurteilte Sekretärin aus einfachen Verhältnissen ist, als Protagonistin seines neuen Films aus. Die beiden, wie könnte es anders sein, verlieben sich ineinander. Sie verknallen, verkrallen sich ineinander, sie vergessen die Realität. Sie fühlen plötzlich nur noch den Feuersog ihrer Liebe in sich.
Lena (Penelope Cruz) indessen ist liiert mit einem Finanzmagnaten, Ernesto Martel (Jose Luis Gomez), einem Senior, der sie umklammert hält wie ein durstiger, alter Gaul, der trinken will vom Born der Jugend und der Liebe bei ihr. Als er spürt, das sein streng gehütetes Kleinod Schauspielerin werden will, schrillen bei ihm die Alarmglocken, und er entschließt sich kurzerhand, Produzent des Films zu werden, um noch die Stränge in der Hand behalten zu können. Sein schwuler und ein wenig missratener Sohn Ray X (Ruben Ochandiano) soll die Drehbarbeiten mit einer Handkamera mitdokumentieren, der das auch mit penetranter Sorgfalt tut.
Doch die Realität der Liebe ist nicht aufzuhalten. Der selbst liierte Regisseur Mateo Blanco (lluis Homar) und die jung gekürte Schauspielerin lieben sich, begehren sich, geben alles her. Auch der eifersüchtige alte Gockel und Gaul fühlt, begehrt, nur anders, böse. Der Eifersüchtige stellt ihnen nach. Er lässt sich die Dokumentation des Sohns allabendlich vorspielen. Es gibt prekäre Szenen, die er sich in Gegenwart einer Lippenleserin entziffern lassen muss. Der Verratene misshandelt bald sein Kleinod immer mehr, bis die beiden Liebenden nach dem letzten Take davonfliegen und flüchten in eine fernste Gegend der Welt, wo sie für ein paar Augenblicke unentdeckt bleiben können.
Ihre Liebe ist zum Scheitern verurteilt. In antikisierender Gebärde lässt der Film kurz eine Filmszene aus Rosselinis „Viaggio in Italia“ anspielen, wo Ingrid Bergmann in Tränen ausbricht im Angesicht von zwei Liebenden, die von der Schicksalslava des pompejanischen Vesuvausbruchs zum Tode verurteilt wurden. Im Augenblick der Umarmung wurden sie von der Gesteinslava überrascht. Lena weint, wie die Bergmann weint in Rosselinis Film. Und in dieser Mehrfachverschachtelung des Films im Film spüren wir, dass der Regisseur weiß, dass er ein uraltes Thema aufnimmt, das Lied von der vergehenden Liebe. Mateo Blanco greift zur Kamera mit Selbstauslöser, um den höchsten Augenblick ihrer Liebe festhalten zu können, dem die furchtbare Peripetie sogleich folgt. Im Grunde ist die Szene von abgefahrener Coolness. In diesen tränenschweren Augenblicken vollendet sich ihre Liebe, der Regisseur denkt jedoch noch an ein Festhaltenkönnen im Bild.
Schon wenige Stunden später ist alles vorbei. Als die beiden von ihrem Fluchtort nach Hause fahren wollen, ist die Premiere des Films, an dem sie gearbeitet haben, längst vorüber. Ernesto Martel hat nicht nur ihre Liebe, sondern auch ihren Film verflucht, verstümmelt und in ihrer Abwesenheit dem enttäuschten Publikum vorgesetzt. Auf der Heimfahrt fährt ihnen ein Wagen in die Seite, Lena ist sofort tot, Mateo erblindet.
Ausgelöst ist die Rückblende der ganzen Erzählung durch einen Besuch des jungen schwulen Sohns des Produzenten Jahre später beim erblindeten, einst so erfolgreichen Regisseur. Gerade ist der Vater gestorben. Der junge Martel will jetzt selbst einen Film drehen und Rache üben an seinem Vater. Er denkt als Regisseur dabei ausgerechnet an sein bewundertes Vorbild Mateo Blanco, der jetzt nur noch die Schattenexistenz eines praktisch erfolglosen Drehbuchautors führt. Der junge Martel erzählt ihm die Geschichte von einem Vater-Sohn Konflikt, den er verfilmen will. Ein junger künstlerisch ambitionierter Mann leidet unter der Überautoritöt seines Vaters. Mateo Blanco lehnt ab. Er zeigt Geschmack. Die Filmidee ist ihm zu persönlich. Mateo Blancos Sohn Diego (Tamar Novas), inzwischen selbst erfolgreicher Jungkünstler, hört seinem Vater, als er für ein paar Tage nach einem Drogenexzess das Bett hüten muss, aufmerksam zu, wie sein Vater diese ganze Rückblende vor ihm entwirft. Endlich lernt er seinen blinden Vater kennen.
Almodovar hat vor allem seine Muse Penélope Cruz in diesem Film im Film unsterblich gemacht. Sie belebt noch die unscheinbarsten Szenen im Film Mateo Blancos, von denen uns Almodovar um der Dramaturgie des Films willen sogar nur die schlechtesten Takes zumutet, weil genau die der eifersüchtige Martel in der Abwesenheit der beiden Liebenden zu einem hässlichen Verschnitt verrührt hatte, um die Premiere und den Erfolg des Films kaputtzumachen. So hässlich, so hasserfüllt kann Liebe sein. Und so traurig für die Anderen, Betroffenen.
Wir aber sind glücklich, einen neuen Almodovar in den Kinosesseln genießen zu dürfen.
Spanien 2009
Regie: Pedro Almodovar
Drehbuch: Pedro Almodovar
Produktion: Esther Garcia
Agustin Almodovar
Musik: Alberto Iglesias
Darsteller: Penelope Cruz
Lluis Homar
Blanca Portillo
Jose Luis Gomez
Tamar Novas
Ruben Ochandiano
Lola Duanas u. a.
Verleih: Tobis
128 Min.
Joe Schmidt / 08.09.09
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