Der Filmblog
Das erlösende Wort: The King’s Speech
Sie kämpfen gemeinsam um seine Sprache, hasten Zungenbrecher herunter, springen und hüpfen auf der Stelle, lallen und schreien aus dem Fenster. Der stotternde Berti muss sich lockern, im Kreis tanzen, sich entspannen, bei lautem Beethoven ins Mikrofon Shakespeare rezitieren. In jedem Fall muss er sich von seinem Sprachlehrer Lionel in dessen proletarischer Therapeutenklause furchtbar demütigen lassen. Lionel redet ihn mit Vornamen an, geht mit ihm äußerst burschikos um, ihm, der, eigentlich nur im Familienkreis liebevoll Berti genannt wird, der Herzog von York, der spätere König George Vi.
Der Film ist ein Historiendrama, fast eine Komödie, aber vor sehr ernstem Hintergrund. Als Georg V. von England stirbt, ist der Thronnachfolger Edward VIII. (Guy Pearce) in mancherlei Hinsicht ungeeignet. Er ist leichtlebig veranlagt, unsicher in Staatsgeschäften und liebt zudem eine Amerikanerin, die im Begriff ist, sich gerade von ihrem Mann scheiden zu lassen. Ein moralisches Unding für das englische Königshaus. Als Edward selbst spürt, dass sein Rückhalt für die Regentschaft zu gering geworden ist, überlässt er seinem stotternden Bruder das Feld. Das Problem von dessen Regentschaft ist vor allem und eigentlich nur das eine: das seines Stotterns. In einem Zeitalter, in dem der König nicht nur stattlich zu Pferde sitzen und eine gute Figur abgeben muss, ebenfalls ein Unding, wenn auch auf andere Weise.
Das ist der sentimental-politische Hintergrund des Films, der mehr die Freundschaft zweier ungleicher Menschen beleuchtet, die aufgrund ihrer unterschiedlichen sozialen Herkunft und gesellschaftlichen Rangstellung einander sonst wohl nie begegnen würden im Leben. Doch Berti, kongenial von Colin Firth verkörpert, der noch eben in ‚A Single Man‘ die Rolle des George Falconer bewunderungswürdig verkörperte, hat schon alle Ärzte durch, alles, was Methode und Kniff versprach, von der bekannten Steine-im-Mund-Sprechakrobatik des griechischen Redners Demosthenes angefangen. Jetzt schien nur noch dieser etwas exzentrische Australier Lionel Logue (Geoffrey Rush) helfen zu können, nicht einmal ein approbierter Arzt, wie sich später herausstellen wird, sondern nur eine Art gescheiterter Schauspieler, der allerdings für seine unkonventionellen Heilmethoden bekannt ist. Erst quittiert Bertie seine Dienste sofort wieder, dann legt er sich versehentlich ein paar Wochen nach der Probesitzung die aufgenommene Schallplatte aus der Therapiestunde auf, in der er selbst fehlerfrei Shakespeare gesprochen hat. Er ist verblüfft und bittet den unkonventionellen Wunderheiler um Entschuldigung.
Der Film recherchiert die Fakten. König Georg VI, der Vater und Vorgänger von Queen Elisabeth II, gehört nicht zu den Größten im Geschichtskabinett der englischen Könige. Doch seinen Sprachfehler, der nicht angeboren war, machte er wett mit dutzenden Radioansprachen gegen Hitler, bei denen ihm Lionel Logue half, wie eine Amme des Worts. Logue, der die gesellschaftlichen Ränge verachtete, respektlos vor Hierarchien war, verstand es, einem König zu seiner Sprache zu verhelfen. Als der Vater ihn zaghaft an die ersten Radioansprachen ans Volk heranführen wollte, endete es stets noch als Desaster. Jetzt aber, nach Jahren, sind Fortschritte spürbar, der König kann plötzlich doch Ansprachen halten, bei denen man nicht nur Mitleid hat, sondern die hörbaren Schwächen nicht mehr ins Gewicht fallen.
Georgs Radioansprachen während des zweiten Weltkriegs waren ein Zeichen der Ermutigung und des Widerstands gegen das Hitler-Regime. Der Film steuert auf die große Ansprache zu, wo der König Englands Eintreten in den Krieg gegen Hitler vor dem Volk glaubwürdig und verständlich machen will. Lionel bietet sein Äußerstes, Berti alias Georg VI meint geradezu zum Schaffott gehen zu müssen, so wenig drängt es ihn, eine öffentliche Ansprache zu halten. Dass sich die Zwangspausen vor jedem neu artikulierten Wort als bewusstes Innehalten, Zögern und Nachdenklichkeit verstehen lassen, hilft ihm und macht die Ansprache am Ende sogar zu einer ergreifenden Rede.
Der Film, der gerade zum großen Oscar-Erfolg des Jahres 2011 geworden ist, verdient seine Aufmerksamkeit. Dass er ausschließlich im Biografischen und Psychologischen schwelgt, lässt sich ihm nicht vorwerfen, obwohl er das Schlaglicht zweifellos mehr auf die Individualcharaktere wirft. Eine Hitler-Ansprache wird kurz eingeflochten, um auf das Demagogentum Hitlers zu deuten. Da ist einer, dem die Sprache allzu leicht fällt. Der stotternde König zollt dem wahnsinnigen Diktator im Beisein seiner Kinder während einer Fernsehübertragung ironisch Zoll („Ich weiß nicht, was er sagt, aber er sagt es gut“). Das ist von Krankheit zersetzte Sprache. Entscheidend ist jedoch das Wort, das Mut hat, das Böse zu bekämpfen.
Der Film ist formal wie inhaltlich erstaunlich konservativ gebaut, er umkreist eine ungewöhnliche Männerfreundschaft und erzählt eine recht einsträngige Geschichte, in der die Gewichte von Gut und Böse klar verteilt sind. Dass der Film in allen entscheidenden Sparten oscargekrönt von der Bühne schreitet, bleibt bei allem Respekt erstaunlich.
Großbritannien/ Australien 2010
Regie: Tom Hooper
Drehbuch: David Seidler
Kamera: Danny Cohen
Musik: Alexandre Desplat
Darsteller: Colin Firth
Michael Gambon
Geoffrey Rush
Helena Bonham-Carter
Timothy Spall
Guy Pearce u. a.
Verleih: Central Film
118 Min.
Joe Schmidt / 20.03.11
Um Nutzer-Kommentare zu erstellen, müssen Sie eingeloggt sein. Klicken sie auf Kontrollzentrum, um sich einzuloggen oder einen Account zu erstellen.
Nutzer-Kommentare
Zu diesem Beitrag existieren noch keine Kommentare.