Der Filmblog
Das Brot der Anarchisten: Poll
Wunderbare Bilder entführen uns in eine fremde alte Welt. Irgendwo am Rande des deutschen Reichs, im fernen Baltikum, kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, der das alte Europa in Schutt und Trümmer zerlegte, lebt eine großbürgerliche Familie in langsam zerbröckelnder Harmonie miteinander. Ihr stolzes Oberhaupt ist ein Revolutionär seines Fachs, Ebbo von Siering (Edgar Selge), ein Mediziner, Gehirnforscher, der dunkle Gedanken im Kopf hegt, er sucht das Böse im Gehirn des Menschen, anatomisch. Doch das Fach reagiert böse auch auf ihn und verwirft ihn wie eine These, leibhaft, verdrängt ihn an die Ränder des Reichs, beraubt ihn seines Lehrstuhls.
Da kommt die junge Tochter, eine gerade Vierzehnjährige, als der eigentliche Kiesel der Herausforderung, auf den Gutshof. Sie kommt mit dem Leichnam der Mutter auf der Kutsche gefahren, aus dem fernen Berlin. Die Mutter ist gerade verstorben, Oda (Paula Beer) begleitet den Sarg zum letzten Gang. Mit dem jungen Mädchen kehrt Unruhe auf das Gehöft ein.
Dies junge, ein wenig altkluge Mädchen ist eine spätere Schriftstellerin, deren Jugendjahre der Film in einer Art Rückblende erzählt. Hier, auf diesem Gutshof Poll, erfährt Oda ihre ersten Impulse, die sie ein Leben lang begleiten werden. Nach dem Tod ihrer Mutter liebt sie niemanden mehr. Sie leidet. Ihr Vater, ist mit seiner Arbeit im Laboratorium geradezu krankhaft verbunden und beugt sich über die Gehirne Toter, die in Wassergläsern schwimmen. Alles deutet darauf, dass er getötete Zarengegner aufgekauft hat, um an dem Gehirnmaterial arbeiten zu können.
Nachts oder abends liegt Oda am Grab ihrer Mutter und schreibt Tagebuch. Wenn der junge Paul (Enno Trebs) kommt, der sie heiraten möchte, sagt sie, sei still, du bist ein Lügner. Denn sie will schreiben oder besser gesagt: schreien, wie sie es ausdrückt. Der neue Film von Chris Kraus beleuchtet die Frühgeschichte eines Genies, dessen verborgene Liebe zu Anarchie und Abenteuer die Geschichte erzählenswert macht. So ganz befreit er sich aus der historischen Kostümage nicht, der Film, denn die Porträtierte, eine praktisch vergessene Lyrikerin der ersten Jahrhunderthälfte des vergangenen Jahrhunderts, ist kein Pendant zur Jenny aus ‚Vier Minuten‘, einer echten anarchistischen, selbstmordgefährdeten Rebellin, die in vier Minuten Musik ihr Wesensextrakt der Welt entgegenschreien kann.
Doch Oda verliebt sich in einen Anarchisten, einen Flüchtling des Zarenreichs, der zufällig bei einer Schießerei überlebt hat und auf dem Gutshof Poll Zuflucht sucht. Sie bringt dem Gestrandeten, der nur mit knapper Not dem Tod entronnen ist, Essen, Rasierzeug, Und sie entfernt ihm eine Kugel aus der blutenden Wunde. Sie versteckt ihn heimlich auf dem Dachboden des Laboratoriums des Vaters. Während sie ihn versorgt und etwas neuen Lebensmut einträufelt, schenkt er ihr das süße Gift der Anarchie. Er ist ein verbotener Schriftsteller gewesen. Er weckt in ihr eine schlummernde Sehnsucht nach dem Schreiben. Schreiben heißt Einfühlen, sagt er einmal. Kämpfen, meint er.
Sie nennt ihn Schnaps. In einem unbeobachteten Moment hat sie ihm aus dem Laboratorium des Vaters Schnaps gestohlen. Der wurde dem vagabundierenden Rebellen zum Lebensexier. Doch der Herr Schnaps lebt gefährlich. Ein paar unvorsichtige Tritte auf dem Dielenboden des Dachgeschosses, und er ist entdeckt. So plant er denn auch die Flucht, bei der sie ihm helfen soll. Sie stiehlt ihm einen Revolver, oder besser gesagt: lässt klauen. Paul tut es für sie und wird dafür ganz heftig bestraft.
Schon wenige Tage später steht der Gutshof vor dem Abgrund. Der Verwalter des Gutshofs, Mechmershausen (Richy Müller), zündet im Zornesrausch, dass er seine Geliebte verloren hat, Milla (Jeanette Hain), die neue Ehefrau des Professors, das ganze Laboratorium an. Fast geht auch Oda dabei in Flammen auf, denn sie wollte dem Anarchisten bei der Flucht folgen wie eine junge Geliebte, der sie im letzten Moment freilich chloroformierte, um sie vor dem tollkühnen Abenteuer zu schützen. Nun können nur noch Minuten ihr Leben retten. In dem flammenden Inferno gehen alle Illusionen zugrunde.
Die Kulisse des Meers, die das ins Wasser gebaute herrschaftliche Anwesen der Sierings majestätisch umrahmt, schenkt den imposanten Ewigkeitsrahmen, vor dem sich das Drama abspielt, wie überhaupt der Tod allgegenwärtig ist in dem Film. Selbst die zelebrierte Familienmusik wechselt sich in schnellen Bildern mit der gewagtesten Wundoperation ab, die die Vierzehnjährige durchführt. Dass es die Tage und Wochen kurz vor dem Ausbruch des ersten Weltkriegs sind, die wir beobachten, schenkt dem erzählerischen Material eine wohl beabsichtigte, aber dennoch geglückte Mehrsprachigkeit.
Der Film malt in trunken machenden Farben und einem kraftvollen Score ein zerbröckelndes Idyll am Rande der damaligen Welt des Deutschen Reichs. Selbst die Dialektsprache zu rekonstruieren, kann für die Regiearbeit kein Leichtes gewesen sein. Das Thema des Films ist dem von Hanekes ‚Weißem Band# verwandt, aber er umgeht spürbar völlig den Charakter des Morbiden, weil es die ungewöhnliche Liebe zwischen den zwei Ungleichen in den Mittelpunkt stellt, die die Zeit übertölpelt. Nicht zuletzt die brillante Besetzung und die sichere Hand des Regisseurs sichern dem Film einen höchsten Rangplatz in der gegenwärtigen Filmlandschaft.
Deutschland/ Estland/ Österreich 2010
Regie: Chris Kraus
Drehbuch: Chris Kraus
Produktion: Alexandra Kordes
Meike Kordes
Danny Krausz
Rina Sildos
Musik: Annette Focks
Darsteller: Edgar Selge
Paula Beer
Tambet Tuisk
Richy Müller
Jeanette Hain
Enno Trebs u. a.
Verleih: Piffl-Medien
133 Min.
Joe Schmidt / 25.02.11
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